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Insgesamt 17 Thesen haben verschiedene bekannte Internet-Journalisten gestern in einem Internet-Manifest aufgestellt, in denen sie mutmaßen, wie der Journalismus der Gegenwart funktioniert. Zu den Partizipatoren zählen Größen wie Markus Beckedahl (netzpolitik), Mercedes Bunz, Thomas Knüwer oder auch Sascha Lobo.

Das „Internet-Manifest“ zielt als Antwort auf Verlautbarungen wie die „Hamburger Erklärung“ der Verlage ab, die ein Leistungsschutzrecht im Internet zu erreichen gedenken. Der Ansatz der insgesamt 15 beteiligten Journalisten wurde auch gleich auf breiter Front aufgegriffen: Während Meedia und die Internet World Business sich mit Kritik zurück halten und den Inhalt nur wiederkäuen, schätzt kress.de das Dokument als überheblich und wenig innovativ ein und auch Turi2 spricht dem Manifest die notwendige Neuheit ab.

Auch Fischmarkt kritisiert das Papier scharf, und spricht im den Status eines Manifests à la Cluetrain Manifesto (vor zehn Jahren publizierten vier Autoren in 95 Thesen das Verhältnis von Unternehmen und ihren Kunden im Zeitalter des Internets und der New Economy) ab: „Umso enttäuschender ist die geballte Mittelmäßigkeit, die aus den Behauptungen und ihrer Beweisführung spricht. Viele Gemeinplätze, wenig Kontoverses, dafür eine Reihe steiler Thesen und überaus optimistischer Annahmen.“ Auch die Kommentare der verschiedenen Besprechungen sowie unter dem Manifest selbst gehen kritisch mit dem Text um.

Zwischen berechtigter Kritik und Schwarz-Weiß-Denken

Darüber, dass ein neuartiger Journalismus angebrochen ist, der die bisherigen Methoden und Strukturen ebenso aufbricht wie das Tempo und die Aktualität der Berichterstattung, dürfte sich wohl jeder einig sein. Und dass die etablierten Medienmacher diese Pille nicht gerade unkommentiert schlucken, dürfte den 15 Kreateuren des Manifests auch klar gewesen sein. Dennoch ist der geäußerten Kritik in vielerlei Hinsicht zuzustimmen: Es fehlt an Neuartigkeit und viele der Thesen spiegeln einen naiven Glauben in das Internet wider, der bereits um das Jahr 2000 und früher vorherrschte. Der amerikanische Traum eines Thomas Paine, nachdem sich das ganze Volk unter einem Baum versammeln und Demokratie machen kann, fand schon früh durch das Internet seine Renaissance und wurde zwischenzeitlich auch mal wieder begraben.

Dass wir als Medienmacher des Internets alle diesem Traum dennoch anhängen, weil wir an ihn glauben, ist sicherlich Ehrensache. Warum würden wir sonst im Internet Texte veröffentlichen? Im Sinne eines ernst gemeinten Diskurses um dieses Thema, das uns schon so lange prägt sollte die Frage dann wohl lauten: Was besser machen? Schließlich motzen wir Deutschen schon mal gerne, doch wer motzt sollte auch Vorschläge zur Verbesserung machen. Ein „Dieses Manifest ist nicht innovativ, sondern kalter Kaffee!“ kann nicht reichen.

Vielleicht besteht ein erster Schritt darin, das Schwarz-Weiß-Denken aufzugeben. Es gibt nicht die Medienhäuser und den Internet-Journalismus. Da wo das Internet-Manifest den Medienmachern alter Schule Ignoranz und überkommene Strukturen vorwirft, schmeckt man gleichzeitig eine gewisse Arroganz und Selbstgefälligkeit heraus. Und bei dem ein oder anderen erahnt man mehr den Wunsch im Gespräch zu bleiben. Für den berechtigten Diskurs um das Thema muss man ihnen dennoch Dank und Tribut zollen.

Aber was sagt denn die Praxis? Es zeichnet sich doch vielmehr ein Bild der Hybride ab, bei dem die klassischen Medien mit neuen Methoden experimentieren und das Online-Völkchen sich den alten Formen zum Teil bewusst verschließt, sie zum Teil gezielt integriert. Dass viele große Medienkonzerne Twitter nachwievor dennoch nur als einen weiteren Absatzkanal betrachten und gar nicht als den lange gewünschten Rückkanal, mag auf einem anderen Blatt stehen. Ebenso wie der Umstand, dass der Online-Journalismus das Rad auch nicht neu erfunden hat, sondern mit vielen Elementen durchaus klassische Wege beschreitet.

Vom Pimmelfechten zur Symbiose

Mir hat sich einmal eine sehr amüsante und gleichermaßen charmante Begebenheit zu diesem Thema erschlossen: Im Gespräch mit einem seit rund 20 Jahren tätigen Journalisten kam irgendwann das Thema Online-Formate auf. Und ich bemerkte, dass besagter Journalist seine Formate alle als „Blogs“ betitelte, weil ihm das Wort, dessen Prägung ich mir wünschte – „Magazin“ – zu starr, alteingesessen und abgenutzt erschien. Während „Magazin“ für uns die Noblesse der schreibenen Zunft schlechthin bedeutete, war „Blog“ für ihn der Inbegriff des moderenen und von der Masse getragenen Contents. Gemeint haben wir exakt dasselbe.

Mein Insight daraus war, dass wir gar nicht so extrem anders dachten – im Gegenteil, es zeigte sich, dass uns exakt dasselbe vorschwebte – aber wir betrachteten die Onlinewelt durch eine andere Brille. Die Forderung, dass der Online-Journalismus einer neuen Format-Diskussion bedarf, scheint mir ungemein wichtig und richtig. Die Diskussionen um das Internet als Hort der Kinderpornographie kann ich schon lange nicht mehr hören. Aber dem klassischen Journalismus die Grabrede zu halten und die Onlinewelt als Nonplusultra und Spielwiese der Zukunft zu erklären, langweilt mich inzwischen in einem ähnlichen Maße.

Diese Debatte kam bisher bei jedem neuen Medium auf und blieb auch dem Fersehen nicht erspart. Es wurde ebenso verteufelt, wie das Internet heute in mancher Polit-Debatte. Selbst das Comic hatte sich ähnlichen Vorwürfen zu stellen. Aber statt gegenseitig seine Schniedel zu vergleichen, sollten wir vieleicht über eine Journalismus-Symbiose als neues Stichwort nachdenken. Die Stärken beider Ansätze verbinden. Nicht der „klassische“ und der „Online-Journalismus“, sondern ein moderner Journalismus, der den Wandeln der Gegenwart gerecht wird. Ob da Label dann Blog oder Magazin heißt, ist doch egal, so lange der Content exzellent ist…

Just my 2 Cents.