felix ploetz

Ein Auszug aus dem ersten Kapitel des Buchs „Das 4-Stunden-Startup“, von Bestseller-Autor Felix Plötz. Das Werk soll Mut und Lust machen, etwas zu gründen – ohne dafür den Job kündigen zu müssen.

Mit neunzehn wollte ich Pilot werden. Das klang nach großer Welt und Abenteuer, aber gleichzeitig nach Verantwortung und viel Geld. Es klappte nicht mit dem Fliegen, denn ich scheiterte in der letzten Assessment-Runde. Aber das Ziel, einen Job mit viel Geld, Abenteuer und Verantwortung zu bekommen, blieb. Fünf Jahre später unterschrieb ich meinen ersten Arbeitsvertrag für ein internationales Traineeprogramm in einem Großkonzern.

Nachdem es zuvor mit der Pilotenkarriere nicht funktioniert hatte, studierte ich Wirtschaftsingenieurwesen. Zum einen, weil ich ganz gut in Mathe und Physik war, zum anderen, weil ich nicht den Hauch einer Ahnung hatte, als was ich später mal arbeiten wollte. Als Wirtschaftsingenieur könne man fast alles machen, so hieß es. Und zumindest damals im Frühjahr 2008, als die Finanzkrise noch ein gutes Stück davon entfernt war, sich zu einer globalen Wirtschaftskrise auszuweiten, stimmte das.

Ich konnte mir meinen Start in das Berufsleben aussuchen. Der Job war gut bezahlt, bot aussichtsreiche Karriereperspektiven und eine steile Lernkurve. Einige Monate früher als geplant beendete ich mein Traineeprogramm, um die ersten Stufen auf der Karriereleiter zu erklimmen. Erst wurde ich Vertriebsingenieur, achtzehn Monate später Area-Sales-Manager mit Vertriebsverantwortung für sieben Länder und etwa 30 Millionen Euro Umsatz. Als ich neunundzwanzig war und der nächste Karriereschritt anstand, entschloss ich mich zu kündigen.

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Mein Plan war bis dahin offensichtlich aufgegangen: Ich verdiente gut, reiste viel, genoss meinen Status und meinen Erfolg. Ich hatte nur ein einziges Problem: Ich wurde das Gefühl nicht los, im falschen Film gefangen zu sein.Mein Leben war – ohne dass ich es richtig mitbekommen hatte – mit der Zeit furchtbar eindimensional geworden. Es bestand nur noch daraus: arbeiten, kaputt nach Hause kommen, mich in meiner Freizeit mit Facebook, Fernsehen und anderen Belanglosigkeiten beschäftigt halten, die Wochenenden herbeisehnen und ab und zu den Kontostand checken.

Immerhin war dies der einzige Maßstab, der mir das Gefühl gab, zumindest ein bisschen in meinem Leben voranzukommen. Ansonsten hatte ich immer häufiger das Gefühl, zwar mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs zu sein – nur dabei vollkommen die Richtung aus den Augen verloren zu haben.Ich raste durch mein Leben – und stagnierte gleichzeitig. Es klingt paradox, aber so war es. Genauso wie das Gefühl, niemals für etwas Zeit zu haben, und gleichzeitig jede freie Minute mit aller Macht totzuschlagen.

„Ich muss“, war meine Lieblingsformel: „Ich muss nur noch kurz diese Mail schreiben, dann komm ich gleich zu dir, Schatz. Nein, wir können uns nicht treffen, ich muss dringend Sport machen.“ Oder: „Nein, ich habe am Wochenende keine Zeit, ich muss endlich meine Steuererklärung machen.“ Ich musste vieles, doch von dem, was ich wollte, hatte ich keine Ahnung. Ich hatte Pläne, keine kitschigen Träume. Das dachte ich zumindest.

Doch auch wenn ich keine Träume hatte, gab es trotzdem etwas: eine leise Stimme. Am Anfang war sie nur manchmal da, und wenn, dann war ich der Einzige, der sie hören konnte – lange Zeit existierte sie nämlich nur in meinem Kopf. Sie sagte: „Was zum Teufel machst du hier eigentlich? Ist das wirklich alles? Geht das die nächsten vierzig Jahre so weiter?“ Doch je häufiger ich meine Tage damit verbrachte, zehn Stunden auf den Monitor vor mir zu starren und gefühlte zweihundert Mails am Tag zu beantworten, wurde diese Stimme immer lauter.

Bis es eines Tages so weit war und diese Stimme plötzlich meine eigene war. Es war ein typischer Montagmorgen, wir standen in der Teeküche unseres Großraumbüros, als ich mich sagen hörte: „Eigentlich würde ich gerne mal was ganz anderes machen.“ Mein Kollege schaute mich an und erwiderte, ohne zu zögern: „Ich auch.“

So war das also. Ab diesem Moment wurde „Eigentlich würde ich gerne mal …“ unsere neue gemeinsame Lieblingsformel. Wir sagten sie ständig und murmelten dabei die verrücktesten Ideen in unsere Kaffeetassen: Man müsste mal dieses machen, jenes erfinden, und eigentlich wäre XYZ doch eine super Geschäftsidee. Wir malten uns den Erfolg in den schillerndsten Farben aus, immer garniert mit den Erfolgsgeschichten von anderen, die „einfach mal gemacht“ hatten und durch ihre Ideen reich und berühmt geworden waren.

Doch wir machten es nicht. Denn so bunt unsere Phantasie auch war, endete sie jedes Mal im Dunkelgrau der Realität: Waren unsere Träume auch noch so groß, kündigen wollten wir bestimmt nicht. Dafür ging es uns mit unseren Jobs viel zu gut, Geld und Sicherheit waren uns beiden wichtig. Irgendwann war uns klar: Es gab in dieser Situation lediglich zwei Alternativen: entweder weiter im Luftschloss wohnen bleiben, es sich dort also Woche um Woche ein wenig gemütlicher einrichten – mit dem Wissen, dass es immer beim „Eigentlich würde ich gerne mal“ bleiben würde.

Diese Tagträumerei einfach weiterzuführen war gar keine so abwegige Option, wie man meinen könnte. Immerhin war sie mit der Zeit fast zu einem gemeinsamen Hobby geworden: Es machte wirklich Freude, zusammen verrückten Träumen nachzuhängen. Der Nachteil war allerdings, dass sie Träume blieben. Unser Weg blieb genauso vorgezeichnet, wie er es immer schon war, inklusive der Perspektive, das gleiche Einerlei des Alltags für die nächsten vierzig Jahre bis zur Rente zu haben.

Die zweite Variante war aussichtsreicher, klang aber im ersten Moment völlig unrealistisch. Sie lautete: Etwas nebenher machen – das Potenzial einer Geschäftsidee austesten, ohne dafür gleich zu kündigen. Jeder traf für sich die beste Entscheidung – aber es waren zwei verschiedene.

Mein Kollege, zweiundvierzig Jahre alt, verheiratet, Haus, Kinder, konnte kein eigenes Projekt mal eben nebenher starten – egal, wie er es anstellte, und egal, wie groß oder klein es werden sollte. Es passte einfach nicht: Das Zeitfenster dafür hatte sich einige Jahre zuvor geschlossen, und es würde noch dauern, bis die Kinder aus dem Gröbsten raus waren und es sich wieder öffnete. Für mich hingegen gab es diese Hindernisse nicht: Ich hatte weder Haus noch Kinder noch sonstige ernsthafte Verpflichtungen.

Für mich stand das Zeitfenster weit offen. Noch. Das war mir bewusst, genauso wie die Tatsache, dass dies nicht ewig so bleiben würde. Es war die Geburtsstunde der dritten Formel, und sie hieß: „Wenn du es jetzt nicht machst, dann machst du es nie.“ Sie wurde ein tägliches Mantra – und ich fing an.

Das 4-Stunden-Startup: Wie Sie Ihre Träume verwirklichen, ohne zu kündigen, von Felix Plötz

Broschiert, 256 Seiten, Verlag: Econ, EUR 16,99

Kindle Edition, Verlag: Ullstein eBooks, EUR 14,99

Artikelbild: SARAH RUBENSDÖRFFER

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