7mind

Die 7Mind-Gründer Manuel Ronnefeldt (26, links) und Jonas Leve (30)

„Schließe die Augen“, haucht mir eine zugegebenermaßen angenehm entspannte Männerstimme aus dem Smartphone entgegen. „Spüre deine Füße, und wie sie den Boden berühren. Nimm sie einfach nur wahr.“ In Ordnung. Meine Augen sind zu, ich sehe nur schwarz. Um mich herum herrscht Trubel, es ist ziemlich laut. Das stört mich nicht. Oder zumindest sollte es so sein. Denn ein Grinsen kann ich mir trotz des säuselnden Digital-Mentors einfach nicht verkneifen.

Nicht, dass ich alleine wäre: Die Gründer der Meditier-App 7Mind machen bei ihrer eigenen Entspannungsübung mit. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Sache anfangs dennoch.

Am Rande der Heureka-Konferenz hatten wir uns zu einem Interview verabredet. Jetzt sitzen wir an einem kleinen runden Holztisch, kerzengerade (der virtuelle Guru wollte es so), die Füße fest auf dem Boden – und meditieren.

Irgendwann erklärt uns die Stimme, wir könnten unsere Augen wieder öffnen. Sieben Minuten Dunkelheit inmitten vieler wuseliger Menschen sind vorbei. Ich schaue in die Gesichter von Manuel Ronnefeldt und Jonas Leve, beide studieren Wirtschaft an der Universität Witten/Herdecke. Beide schauen völlig ernst – und sehen dabei tatsächlich sehr entspannt aus.

Anzeige

Macht Ihr das öfter, Euch einfach mal aus dem Alltag ausklinken?

Manuel: Ich meditiere jeden Morgen 20 Minuten lang, und zwar ohne App. Die nutze ich zusätzlich etwa zwei Mal am Tag. Einmal wenn ich alleine bin, außerdem im Büro. Das hilft mir, wenn ich gedanklich umschalten muss, von einem auf ein anderes Projekt wechsle.

Jonas: Ich mache das auch nach dem Aufstehen. Dazu experimentiere ich viel, besuche Klöster. Ich finde es sehr angenehm, dem Alltag blockweise zu entfliehen.

Meditation, das klingt nach Klangschalen, Räucherstäbchen und Om. Wie macht man aus etwas negativ Behaftetem ein Geschäft?

Manuel: Das war genau der Punkt, der uns anfangs an das Thema herangeführt hat. Meditation ist eine Jahrtausende alte, großartige Methode, die bewiesenermaßen funktioniert, bei einem Großteil der Bevölkerung aber ein Riesen-Imageproblem hat. Wir mussten das Ganze also von jeglicher Esoterik befreien und aus dem religiösen Kontext herauslösen. Auch 7Mind hat keinerlei buddhistische, christliche oder hinduistische Bezüge. Wir sehen die Meditation als weltliche Methode.

Du sagst, die Wirkung von Meditation sei „bewiesen“. Gibt es dafür Belege?

Manuel: Professor Tania Singer aus Leipzig befasst sich intensiv mit Meditation, unter anderem in ihrem „Resource Project“. Sie hat zusammen mit mehreren Studienteilnehmern, auch mit Unterstützung einer App, meditiert und den Gemütszustand der Teilnehmer anschließend ausgewertet, sie zum Beispiel in einen MRT geschoben. Tatsächlich lassen sich da im Vergleich zur Ausgangssituation Unterschiede erkennen. Besonders deutlich wurde das beim buddhistischen Mönch Matthieu Ricard, der sehr häufig meditiert. Wir arbeiten bei 7Mind mit Tobias Esch zusammen, der dazu unter anderem in Harvard lehrt.

Jonas: Jeder, der es mal ausprobiert, braucht diese wissenschaftlichen Erkenntnisse meiner Meinung nach überhaupt nicht mehr. Diese Fakten sind wichtig, um die Leute neugierig zu machen. Man muss ihnen erst einmal zeigen, dass die graue Substanz im Hirn bei Leuten wächst, die meditieren.

Manuel: Ich überzeichne das jetzt mal ein wenig: Einem typisch deutschen, rationalen Ingenieur und Physiker kannst du nicht mit Befreiung und Glück kommen. Man muss ihm eine Kurve zeigen, die von eins auf zehn geht. Erst dann versteht er, worum es geht und steht der Sache offener gegenüber. Ich war das beste Beispiel: Vor sechs Jahren hatte ich mit dem Thema nichts am Hut. Dann bin ich nach Indien gekommen, habe mich auf Meditation eingelassen. Und siehe da, ich war begeistert davon.

Jonas, da Du in Indien warst: Hast Du das Projekt dann auch gestartet?

Jonas: Die Idee ist gemeinsam entstanden: An der Uni haben wir vergangenes Jahr einen Kongress für Familienunternehmen organisiert, der unter dem Motto „Neuland“ stand und auf dem alternative Ansätze in der Wirtschaft präsentiert wurden. Dabei sind wir auf Paul Kohtes als Keynote-Speaker zum Thema Achtsamkeit und Meditationstraining in der Wirtschaft gestoßen. Er hat schon viele Vorstände und Geschäftsführer gecoacht, CDs und Bücher rausgegeben. Gemeinsam haben wir dann mit der App-Konzeption begonnen.

Gestresste Angestellte, frischgebackene Mütter – wen wollt ihr mit 7Mind erreichen?

Jonas: Wir wenden uns tatsächlich weniger an Menschen, die schon länger meditieren, die ihren Modus bereits gefunden haben. Uns geht es vor allem darum, jüngere Leute anzusprechen, die Meditation ausprobieren wollen. Da ist so eine kostenlose App der perfekte Einstieg. Du musst dich nicht anmelden, dich nicht informieren, dich nicht vor fremden Leuten in irgendeiner Art und Weise „öffnen“. Du kannst sofort loslegen, auch im Flugzeug oder in der Bahn.

Manuel: Das geht aber auch über die junge Generation hinaus. Unsere aktivsten Nutzer sind bisher die 40- bis 50-Jährigen, die ein Smartphone haben und Meditation per se offen gegenüberstehen.

Anzeige

Wie unterscheidet Ihr Euch von anderen Anbietern, zum Beispiel Headspace aus den USA?

Manuel: Wir sind weltweit die Einzigen, die Meditation für den Alltag von Mitarbeitern in Unternehmen anbieten.

Du sprichst wahrscheinlich von der Corporate Edition Eurer App.

Manuel: Richtig. Die Version zur privaten Nutzung ist kostenlos und steht schon im Store. Gegen Sommer wollen wir dann zunächst die wesentlich umfangreichere Mindful Leadership Edition launchen, die sich gezielt an Führungskräfte richtet. Zeitnah soll dann auch die Corporate Edition folgen, die sich an das gesamte Unternehmen wendet. Der Preis wird je nach Mitarbeiterzahl variieren.

Der Blick in die Kristallkugel: Wo steht Ihr heute in einem Jahr?

Manuel: Heute in einem Jahr ist die 7Mind-Privatversion die größte deutsche Meditations-App und wir haben 100.000 Menschen, die sowohl in der Corporate als auch in der Mindful Leadership Edition meditieren.

Jonas: Dann werden wir auch über Internationalisierung nachdenken. Das wäre auch sinnvoll für Unternehmen, die weltweit tätig sind. Wie gesagt: Etwas vergleichbares gibt es in der Welt noch nicht. Und es wäre natürlich schön, wenn wir damit die ersten wären.

Bild: Georg Räth/ Gründerszene