Das Team von 99chairs. In der Mitte: Die Gründer Frank Stegert (3.v.l.) und Julian Riedelsheimer (4.v.l.)

Ein Bett, das eigentlich nur aus Bierkisten mit einer Matratze besteht? Oder ein Couchtisch, der nur eine Spanplatte auf Bücherstapeln ist? Für diese Konstruktionen dürften sich viele „zu alt“ fühlen – eine schöne Einrichtung soll her, so wie auf den Milliarden Fotos bei Pinterest, Instagram oder Houzz. Das Problem: Hatten wir während der Ausbildung viel Zeit, aber kein Geld, ist es heute genau andersherum. Und wer sich einmal durch ein Einrichtungsgeschäft oder – noch schlimmer – Möbelseiten gekämpft hat, weiß, wie kompliziert es sein kann, die eigene Wohnung aufzuhübschen.

Das Startup 99chairs will es Menschen, die ein schicke Wohnung wollen, einfacher machen. Die Idee: Die Berliner entwickeln für ihre Kunden ein bezahlbares Wohnkonzept mit Hilfe eines persönlichen Innenarchitekten. Kunden müssen dafür auf der Website zunächst einen dreiminütigen „Style-Check“ machen. Mit der Eingabe ihrer persönlichen Daten erfahren sie ihren persönlichen Stiltyp. Bis hierhin ist das Angebot noch kostenlos. Anschließend können Kunden zwischen einem Premium-Paket für 169 Euro und dem Master-Paket für 299 Euro wählen.

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Entscheidet sich der Kunde für das günstigere Paket, kann er zunächst angeben, wie viele Zimmer eingerichtet werden sollen. Jeder Raum kostet extra, der Betrag kann allerdings mit den gekauften Möbeln verrechnet werden, wenn die Gesamtsumme einen bestimmten Preis übersteigt. Für einen Hausbesuch des Innenarchitekten nimmt das Startup 69 Euro, für eine Farbberatung 39 Euro. Hat der Kunde seine Kontodaten angegeben, wird ihm ein Innenarchitekt vorgeschlagen, der ein Raumkonzept mit passenden Möbeln und Accessoires entwirft, die dann direkt über das Startup bestellt werden können.

Von Mathematik zu Möbeln

Frank Stegert und Julian Riedelsheimer haben 99chairs gegründet. Kennengelernt haben sich die Freunde im Studium an der TU München. Sie teilten sich eine Wohnung, Riedelsheimer studierte Wirtschaftsinformatik, Stegert Mathematik. Ein gemeinsamer Freund zog schließlich mit seiner Freundin zusammen, stand vor einer leeren Wohnung und suchte Hilfe bei der Auswahl passender Möbel. „Wir haben gedacht, dass es vermutlich nicht nur ihnen, sondern auch vielen anderen so geht“, erzählt Julian Riedelsheimer im Gespräch mit Gründerszene.

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Ein von 99chairs (@99chairs) gepostetes Foto am

Die Idee für 99chairs war geboren. Zusammen bastelten beide Gründer abendelang in der Küche an einem Konzept. Im März 2014 wurde das Startup offiziell gegründet. Natürlich gab es auch schon ähnliche Konzepte in den USA. Die beiden Gründer orientierten sich vor allem an den Unternehmen Havenly und Laurel & Wolf. Die Gemeinsamkeiten sind erstaunlich, die Seiten sehen in Teilen fast identisch aus, das Konzept ist vergleichbar. Sogar ein Foto für den „Style-Check“ ist dasselbe. In Deutschland konkurriert 99chairs beispielsweise mit Indecorate oder Furnitects.

Nach verschiedenen Zwischenstationen sitzt das 15-Personen-Team von 99chairs jetzt in einem Büro in der Berliner Novalisstraße, 30 freie Innenarchitekten kümmern sich um die Kunden. Bereits 2014 konnten die Gründer eine sechsstellige Finanzierung vom HTGF, Astutia und mehreren Business Angels wie Wilfried Lembert, Mark Hartmann oder Simon Krüger einsammeln. Eine neue Finanzierungsrunde bereiten Stegert und Riedelsheimer gerade vor. Ende 2016 sollen bereits mehr als 200 neue Designer für 99chairs arbeiten, außerdem wollen die Gründer ihr Model in Frankreich und Großbritannien ausrollen.

Geld verdient 99chairs nicht nur mit den Wohnkonzepten für die Kunden, sondern auch über die Kooperationen mit den Möbelhändlern. Die Kunden kaufen die für sie ausgewählten Möbel zwar für den normalen Preis, das Startup bekommt aber von den Händlern einen Teil der Marge für jedes Möbelstück ab. Rund 30 bis 35 Prozent pro Möbelstück gehen an 99chairs – ein guter Deal, wenn ein Kunde für mehrere tausend Euro Möbel kauft.

35.000 Konzepte hat das Team von 99chairs nach Angaben der Gründer schon entworfen. Anfangs war das Angebot allerdings noch kostenlos. Den Umsatz wollen die Gründer nicht nennen. Nur so viel: „Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung“, sagt Stegert schmunzelnd.

Das Problem: Die Abhängigkeit von Möbelhändlern

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Ein Problem, das 99chairs aktuell noch hat: die Abhängigkeit von den Möbelhändlern. Wird ein Möbelstück beispielsweise zu spät geliefert, gar nicht oder in der falschen Farbe, dann ist 99chairs zwar nicht Schuld, der Kunde aber trotzdem unzufrieden. „Wir sehen immer wieder Händler mit sehr unterschiedlichen Qualitätslevels in punkto Produktqualität und Zuverlässigkeit in der Lieferung“, verrät Frank Stegert. „Deshalb treffen wir zunächst eine enge Auswahl und stehen dann in offenem Austausch zu Verbesserungen im Sinne der Kunden.“

Normalerweise brauche es insgesamt acht bis zehn Wochen von der Beratung bis zur Möbellieferung, erzählt der Gründer. „Eine Interior-Designerin bei 99chairs braucht etwa eine Woche vom ersten Gespräch bis zum fertigen Designkonzept. Danach hängt die Lieferzeit an der Verfügbarkeit bei den Partnerhändlern. Wir kommunizieren das sehr offen.“

Außerdem steht auch 99chairs vor den üblichen Herausforderungen eines Marktplatzes. Es muss genügend Innenarchitekten geben, die die Anfragen der Kunden bearbeiten. Andererseits darf es nicht zu viele Innenarchitekten geben, die keine Aufträge bekommen und dann frustriert sind. „Bisher war das für uns gut berechenbar“, sagt Julian Riedelsheimer.

Ob 99chairs dann bald alle Shopping-Faulen und Möbel-Frustrierten von ihrem Leid befreien wird?

Bild: 99chairs