Albert Wenger ist Partner bei Union Square Ventures in New York

Albert Wenger ist Partner beim Twitter-Investor Union Square Ventures in New York

„Man braucht nicht jedes Detail gleich zu Beginn“

Seine Firma investiere in junge Unternehmen, die ihre Branche komplett auf den Kopf stellen können. So erklärt der Deutsche Albert Wenger das, was er als Partner bei Union Square Ventures macht. Twitter, Zynga, Kickstarter oder Etsy – der VC hat in viele Erfolgsgeschichten investiert. Auch in Deutschland: SoundCloud, der iLiga-Macher Motain und die Kreditplattform Auxmoney werden vom New Yorker Investor unterstützt. Wenger ist selbst Gründer, hat in Harvard Wirtschaft und Computerwissenschaft studiert und am MIT promoviert. Er schreibt und redet gerne über das Internet oder wie Startups die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft möglich machen können. Und er hat einige Tipps für Gründer parat.

Albert, Du hast einmal gesagt, die Auswirkungen des Internet werden genau so groß sein, wie die der industriellen Revolution. Was meinst Du damit?

Die größten Schritte in der gesellschaftlichen Entwicklung sind immer ausgelöst worden durch technische Fortschritte – Landwirtschaft, Dampf, Strom, Industriezeitalter. Nun haben wir wieder einen völlig neuen „Satz“ an Technologien zur Verfügung, die keine Verbesserung von bereits Bestehendem sind, sondern einen Quantensprung darstellen. Es ist also davon auszugehen, dass diese auch wieder zu einer großen gesellschaftlichen Veränderung führen werden.

Und die Konsequenz?

Es ist die Aufgabe der Menschen, die an der Vorfront arbeiten, darüber nachzudenken, wie die Gesellschaft in Zukunft aussehen soll. Damit meine ich Unternehmer und Investoren. Die sind in der Pflicht die Entwicklung so zu beeinflussen, dass am Ende etwas heraus kommt, was für alle besser ist.

Wie kann das in Bezug auf die Startup-Szene konkret aussehen?

Wir haben zum Beispiel sehr früh in Etsy investiert. Die Idee eines Marktplatzes für Selbstgemachtes ist etwas ganz neues, weil es vorher nicht möglich war, weltweit potenzielle Kunden direkt anzusprechen. Auf diesem Weg können Menschen auch Anerkennung finden, für das, was sie in Eigenarbeit hergestellt haben.

Gerade erst hat ein deutsches Modehaus über die Plattform das Produkt einer Frau aus einer kleinen Stadt in den USA für das eigene Angebot entdeckt. Dabei geht es nicht nur um einen möglichen kommerziellen Erfolg. Sondern eben auch um Anerkennung. Es sollte immer das Ziel von Online-Geschäftsmodellen sein, Menschen zusammenbringen.

Deswegen auch das Investment in die Fußball-App iLiga?

Das stimmt. Fußball ist eine der wirklich globalen Sportarten. Mit der mobilen App hat man eine oft sehr emotionsgeladene Angelegenheit immer in der Tasche mit dabei. Wir sehen das als Aufhänger für ein potenziell globales Netzwerk.

Es geht also darum, alte Strukturen mit neuen Mitteln zu aufzubrechen.

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Wir wissen auch nicht, wie die Zukunft ausschauen wird. Die Frage ist: Kommen neue Möglichkeiten, die den einzelnen Menschen mehr Wege zum Selbstausdruck bieten, sich selbstständiger zu machen oder mehr Einfluss zu haben auf die Politik? Investitionen und Firmen, die all das möglich machen, sind für uns interessant. Weil wir glauben, dass das der langfristige Trend des Internets ist. Dass traditionelle, hierarchische Strukturen ersetzt werden durch moderne Netzwerke. Und dass diese Netzwerke eine robustere und interessantere Organisationsform für die Zukunft sind als die klassischen Institutionen.

Kannst Du das an einem konreten Beispiel erläutern?

Etwa Kickstarter, in das wir auch investiert haben: Historisch zahlen die Leute Steuern, ein Teil davon wird für Kunstprojekte zur Verfügung gestellt. In welche Ideen das Geld fließt, bestimmen Bürokraten. Über Plattformen wie Kickstarter kann jeder entscheiden, wieviel Geld er in welches Projekt investieren will. Damit kommt auch eine emotionale Komponente hinzu, weil man sich stärker mit dem Projekt identifiziert.

Aber Ihr investiert ja nicht nur in Ideen, sondern auch in Menschen. VCs werben ja auch immer gerne damit, dass das Team im Vordergrund steht. Was macht gute Gründer aus?

Das Wichtigste ist, dass sie eine klare Vision haben von dem, was sie erreichen wollen. Und dass sie diese sowohl den potenziellen Investoren aber auch den Mitarbeitern und den Endnutzern gegenüber verständlich kommunizieren können. Außerdem müssen sie nicht nur verstehen, wie die Vergangenheit funktioniert hat, sondern auch wie die Zukunft funktioniert.

Ist das dann immer ein ganz bestimmter „Schlag Mensch“? Oder verlässt man sich dabei auf Leute, die schon einen Track Record haben, also Gründungserfahrung?

Wir haben ganz unterschiedliche Personentypen in unseren Portfoliounternehmen. Sehr viele davon haben zum ersten Mal gegründet. Gute Investitionen kommen oft von Leuten, die eine wirklich neue Idee hatten.

Aber es ist immer noch ein großer Unterschied, ein Produkt zu entwerfen oder eine Firma aufzubauen. Manchmal haben Gründer zwar eine ausgereifte Produktidee, aber zunächst wenig Gespür dafür, was ein gutes Unternehmen ausmacht. Hier wollen wir helfen.

Ist das die typische Rolle eines VCs – vom Geld einmal abgesehen?

Die wichtigste und womöglich schwierigste Aufgabe – und eine an der ich selbst noch arbeite – ist es, Menschen zu helfen, die eigenen Schwächen zu verstehen. Das größte Problem der Firmen sind die Schwächen der Gründer. Und ob sie sich ihrer Schwächen bewusst sind. Wenn man das ist, kann man Leute einstellen, die die fehlenden Fähigkeiten mitbringen.

Was rätst Du jungen Gründern, die nicht mehr haben als eine Idee und vielleicht einen ersten (Business-)Plan?

Anfangen, anfangen, anfangen. Die Grenze, an der die meisten scheitern, ist nämlich, den ersten Schritt nicht zu gehen und immer in der Planungsphase zu bleiben. Das ist auch der größte Unterschied zwischen erfolgreichen Unternehmern und denen, die es nicht schaffen. Man braucht nicht jedes Detail gleich zu Beginn.

Und wie findet man die richtige Finanzierung? VCs an Bord zu haben bedeutet ja meist auch eine Menge Druck.

Finanzierung ist immer ein Mittel, nicht ein Ziel. Es gibt viele gute Startup-Ideen, die nie VC-finanziert werden sollten. Weil sie nicht die nächste große Plattform oder das nächste große E-Business sind, sondern ein schönes (Nischen-)Geschäft. Das bedeutet aber keinesfalls, dass sie nicht erfolgreich sein können.

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Vielmehr sollte die erste wichtige Frage eines jeden Unternehmens sein: Warum brauche ich überhaupt eine Finanzierung? Erst dann sollte man überlegen, ob man sich das Geld von der Bank leiht, vom Onkel, der Tante, von Business Angels oder von einem VC. Das tolle gegenwärtig ist, dass man zum Beispiel kostenlose Rechenleistung von Amazon bekommen kann. Nimmt man Open-Source-Software und die Google-Angebote dazu, lassen sich so einige Geschäftsmodelle bootstrappen – insbesondere zusammen mit Frühzahlung oder gezielter Entwicklung für spezifische Kunden.

Wird also oft der Fehler gemacht, zu früh Geld hereinzuholen? Weil dann zu schnell auf Zahlen getrimmt wird.

Es gibt durchaus eine Reihe von Investoren, die das Geschäftsmodell schnell in eine bestimmte Richtung lenken wollen. Die mag dann nicht optimal für das Startup sein. Wenn man überzeugt davon ist, ein Geschäft mit starkem Netzwerk-Effekt zu bauen, dann braucht es natürlich Investoren, die das notwendige Wachstum unterstützen. Wenn dann zu früh auf das Geldverdienen getrimmt wird, kann man das Potenzial am Ende nicht ausschöpfen. Solche Grundfragen müssen unbedingt früh zwischen Gründer und Investor geklärt werden.

Albert, vielen Dank für das Gespräch!

Bild: Alex Hofmann / Gründerszene