Berlin-Mitte. St. Oberholz. Die Spezies Homo Sapiens an einem ganz normalen Sonntagmittag.

Es ist ein Wunder. Da krabbeln auf der Oberfläche dieses eher durchschnittlichen Planenten ein paar Säugetiere mit etwas größeren Gehirnen herum. Sie kämpfen jeden Tag um das Überleben ihrer Spezies und geraten trotzdem seit Jahrhunderten immer wieder an den Abgrund der Existenz ihrer Art. Sie bekriegen sich, fliegen unaufhaltsam hin und her, sitzen am Sonntag im St. Oberholz in Berlin-Mitte und starren in ihre Laptops. Sie lieben sich, verlassen sich, spielen Fußball, sitzen an den Stränden, können sich nicht zwischen 54 verschiedenen Joghurtsorten entscheiden und schauen Serien auf Netflix. Und dann das. Ein einzelnes Exemplar dieser mittelschlauen Spezies sitzt vor 100 Jahren an seinem Schreibtisch und erkennt, wie das Universum funktioniert. Ohne Experimente, Apparaturen oder Computer. Lediglich mit der Kraft seines Geistes.

Albert Einstein hat in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie aus dem Jahr 1915 vorausgesagt, dass es so etwas wie Gravitationswellen geben muss. Dass sie jemals gemessen werden könnten, hielt er für sehr unwahrscheinlich. Doch ein Jahrhundert später werden sie mit unserer inzwischen ausgeklügelten Technik tatsächlich nachgewiesen. Das ist also keine wirkliche Überraschung mehr. Aber es ist trotzdem eine sensationelle Entdeckung, weil diese neue Sorte von Wellen uns eine neue mächtige Technik an die Hand gibt. Bis jetzt sind wir in der Lage, elektromagnetische Wellen zu beobachten und unsere Schlüsse daraus zu ziehen. Licht, Radiowellen, Röntgenstrahlung oder Wärmestrahlung zum Beispiel. Doch nun können wir Dinge erkennen, die uns bis jetzt verborgen waren. Zum Beispiel Dunkle Materie, die Schätzungen zu Folge fast 27 Prozent des Universums bildet. Wir werden das Universum mit neuen Augen sehen und Überraschungen erleben.

Der Mensch hat sich immer schon mit Apparaten daran gemacht, seinen beschränkten Erkenntnisapparat zu optimieren. Zum Beispiel mit dem Mikroskop, dem Teleskop und schließlich, mit dem mächtigsten Instrument in der Geschichte der Menschheit, dem Computer. Die digitale Entwicklung vollzieht sich exponentiell. Für menschliche Gehirne ist exponentielles Wachstum kontraintuitiv. Wir sind einfach nicht darauf gepolt, solche rasanten Entwicklungen zu verstehen. Deshalb wird die Digitalisierung in ihrer Wirkungsmacht immer noch unterschätzt. Doch nicht von allen. Rob Nail, der Chef der Singularity University hat meinem Kollegen Stefan Dörner erklärt, dass die Technik in der Lage ist, alle Probleme der Menschheit in den kommenden 30 Jahren zu lösen.

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Denn exponentielles Wachstumg gilt nicht nur für die Leistung von Computern, sondern laut Nail für alle essentiellen Bereiche der menschlichen Entwicklung. Zum Beispiel künstliche Intelligenz, Roboter, Nanotechnologien, digitale Produktionstechnik, Medizin, Neurowissenschaften oder digitale Biologie. Die Denker der Singularity Unviversity um Nail und Ray Kurzweil sind sich sicher, dass diese Entwicklung zu einer Verbesserung unserer Lebensumstände führt. Der Mensch wird freier. Nervtötende, immer gleiche Arbeit wird von Robotern übernommen, die Medizin wird bislang unheilbare Krankheiten heilen können, autonome Autos machen Städte lebenswerter, die Bildung wird sich dramatisch verbessern. Aber was genau passiert, wenn künstliche Intelligenz schon sehr bald schlauer sein wird als der intelligenteste Mensch, ist auch für Nail und Kurzweil unvorstellbar.

Viele Kritiker wenden ein, dass dieser technologie kalifornische Optimismus zu naiv sei, es würde es am Ende immer nur darum gehen, Geld zu verdienen. Dazu hätte die soziale Entwicklung nur selten mit der technologischen Entwicklung Schritt gehalten. Das Geld und die Macht würden sich in den Händen weniger Firmen und Menschen konzentrieren. Fakt ist aber, dass bessere Wissenschaft und Technik die Lebensumstände der gesamten Menschheit langfristig immer nur verbessert haben. Nie verschlechtert. Die Armut ist zum Beispiel global gesehen in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen.

Wer sich mit solchen Gedanken tiefer auseinandersetzen will, hat schon bald Gelegenheit dazu. Beim SingularityU Germany Summit am 20. und 21. April in Berlin gibt es Gelegenheit, sich in das Thema einzuarbeiten. Was bleibt uns anderes übrig? Technik und Wissenschaft sind unsere einzige Chance, erfolgreich mit den Herausforderungen der Zukunft umzugehen. Oder? Aber jetzt ziehen wir uns an die Teleskope zurück und halten es mit Sir Francis Bacon: „Wir dürfen das Weltall nicht einengen, um es den Grenzen unseres Vorstellungsvermögens anzupassen, wie der Mensch es bisher zu tun pflegte. Wir müssen vielmehr unser Wissen ausdehnen, sodass es das Bild des Weltalls zu fassen vermag.“

Diese kalifornischen Optimisten haben das alles schon immer gewusst. Alles ist Vibration.

Foto: Frank Schmiechen