Maxim Nohroudi, Mitgründer und CEO von Allryder

Von der Reise-Suchmaschine zur Nahverkehrs-App

Das Berliner Startup Allryder entwickelt eine Mobilitäts-App für den urbanen Raum – startete zunächst jedoch lediglich als Seitenprojekt der Reisesuchmaschine Waymate. Ende 2013 legten die drei Gründer Tom Kirschbaum, Maxim Nohroudi und Stefan Kellner ihren Fokus dann vollständig auf kurze Strecken und ihr anfängliches Nebenprodukt.

Im Interview mit Gründerszene erzählt Mitgründer Maxim Nohroudi von den harten Zeiten des Bootstrappings, weshalb sich die Gründer für einen Strategiewechsel entschieden haben, wie sie sich mit Allryder gegenüber der Konkurrenz durchsetzen wollen und welche internationalen Ziele sie mit Allryder verfolgen.

Maxim, wie habt ihr euch im Gründerteam zusammengefunden? Was habt ihr vorher gemacht?

Wir sind in gewisser Weise atypische Gründer: Wir haben eine ziemlich sichere, konservative Karriere angefangen und hatten unsere Schäfchen eigentlich schon im Trockenen. Tom ist promovierter Jurist und war dann Assistent des Vorstandsvorsitzenden einer Bank. Ich war erst bei Shell in London in der Strategie und habe später das Institut für Corporate Governance an der Uni Witten-Herdecke aufgebaut. Später bin ich ins Präsidium der Uni berufen worden, war dort Vize-Präsident und Geschäftsführer. Tom ist in der Zeit auch an die Uni gekommen und hat mitgeholfen, die Uni umzukrempeln, so haben wir uns kennengelernt.

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Irgendwann kam für uns der Punkt, dass wir gesagt haben: Lass uns doch mal selber etwas machen und ein Startup hochziehen. Und im letzten Sommer waren wir an einem Punkt, dass wir eine Größe erreicht hatten, bei der es eines CTO bedurft hat – und da haben wir uns Stefan mit ins Boot geholt. Stefan hat auch einen Jura-Hintergrund, war aber eigentlich immer Techie und hat unter anderem Plazes und 7Moments gegründet.

Euer ursprüngliches Hauptprodukt war ja Waymate, eine Reise-Suchmaschine für Langstrecken. Wie kam es zu dem Schwenk zu Allryder, das ja eine App für kurze Strecken im urbanen Raum ist?

Allryder war im Prinzip zu Beginn ein Seitenprojekt. Wir hatten damals nie ernsthaft vorgehabt, den urbanen Raum zu erobern. Es war eher so, dass wir dachten, es wäre cool, Waymate auch in der Stadt nutzen zu können – und wir waren gut darin, öffentliche Verkehrsverbünde zu überzeugen, uns die Daten zu geben. Wir hatten quasi eine Zwei-in-eins-App für Kurz- und Langstrecken. So kristallisierten sich auf einmal zwei Produkte heraus und wir haben festgestellt: Wir haben auch zwei verschiedene Nutzergruppen, die sich faktisch nicht überschneiden. Also haben wir die Produkte getrennt. Die schon existierende iOS-App haben wir entsprechend zu Allryder umgebaut. Waymate ist jetzt eine reine Web-Plattform, die wir responsive gemacht haben.

Und warum habt ihr den Fokus auf Allryder gesetzt?

Wir wussten, dass wir nicht alles machen können. Wir steckten Ende 2013 in dem Dilemma, dass sich beides gut entwickelte. Bei Waymate war klar: Das Produkt steht, es wäre im Kern um Marketing gegangen, damit wir das Produkt nach vorne bringen können. Auf der anderen Seite sahen wir, wie unser ursprüngliches Seitenprojekt durch die Decke ging. Wir sahen letztlich mehr Potenzial, mehr Impact und einen größeren Markt in Allryder.

Hatte diese Entscheidung auch etwas mit eurem Konkurrenten GoEuro zu tun? Der hat sich im Sommer immerhin 27 Millionen Dollar für die weitere Expansion sichern können.

Im Gegenteil, die haben ja nach uns angefangen. Aber der Markt, in dem man sich da bewegt, ist ohnehin sehr gesättigt, da muss man gegen Player wie Expedia oder Kayak anstehen. Letztlich kochen alle dieser Player mit den gleichen Zutaten und uns war bewusst, dass wir es letztlich nur mit einer großen Marketingrunde schaffen, uns in diesem saturierten Markt ein Stück vom Kuchen abzuschneiden. Das ist genau das, was GoEuro jetzt macht – und wogegen wir uns ganz bewusst entschieden haben.

Wie seid ihr denn finanziert?

Wir hatten ja ungefähr Mitte 2011 angefangen, Waymate zu entwickeln und dann erst einmal ein Jahr lang Bootstrapping gemacht – da haben wir auch so richtig Kreide gefressen. Tom hat zum Beispiel sein Auto verkauft, ich bin wieder in ein kleines Zimmer in einer WG gezogen. Wir haben eigentlich alles versilbert, was nicht bei drei auf dem Baum war, um Liquidität für die Firma zu bekommen. Damals waren wir schon in Kontakt mit unserem heutigen Super-Angel, Günther Lamperstorfer. Er hat das ganze Jahr lang beobachtet, wie wir damit umgegangen sind, durchhalten zu müssen. Das war ihm wichtig. Inzwischen sind noch weitere Investoren eingestiegen. Gerade arbeiten wir an einer größeren Runde, damit wollen wir dann unsere Internationalisierung und Skalierung umsetzen.

Allryder ist ja nicht die erste Mobility-App. Mit den Apps der Deutschen Bahn gibt es zum Beispiel bedeutende Konkurrenz. Wie grenzt ihr euch von euren Wettbewerbern ab?

Zum einen hat man die lokalen Player der Verkehrverbunde, die sind eben auf ihre Region konzentriert und somit nur lokal eine Konkurrenz. Aber ich glaube, dass es uns gelingt, lokal ein gutes Produkt auf die jeweiligen lokalen Apps abzustimmen – insbesondere in Räumen, in denen du mehrere Verkehrsoptionen hast, die so ein Verkehrsverbund eben gar nicht abbildet. Dann gibt es auf der anderen Seite große Unternehmen wie die Bahn mit Qixxit oder Damiler mit Moovel – die haben natürlich Geld, aber denen fehlt das Team, um schnell zu entwickeln und zu testen. Da sind wir meist schon vier Releases weiter, entsprechend sind die für uns keine Konkurrenz.

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Unsere Wettbewerber sind andere: Weltweit sehe ich da zwei Unternehmen, Moovit und Citymapper. Von denen grenzen wir uns dadurch ab, dass wir alle urbanen Verkehrsmittel integrieren, also auch Carsharing und Bikesharing. Damit haben wir das umfangreichste Angebot urbaner Verkehrsmittel und können dem Nutzer volle Transparenz der Optionen zeigen. Zudem zeigen wir Live-Daten des ÖPNV an, und können beispielsweise in Echtzeit über Verspätungen informieren.

Soweit ich weiß, habt ihr auch internationale Ambitionen.

Absolut, unser Blick ist nur global! Das was wir hier bauen, ist einfach ein internationales Thema. Deutschland haben wir schon komplett abgedeckt. Letztlich sind alle großen Städte für uns relevant, in denen Public Transport eine zentrale Rolle spielt. Bisher haben wir Zürich, Wien und ganz Irland angebunden. Wir wollen beweisen, dass es uns gelingt, mit der Breite an ÖPNV in verschiedenen urbanen Räumen mitzugehen und ein gutes Produkt aus diesem bunten Spielkasten zu bauen. Und wir wollen die große Herausforderung angehen, auch Städte anzubinden, die digital noch gar nicht erschlossen sind.

Und wie wollt ihr das anstellen?

Das kann ich noch nicht verraten, aber wir haben da auf jeden Fall ein großes Bonbon in der Tasche, wie wir das umsetzen wollen.

Die App ist gratis. Wie wollt ihr mit Allryder Geld verdienen?

Die App soll auch kostenlos bleiben. Wir denken aber, das Mobilität einer der Haupttreiber für das Thema Location-based Advertising sein wird. Wir können also schon einmal über Werbung monetarisieren – aber eben über sinnvoll in der Map eingebundene Werbung, die den Nutzer nicht nervt. Außerdem wollen wir Ticketing anbieten. Das liegt nahe, wenn man mit Verkehrsverbünden zusammenarbeitet. Aber das dauert sicher noch ein bisschen, die deutschen Verbünde hinken da technisch noch hinterher. Und wir haben ein paar andere Ideen, wie wir Geld mit Allryder verdienen können und wir sind dabei, diese Ziele bis zum Ende des Jahres zu erreichen.

Wenn Du mal zurückblickst – welche Fehler habt ihr gemacht und welche Lehren ziehst Du daraus?

Tja, beim Pivot haben wir wohl ein bisschen lange gezögert, den würde ich aus heutiger Sicht früher machen. Letztlich auch deshalb, weil der Markt für ein Produkt wie Waymate bereits ausreichend saturiert war. Uns war anfangs nicht klar, welche Marketing-Bugwelle wir da vor uns hätten herschieben müssen, um irgendwas am Market-Share zu ändern. Startups sind immer gut beraten, in wachsende, entstehende Märkte reinzugehen.

Bild: Allryder