Das Ende eines Tages kann sehr schön sein. Manchmal.

Ein ganzes Jahr sind wir unterwegs gewesen. Wir hatten viele tolle Gespräche und haben eine ganze Menge Menschen aus der Startupszene kennengelernt. Eigentlich ist das der schönste Teil unserer Arbeit. Denn die Energie und der Optimismus von jungen Gründerinnen und Gründern überträgt sich auf unsere Arbeit als wichtigstes Medium der Gründerszene.

In den vielen Gesprächen sind uns ein paar Formulierungen immer wieder begegnet. Und oft haben wir uns gefragt, wie es sein kann, dass sich Floskeln und und Allgemeinplätze wie ein Virus verbreiten. Scheinbar unaufhaltsam. Für Journalisten sind Floskeln und Füllworter ein Graus, den es aus Texten herauszuredigieren gilt.

Wir haben an dieser Stelle die 10 Lieblingsfloskeln der Startupszene gesammelt und darüber nachgedacht, was sie eigentlich wirklich bedeuten. Wenn sie wirklich etwas bedeuten würden.

1. „Am Ende des Tages…“

Eigentliche Bedeutung: Vergesst doch bitte mal die vielen Probleme und Kleinigkeiten, die wir gerade haben. Das kriegen wir schon irgendwie hin. Auch wenn es weh tut. Habe zwar keine Idee, wie das funktionieren soll, aber es geht doch hier um meine große Vision. Rest in den Abteilungen. Viel Glück. Und wehe es geht schief. Dann schmeiße ich euch alle raus. Am Ende des Tages bin ich ja schließlich der Chef.

2. „Genau.“

Eigentliche Bedeutung: Was habe ich gerade gesagt? Bin so oft meine Präsentation durchgegangen, dass ich schon selber nicht mehr mitbekomme, was ich eigentlich von mir gebe. Mein Kopf ist leer und ich denke die ganze Zeit darüber nach, ob ich heute Abend noch schnell ein paar Dinkel-Nudeln im Supermarkt besorgen muss. Müsste aber eigentlich alles stimmen, was ich hier präsentiere. Wo war ich gerade? Genau.

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3. „… sozusagen …“

Eigentliche Bedeutung: Ich weiß, meine Formulierung ist an dieser Stelle total unscharf und irgendwie unzutreffend. Deshalb versuche ich es jetzt nochmal anders. Aber ich merke schon, es wird irgendwie nicht besser und verständlicher, was ich ausdrücken möchte. Eher im Gegenteil. Es wird noch absurder. Aber das ist mir vollkommen egal. Hauptsache, ich komme hier irgendwie durch und es kommen sozusagen keine Nachfragen.

4. „Execution.“

Eigentliche Bedeutung: Es ist doch ganz klar, wer hier für die großen Ideen zuständig ist. Ich. Die restlich Schritte auf dem Weg zum globalen Multi-Millionenunternehmen kann man doch jedem Management-Handbuch entnehmen. Überhaupt kein Problem. Am Ende des Tages zählt sozusagen nur die Vision. Genau. Dann wird nur noch abgearbeitet und durchexerziert. Execution eben. Mich würde das ja irgendwie langweilen. Aber man hat ja seine Leute. Das darf ich nur nicht laut sagen.

5. „Ein niedriger fünfstelliger Betrag.“

Eigentliche Bedeutung: Ja, wir haben Geld von Investoren bekommen. Aber leider nur in kleinen Scheiben. Und für jeden weiteren Euro müssen wir in denn kommenden Monaten Zahlen liefern. Sonst sitzen wir auf dem Trockenen. Na gut. Für die Außendarstellung rechnen wir die Gelder einfach mal zusammen. Hm. Klingt immer noch überschaubar. Ach, dann sagen wir einfach, dass es sich um einen niedrigen fünfstelligen Betrag handelt. Klingt doch ganz gut. Und ist ja noch durchaus drin. Erinnert sich ja bald sowieso niemand mehr dran.

6. „Dazu möchten wir uns in dieser Phase noch nicht äußern.“

Eigentliche Bedeutung: Ja, wir haben gerade echte Sorgen. Es läuft richtig mies. Und dazu möchten wir uns eigentlich überhaupt nicht äußern. Denn diese Journalisten schreiben das ja sonst auf und wir haben noch mehr Probleme. Aber jetzt habe ich ganz vergessen, dass ich die prekäre Lage gestern beim Lunch dem Freund meiner Mitarbeiterin geschildert habe. Was passiert, wenn er es seinem Journalistenfreund erzählt und der unseren Personalabbau veröffentlicht? Ach, dann reagieren gar nicht wir auf weitere Anfragen und sagen einfach, dass wir uns in dieser Phase noch nicht äußern wollen.

7. „Company“

Eigentliche Bedeutung: Firma? Pah! Klingt piefig. Unternehmen? Klingt nach Raucherpausen auf dem Hof und Krankschreibungen. Wir wollen ganz schnell ganz groß werden. Ohne diesen üblichen traditionellen Kleinkram, mit dem sich „Firmen“ herumschlagen müssen. Wir sind smart. Und schnell. Wir haben Lunch statt Mittagessen und einen Kickertisch. Betriebsrat? Später vielleicht mal. Hey, hast du nachher Lust mit in die Wilde Renate zu gehen? Da kommen noch ein paar Leute aus der Company mit.

8. „Das skaliert nicht.“

Eigentliche Bedeutung: Meine Güte. Das ist ja wirklich mal eine gute Unternehmensidee. Da hätte ich auch selber drauf kommen können. Warum bin ich eigentlich nicht drauf gekommen? Aber diese Typen haben doch in Wirklichkeit keine Ahnung. Denen fehlt einfach meine Erfahrung und Expertise. So wird das nichts mit eurem Startup, Kinder. Das skaliert doch überhaupt nicht.

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9. „Außerdem bieten wir Mentoring und gute Kontakte in die Wirtschaft.“

Eigentliche Bedeutung: Endlich haben wir ein paar halbwegs bekannte Namen gefunden, die wir auf unseren Pressemitteilungen abdrucken können. Und dann schön mit Foto auf unserer Website präsentieren. Läuft. Die müssen ja nicht unbedingt dauernd hier dabei sein. Reicht, wenn die mal einen Nachmittag vorbeikommen und sich zeigen. Wir müssen dann nur dafür sorgen, dass wir Fotos hinkriegen und sie auf Facebook posten. Die eigentliche Arbeit mit den Startups bleibt natürlich bei uns hängen. Hoffentlich interessiert sich irgendjemand aus der Wirtschaft für uns. Eigentlich haben die ja ihre eigenen Sorgen.

10. „These guys are rockstars.“

Eigentliche Bedeutung: Oh nein! Was sind das denn für Trantüten? Kommen überhaupt nicht aus dem Quark. Na ja, halt so typische Computerheinis. Aber das kriegen wir schon irgendwie hin. So ganz verstehe ich die Idee mit ihrer App ja nicht. Aber da versteckt sich hinter den fettigen Haaren und den fragenden Blicken bestimmt das nächste Snapchat. Ich habe da ein gutes Gefühl. Die Jungs werden sozusagen rocken. Am Ende des Tages. Alles eine Frage der Execution. Alles, was fehlt, ist ein niedriger fünfstelliger Betrag. Aber dazu werden wir uns in dieser Phase einfach nicht äußern. Die Company wird schnell skalieren. Sicher. Weil wir unser krasses Mentoring und gute Kontakte in die Wirtschaft haben.

Genau.

Foto: AttributionShare Alike Some rights reserved by Hernan Piñera