Amen, Felix Petersen, Hype, Hipster, Meinungsplattform

Es war eines der gehyptesten deutschen Startups schlechthin, investierten doch noch vor seinem Launch bereits namhafte VCs wie Index Ventures (www.indexventures.com) und prominente Geldgeber wie Ashton Kutcher in das neue Startup. Die Meinungsplattform Amen (www.amenhq.com) zählt zu den deutschen Hoffnungen in Sachen Innovation und Internationalität. Doch was kann Amen nach seinem Hype nun wirklich? Gründerszene unterzog das Berliner Unternehmen einer genauen Betrachtung, um dieser Frage auf den Grund zu gehen.

Zur Vorgeschichte zwischen Gründerszene und Amen

Um den geneigten Leser der Objektivität und Neutralität von Gründerszene zu versichern, ist es wohl auch angebracht, über den vorangegangenen Austausch zwischen Gründerszene und Amen-Macher Felix Petersen zu berichten, denn der ein oder andere konnte vielleicht in einem Artikel bei TechBerlin lesen, dass es hier einigen „Beef“ also Streit gegeben haben soll.

Grundsätzlich ist dieses Thema schnell erklärt: Zum einen gab es wohl einige Aufreger, dass die Baustellenseite von Gründeszenes englischsprachigem Schwester-Magazin VentureVillage (www.venturevillage.eu) eine Kopie von Amens Seite vor dessen Launch dargestellt haben soll. Der Look von dessen Startseite war aber weder als Provokation, noch als Imitation gemeint. Missverständnisse in dieser Richtung waren ungewollt.

Zum anderen verlief die Einigung darüber, wie die Berichterstattung über Amen für beide Seiten gewinnbringend erfolgen kann, ziemlich holprig. Es soll hier nicht in die Details gegangen werden, weil schmutzige Wäsche in die Waschmaschine gehört und nicht in diesen Artikel, aber Gründerszene hat weder jemanden erpresst, noch Artikel zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, der nicht vereinbart war, wie es zuletzt in dieser Debatte geschrieben wurde. Für Gründerszene ist wichtig sagen zu können, dass sich stets korrekt verhalten wurde. Diese Berichterstattung zielt auch nicht darauf ab, Unternehmen zu schaden, sondern soll vielmehr ein Bild der Szene zeichnen – dazu gehört zu jeder Zeit der Dialog mit Startups und der Respekt vor Ideen.

Gründerszene soll daher nicht dazu genutzt werden, Privates und Vergangenes breit zu treten, da es bei Gründerszene um Entrepreneure geht und nicht darum, sich selbst in den Mittelpunkt der Berichterstattung zu stellen. Vielmehr soll im Folgenden eine objektive Analyse von Amen geteilt werden, um so die Chancen von Deutschlands Hipster-Startup einschätzen und sachliche Kritik üben zu können.

An Amen scheiden sich bisher die Geister

Mit großem Hype in Deutschland gestartet, scheiden sich seit Amens Launch die deutschen Gründer-Geister vor allem an dessen strengem Schwarz-Weiß-Denken. Während die einen Amens enges Korsett als Minimalismus feiern, kritisieren andere, dass es bisher keinen Grund gäbe, das enge Amen-Korsett freiwillig zu akzeptieren, wenn doch Facebook & Co. Meinungsäußerungen mit sehr viel mehr Ausgestaltungsspielraum bei gleichzeitig deutlich größerem Nutzerkreis erlauben.

Und sowohl Gründerszenes Detail-Untersuchung von Amen (mehr dazu weiter unten) als auch die Themenvielfalt auf Amen zeigen, dass diese Einschätzung richtig sein könnte. So schrieb der Blogger Severin Tatarczyk kürzlich etwa unter dem Titel „Was bei Amen schief läuft“ (zuvor hieß es noch etwas reißerischer „Wie Felix Petersen gerade Amen ruiniert“), dass sich Amen mit zahlreichen Fun-Beiträgen „in eine Ecke treibt, in die es nicht gehört“. So darf der informative Mehrwert von Statements wie „Cleaning your ear with a Q-tip is the Best cleaning satisfaction Ever“ oder „Sending Someone Else to Say You Killed Yourself is the Best Tactic To Get Out Of Late Rental Fees and Keep The Movie“ durchaus hinterfragt werden.

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In Felix Petersen, der sich selbst mittlerweile als CEA (Chief Executive Amener) versteht und zu Treffen der AA (Amenites Anonymous) lädt, sieht Tatarczyk dabei so etwas wie Amens Pendant zu StudiVZ-Gründer Ehssan Dariani – aus Sicht der kontroversen Betrachtung beider Gründer ein nicht ganz unpassender Vergleich. Und auch Marcel Weiss bloggt über den schnauzbärtigen Unternehmer, dass er 90 Prozent von dessen Amen-Stream ausmacht. Angesichts der webaffinen Zielgruppe von Amen ein Ergebnis das Bände spricht, während der Gründer den Klamauk-Trend der Plattform womöglich noch selbst befördert.

Amen ist strukturell unvollständig

Den Themen von Amen fehlt es nicht nur an Relevanz, sondern häufig auch an Struktur. Wenn etwa zwischen „MacBook Air“ und „The new Mac Book Air“ ein Unterschied gemacht wird oder gleichgemeinte Einträge in Listen (zum Beispiel “Steve Jobs is the Best CEO Ever” vs. “steve jobs is the best CEO Ever”) nicht zusammengeführt werden, schlägt sich dies auch negativ auf das Nutzerverhalten nieder.

Zuletzt brachte es Amen laut Berechnung von Gründerszene auf gut 45.000 Themen und mehr als 114.000 Statements, was durchschnittlich gerade einmal rund 2,7 Statements pro Thema entspricht. In der Konsequenz bedeutet dies auch, dass es viele Themen ohne Response geben muss. Dabei nutzen Listen allerdings herzlich wenig, wenn die Nutzer sie nicht mit Inhalten befüllen.

Solche und andere Frühphasenmängel wie das Fehlen einer vernünftigen Suchfunktion, eines aussagekräftigen Geschäftsmodells oder einer Android-App lassen sich angesichts der frühen Phase von Amen sicherlich verzeihen. Wichtig für den Dienst ist allerdings, dass er schnell Nutzer anzieht und diese aktiv hält. Gründerszenes Untersuchung zeigt, das Amen bisher nur eines dieser Ziele umsetzen kann.

Amen: Das „strangeley addictive“ setzt nicht ein

Gründerszene unterzog Amen auf Basis öffentlich zugänglicher Daten einer näheren Betrachtung und brachte die Anzahl von Nutzern, Statements und Themen ins Verhältnis zueinander. Das Ergebnis: Amen gewinnt schnell Nutzer, allerdings bleiben diese größtenteils inaktiv. Die Ergebnisse von Amen sind in diesem Zusammenhang nicht übermäßig schlecht, aber sie gehen bisher auch nicht wie bei Twitter durch die Decke.

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In dem von Gründerszene betrachteten Zeitraum brachte es Amen durchschnittlich auf gut 1.700 Statements pro Tag, was bei rund 25.000 Nutzern von Amen ein schlechtes Ergebnis in Sachen Nutzeraktivität darstellt. Zwar steigen sowohl die Nutzer- als auch die Statement-Anzahl linear, doch der Verlauf der Statements ist wesentlich flacher. Setzt man die Anzahl der Nutzer mit der Anzahl der Statements ins Verhältnis, dürfte nur jeder 25. Nutzer pro Tag aktiv sein – eventuell sogar weniger, zumal ein einzelner Nutzer sicherlich meist mehr als nur ein Statement verfasst. In einer solchen Betrachtung sind die Amens (also so etwas wie die Likes von Amen) zwar nicht berücksichtigt, doch einerseits dürften sich diese einigermassen proportional verhalten und andererseits sind die Amens auch weniger entscheidend als der de facto erzeugte Content via Statements und Themen.

Natürlich befragte Gründerszene auch Amen-CEO Felix Petersen zu diesen Ergebnissen und gab ihm die Gelegenheit zu einer Stellungnahme und der Korrektur von potenziellen Fehlern. Von dieser Möglichkeit machte Petersen zunächst auch Gebrauch und schickte eine E-Mail mit einer umfangreichen Stellungnahme und eigenen Ergebnissen. Gründerszene wertete diese aus und berücksichtigte sie in seinem Artikel an dieser Stelle. Am gestrigen Abend veröffentlichte Petersen dann einen Blogpost zur oben beschriebenen Vorgeschichte zwischen Gründerszene und Amen, ohne dort die Möglichkeit einer Stellungnahme seitens Gründerszene einzuräumen. Am heutigen Tag erreichte die Redaktion dann kurz vor der Veröffentlichung dieses Artikels der Wunsch nach Streichung der Zitate Petersens. Gründerszene leistet dem hiermit Folge, ist aber sehr enttäuscht über den Umgang mit der Thematik seitens Amens. Um weitere Missverständnisse zu vermeiden und die Situation zu klären, wird Gründerszene mit Felix Petersen deshalb das Gespräch suchen.

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Die naheliegende Deutung dieser Daten muss also lauten, dass Amen viele Nutzer einsammelt, diese aber nicht aktiv bleiben oder die Plattform nach einem ersten Blick gar nicht mehr betreten. Mit seinen insgesamt rund 114.000 Statements brachte es Amen zuletzt vor allem auf deutsche Aktiv-Nutzer. Dies zeigt ein Blick auf die Veröffentlichungszeit der verschiedenen Statements. Spätnachmittags deutscher Zeit sind Amens Aktivitätszahlen stets besser, während in den Stunden nach Mitternacht nicht viel passiert. Wären auch in San Francisco – das neun Stunden hinter Deutschland liegt und von Amen ja aktiv über eine enge Zusammenarbeit mit TechCrunch bespielt wurde – Nutzer aktiv, sollten bei Amen am frühen Abend die Zahlen in die Höhe schnellen.

Tun sie aber nicht. Und die verschiedenen Zeit-Daten lassen noch weitere Aussagen über die Performance von Amen zu. Betrachtet man die Aktivitäts-Spitzen der Plattform (etwa am 11. Oktober, als TechCrunch über Amens App schrieb), zeigt sich, dass Lastspitzen vor allem mit der entsprechenden TechCrunch-Berichterstattung zusammenfallen und anschließend wieder deutlich abfallen.

Fazit: Die Nutzerzahl wächst, nun muss nachgelegt werden

Gründerszenes detaillierte Betrachtung macht deutlich, dass es Amen sehr gut gelungen ist, seinen Hype in Nutzerwachstum umzumünzen. Dafür, dass die Plattform noch keinerlei Marketing gemacht hat, sind sowohl Nutzeranzahl als auch -Wachstum vielversprechend, insbesondere wenn noch verschiedene Sharing-Optionen in der Mache sind. Bisher scheint es allerdings so, dass das strikte Korsett von Amen die Nutzer zu sehr einengt, sodass diese schnell inaktiv werden und weniger Statements veröffentlichen. Dabei darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass Gründerszene keine Amen-internen Daten vorlagen, sondern nur eine äußerliche Betrachtung vorgenommen wurde, die etwa die getätigten Amens nicht berücksichtigt.

Glaubt man den Ausführungen, die Felix Petersen bisher in Sachen Geschäftsmodell gemacht hat, zielt Amen businessseitig wohl vor allem darauf ab, Informationslisten auf Basis der generierten Nutzer-Statments zu erzeugen. Wenn allerdings das Matching dieser Statements technisch nicht ausgereift genug ist und die Nutzer zu sehr eingeschränkt werden und dadurch inaktiv bleiben, geht diese Rechnung nicht auf. Da Amen an dieser Herausforderung ja bereits zu arbeiten scheint, wurde der eigene Verbesserungsbedarf wohl bereits erkannt.

Amen wird sich also Gedanken machen müssen, wie sich das strikte Schwarz-Weiss-Denken ohne Verlust der Effizienz aufweichen und vor allem auch technisch nachhaltig umsetzen lässt. Das Nutzerwachstum verspricht durchaus einiges, nun gilt es „nur noch“ diese auch aktiv zu halten. Auch wenn dies zunächst einfach scheinen mag, handelt es sich dabei um eine wirklich komplexe Aufgabe, deren Bewältigung spannend zu beobachten sein wird.