Der Überraschungsexit des Jahres: Teamviewer aus Göppingen

Endlich dreistellig

Das deutsche Startup-Ökosystem hat nach Ansicht von Beobachtern mit vielen Defiziten zu kämpfen. Zwei davon sind: Es fehlt an Risikokapital für Wachstumsfinanzierungen – und es gibt zu wenige große Exits.

Beides sind bedrohliche Zustände. Warum? Ohne ausreichend große Finanzierungsrunden können Startups nicht schnell genug groß werden, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Finden keine Exits statt, so fehlt es zum einen an wichtigen Anreizen, und: Es fließt zu wenig Geld ins System zurück. Eine nachhaltig erfolgreiche Startupszene braucht beides, kräftige Fundings und lohnenswerte Exits.

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Das Jahr 2014 machte in dieser Hinsicht Mut. In der Auflistung der wichtigsten Exits und der größten Finanzierungsrunden des Jahres finden sich etwa mindestens vier Übernahmen, bei denen dreistellige Euro-Millionenbeträge gezahlt wurden – und mindestens sieben Finanzierungsrunden, die mehr als 50 Millionen Euro einbrachten. (Nicht immer sind die genauen Beträge bekannt.)

Beides hat natürlich damit zu tun, dass sich eine ganze Kohorte von Startups – die sogenannte „dritte Welle“ von Startups in Deutschland – mittlerweile in einem Alter befindet, in dem sie reif sind für Eroberungszüge, die viel Geld kosten, oder erfolgreich genug, um für kostspielige Übernahmen attraktiv zu sein.

Beispielhaft dafür ist der Markt für Lieferdienst-Vermittler. Hier brach zum einen die Berliner Plattform Delivery Hero alle Finanzierungsrekorde des Jahres: Im Januar gab es zunächst 88 Millionen US-Dollar, im April noch einmal 85 Millionen und im September schließlich satte 350 Millionen Dollar; Konkurrent Foodpanda nahm immerhin einmal 20 Millionen und einmal 60 Milionen Dollar auf.

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Zum anderen sah der Markt mehrerer Konsolidierungsschübe mit millionenstarken Exits für deutsche Unternehmen: Lieferando, 2009 gegründet, wurde im Frühjahr vom niederländischen Konkurrenten Takeaway.com übernommen, mehr als 50 Millionen Euro sollen dabei geflossen sein. Und im August kaufte Delivery Hero den deutschen Marktführer Pizza.de auf, für bis zu 290 Millionen Euro.

Ebenfalls übernahmereif zeigte sich der Berliner Adtech-Markt. Da ging es los mit dem vergleichsweise fast bescheidenen Exit für Plista, das für etwa 30 Millionen Euro an Group M ging; Sociomantic wurde nach fünf Jahren Bootstrapping für einen dreistelligen Millionenbetrag von der britischen Tesco-Tocher Dunnhumby übernommen; die Übernahme von Fyber (ursprünglich Sponsorpay) ließ sich das Medienhaus RNTS Media bis zu 200 Millionen US-Dollar kosten.

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Fast unbemerkt ging Anfang Mai der dickste Exit des Jahres über die Bühne: Für die schwäbische Softwarefirma Teamviewer zahle die Private-Equity-Firma Permira stolze 870 Millionen Euro. Der Fall ist beispielhaft aus zwei Gründen: Zum einen, weil auch die vermeintliche Provinz eine große Rolle spielt in der deutschen Digitalwirtschaft; zum anderen, weil deutsche Startups nicht mehr nur für traditionelle VCs interessant sind, sondern auch, wie in diesem Fall, für Private-Equity-Häuser – oder Hedgefonds, wie im Fall der 85-Millionen-Runde für Delivery Hero, an der sich die New Yorker Luxor Capital Group maßgeblich beteiligte.

Ebenfalls aus dem Private-Equity-Bereich kamen die 75 Millionen Dollar, die vergangene Woche in das Karlsruher (Provinz!) Big-Data-Unternehmen Blue Yonder flossen.

Solche Summen sind noch nicht Alltag in der deutschen Startupszene, aber sie werden häufiger: 60 Millionen Dollar für SoundCloud, 72 Millionen Euro für Westwing, 50 Millionen Dollar für HelloFresh. 2014 zeigte: Es läuft.

Weitere Startup-Trends des Jahres 2014 finden sich in der folgenden Übersicht.

Bild: Teamviewer