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Status Quo: Verärgerte Kunden und Sicherheitsrisiken

Android, das populärste mobile Betriebssystem, hat ein Problem: Wer sich ein Smartphone oder Tablet von Herstellern wie HTC, LG, Samsung oder Sony zulegt, kauft die sprichwörtliche Katze im Sack. Denn als zahlender Kunde hat man keine Garantie, wann und ob man mit Updates versorgt wird. Einzig die von Google selbst vermarkteten „Lead-Devices“, wie das von Samsung gefertigte Galaxy Nexus oder das von ASUS gebaute Nexus 7, bieten prompte Betriebssystem-Updates direkt von Google. Doch warum gibt es das Update-Problem überhaupt? Und was sind die Lösungsansätze von Google und seinen Partnern?

Es ist eines der größten Mankos von Android. Kritiker lieben es, diese digitale Achillesferse des Google-Betriebssystems ins Treffen zu führen. Und das Schlimmste daran ist, dass die Nörgler recht haben – zumindest auf den ersten Blick. Denn: Im Schnitt schiebt Google alle sechs Monate ein größeres Android-Update nach, das entspricht in etwa der aktuellen Update-Frequenz von Apples iOS.

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Bis diese Updates aber auf den Geräten von HTC, LG, Samsung, Sony und Co landen, dauert es durchschnittlich weitere neun Monate – im Idealfall, denn für viele Geräte gibt es noch nicht einmal ein Update auf das mittlerweile beinahe ein Jahr alte Android 4.0 Ice Cream Sandwich. Seltsam ist außerdem, dass selbst auf so manch aktuell im Verkauf befindlichen Smartphone noch die knapp zwei Jahre alte Versionsnummer 2.3 läuft.

Resultate dieses Update-Chaos sind wütende Kunden, die entweder dem jeweiligen Hersteller oder gleich Android als Ganzem abzuschwören drohen. Wer sich ein Bild der Misere machen möchte, findet in Foren wie Android-Hilfe.de oder auf den offiziellen Facebook-Auftritten diverser Hersteller genug Anschauungsmaterial. Der Ärger der User kommt übrigens nicht von ungefähr und ist durchaus begründet, denn keine Betriebssystem-Updates bedeuten auch kein Ausbügeln etwaiger Bugs und Sicherheitsrisiken. Und dass Android in den Versionen 2.x und 3.x im Vergleich mit iOS, Windows Phone oder Android 4.x nicht gerade performant unterwegs war, ist auch kein Geheimnis.

Verteilung von Android Versionen

Die Wurzeln der Update-Problematik

Hauptschuld tragen zweifellos die Hersteller selbst, die Wurzeln des Ganzen reichen aber tiefer, als man zunächst annehmen möchte. In der Smartphone- und Tabletbranche tobt ein harter Konkurrenzkampf, und besonders bei Android ist es in noch viel größerem Maße wie bei iOS oder Windows Phone eine Schlacht um die besten Spezifikationen – zumindest bei den jeweiligen Top-Modellen. Dass diesem Wahn auch viele Kunden und überzeugte Early-Adopter verfallen sind, dürfte den Herstellern gefallen. So rückt die Hardware in den Vordergrund und die Software wird als notwendiges Übel mitgeliefert. Mit Updates für bereits verkaufte Geräte lässt sich zudem kein Cent mehr verdienen.

Doch Wurzel des Problems ist natürlich nicht nur die vermeintliche Geldgier in Kombination mit einer gewissen Update-Faulheit, auch technische Limits erschweren oder verhindern so manches Android-Update. Zudem müssen HTC, Samsung und Co natürlich auch ihre eigenen Benutzeroberflächen wie die Sense UI oder TouchWiz mit updaten. Und zu guter Letzt mischen auch noch Mobilfunker mit, die mit speziellen Firmware-Versionen und der darauf vorinstallierten Bloatware, also speziellen Apps der Anbieter.

Googles Rettungsversuche: PDK und Herstellerdruck

Die vermeintliche Lösung der Update-Misere wurde auf der diesjährigen Google I/O – der jährlich stattfindenden Haus und Hof-Messe von Google – präsentiert. Mit dem „Platform Development Kit“ (oder kurz PDK) erhalten ausgewählte Hersteller bereits zwei bis drei Monate vor der offiziellen Veröffentlichung einer neuen Android-Version die entsprechenden Quellcodes und Entwicklungswerkzeuge.

Dadurch sollen die Google-Partner deutlich mehr Zeit als bisher haben, die Software ihrer Smartphones und Tablets anzupassen. Wenn man jedoch bedenkt, dass Updates wie erwähnt rund neun Monate dauern, relativiert sich das Ganze wiederum. Aber gut, die Effektivität dieser „Maßnahme“ wird sich bei Android 4.2 und den Folgeversionen erst zeigen müssen.

Wer jetzt denkt, Google habe bis zur diesjährigen Google I/O tatenlos die Update-Problematik beobachtet, der irrt. Schon im Mai 2011, also auf der vorletzten Google I/O, versprach der Android-Produkt-Manager Hugo Barra Besserung.

Damals wurde eine Update-Initiative präsentiert, bei der sich Unternehmen wie HTC, LG, Motorola, Samsung, oder (das damals noch in dieser Form existente) Sony Ericsson quasi unter dem wachsamen Auge von Google dazu verpflichteten, ihre Geräte mindestens 18 Monate lang mit Updates zu versorgen. Zudem sollte laut Barra die Wartezeit auf Updates deutlich verkürzt werden, und „das ist erst der Anfang“, meinte der Google-Manager damals.

Geblieben ist von all diesen Versprechen wenig und einzig HTC war auf Anfrage des Computermagazins c’t Anfang des Jahres dazu bereit, sich zu diesem Versprechen nach wie vor öffentlich zu bekennen.

modellfragmentierung android

Modellfragmentierung von Android-Smartphones (Quelle)


herstellerfragmentierung android

Herstellerfragmentierung von Android-Smartphones (Quelle)

Die Streber unter den Androiden: Die Nexus-Reihe

Dass Android nicht gleich Android ist, weiß jeder, der die Oberflächen aktueller Smartphones mit ebendiesem Betriebssystem vergleicht. Gleichzeitig ist Android für mobile Geräte das, was Windows in noch größerem Maße für Desktop-Rechner seit Jahrzehnten ist. Es gibt Tausende Smartphones und Tablets mit Android, gefertigt von Hunderten Herstellern (wie diese interaktiven Grafiken zeigen). Um in diesem Chaos nicht vollends die Kontrolle zu verlieren, verfolgt Google schon seit den Android-Anfangstagen die Strategie der „Lead-Devices“.

Mit jeder neuen und wichtigen Android-Version erscheint in Kooperation mit einem erfolgreichen Hersteller eine Art Vorzeige-Smartphone, welches neben „purem“ Android ein nicht zu verachtendes Killerfeature bietet: Updates. Und zwar mit minimaler Wartezeit und taufrisch von Google selbst. Paradoxerweise gehörten die Smartphones der Nexus-Reihe aber nie zu den Top-Sellern und haben nach wie vor Exotenstatus.

Erst mit dem Nexus 7, das den Anfang der Ausweitung der Nexus-Strategie auf Tablets markiert, gelang auch ein kommerziell überaus erfolgreiches Produkt. Wobei hier wahrscheinlich der enorm günstige Preis eher für den Erfolg verantwortlich war, wie die brandaktuelle Software Android 4.1 Jelly Bean.

Im November erscheint aller Voraussicht nach mit dem LG Optimus G Nexus, das neuerdings auch unter dem Namen LG Nexus 4 in diversen Blogs umhergeistert, das nächste Nexus-Device. Zudem gibt es immer noch Spekulationen, dass es nicht bei diesem einen Nexus-Smartphone bleiben wird. Die Gerüchte, wonach Google mit Android 4.2 – der in Kürze erscheinenden, jüngsten Android-Iteration – seine Nexus-Strategie grundlegend zu verändern plane und den Namen „Nexus“ zu einer für alle Hersteller unter bestimmten Rahmenbedingungen zugänglichen Label umfunktionieren wolle, wurden jedoch von Google dementiert.

Fazit: Hersteller verlieren Kontrolle über Android

Google hat die Kontrolle über Android (trotz anderslautender Feststellungen) nicht verloren. Die Hersteller entsprechender Smartphones und Tablets aber mehrheitlich schon – und nehmen diesen Umstand offenbar wohlwollend in Kauf. Wie sollte man es sich sonst erklären, dass weiterhin ungebremst Produkte auf den Markt kommen, die mäßigen bis gar keinen Update-Support bieten? Frei nach dem Motto: Wenn ihr ein Software-Update wollt, dann kauft euch den in Kürze erscheinenden Nachfolger. Diese Pauschalisierung trifft natürlich nicht auf alle Hersteller zu, doch die Ausnahme bestätigt bekanntlich die Regel.

Die in den vergangenen Wochen kursierenden Gerüchte über eine Öffnung der Nexus-Linie kamen einer idealen Lösung der Update-Problematik gleich. Entsprechend leichtgläubig sind viele den von Androidandme.com gestreuten Gerüchten auch auf den Leim gegangen. Doch Android 4.2 steht noch in den Startlöchern und es bleibt abzuwarten, ob es Google gelingt, die Hersteller zu flotteren Updates zu bewegen.

Bild: opensignal.com