IOS-vs-Android-Trend


Ein Beitrag von Gleb Tritus, Serienunternehmer und Business Angel in Berlin und Köln.

Google herrscht, Apple baut ab

Dass im mobilen Ecosystem viel Musik steckt, hat sich mittlerweile bis in die letzten Elfenbeintürme herumgesprochen. Wesentlich ist zunächst die Frage, ob iOS, Android oder gleich beide Felder bestellt werden sollen. Je nach Zielgruppe können darüber hinaus einige wenige Nebenkriegsschauplätze – insbesondere Windows Phone – relevant sein.

Mit der Auswahl der Plattform gehen Projektmanagement- und Kostenimplikationen einher, die gerade im notorisch klammen Startup-Umfeld Tragweite haben. Die nachfolgende Bestandsaufnahme soll aufzeigen, wo die beiden Ecosysteme gegenwärtig stehen.

Seit der Lancierung der ersten Android-Version am 21. Oktober 2008 hat sich die Welt gedreht: Apple – lange Tonangeber der App-Economy – musste nach und nach Federn lassen. Aktuell beansprucht Cupertino mit seinem proprietären iOS einen Marktanteil von nur noch 11,7 Prozent. Damit verlor Apple seit 2011 trotz kurzer Innovationszyklen 6,6 Prozent. Zum Vergleich: Android notierte im zweiten Quartal 2014 bei 84,7 Prozent und damit fünf Prozent höher als im Vorjahr. Windows Phone (2,5 Prozent), Blackberry OS (0,5 Prozent) und sonstige Betriebssysteme (0,6 Prozent) versinken angesichts dessen in der Bedeutungslosigkeit.

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Apple mag noch ein Platzhirsch in Designfragen sein, nicht aber bei den Ecosystemen für App-Distribution. Dem Zuspruch bei der Tech-Speerspitze scheint dies keinen Abbruch zu tun: Zahlreiche, besonders innovationsfreudige Apps erscheinen zuerst exklusiv für iOS-Endgeräte. Erst wenn sich die Idee auf der Vorzeigeplattform bewährt, folgt – wenn überhaupt – die Android-Portierung. Von Mailbox über Tinder und Tiiny bis hin zu Instagram gibt es etliche prominente Beispiele.

Besserung ist allerdings in Sicht: Im September 2014 waren 80 Prozent der 25 beliebtesten iOS-Apps auch für Android erhältlich. Anfang 2013 lag dieser Anteil noch bei etwa 65 Prozent.

Plattformdiversität bremst Android-Entwickler aus

Fest steht, dass gerade der Test- und Optimierungsaufwand im iOS-Lager geringer ausfällt, entwickelt man hier doch nur für eine Handvoll iPhone- sowie weitgehend identische iPad-Modelle. Zum Vergleich: Laut OpenSignal waren 2014 knapp 18.800 unterschiedliche Geräte-Typen auf Android-Basis im Einsatz. Ihre variierenden Displayformate, Speicherkapazitäten und Prozessortaktungen machen eine geräteübergreifend identische User Experience nahezu unmöglich. Gerade bei Spielen mit aufwändigen Grafikengines kann das ein K.O-Kriterium bedeuten.

Erschwerend kommt hinzu, dass mehrere unterschiedliche Android-Versionen gleichzeitig die Runde machen. Zuletzt hatten mehr als 90 Prozent der iOS-Nutzer die Version 7 installiert. Bei Android lag die Adaption der aktuellen Version KitKat zugleich bei etwa 20 Prozent. „Apple entwickelt sein Betriebssystem inkrementell und fokussiert sich dabei verstärkt auf Leistungssprünge durch Software anstatt schnellere CPUs. Daher kann die neuste iOS-Version auch auf einem vier Jahre alten Gerät laufen“, erklärt Ricki Gregersen, Entwickler bekannter iOS-Apps wie „Amen“ und Gründer der Berliner Mobile-Agentur You & the Gang.

Geht es um die App-Entwicklung für Android-Endgeräte, fühlt sich Gregersen trotz allen Fortschritts an die Zustände vor 2007 erinnert, als man Programme – der Begriff „Apps“ war damals noch nicht geläufig – für ein bestimmtes Handymodell maßschneidern und über ein proprietäres Kabel installieren musste. Führte der Hersteller Änderungen am Betriebssystem des Handys durch, war das Programm zunächst unbrauchbar.

Erscheint heute eine neue Android-Version, wird der Support für viele ältere Apps mit der Zeit eingestellt. Damit können nicht zuletzt Sicherheitsrisiken für die Nutzer einhergehen. Diese haben zwar ein Android-Smartphone in der Hosentasche, sind jedoch von den fortwährenden Innovationssprüngen und App-spezifischen Interaktionen bis auf Weiteres ausgeschlossen – ein Problem, dem Apple laut Gregersen besser zu begegnen weiß.

Die Geräte-Fragmentierung im Android-Lager hat ihren Zenit noch nicht erreicht. Gleichzeitig setzte vor Jahren eine zunehmende Konsolidierung ein. Heute kommen mehr als 40 Prozent aller Android-Endgeräte von Samsung. Von den zehn kommerziell erfolgreichsten Android-Smartphones in Deutschland trugen 2013 acht das Logo der omnipräsenten Südkoreaner. Wer seine App für jene Topseller optimiert, deckt bereits einen beträchtlichen Teil der Nutzerschaft ab.

Ansonsten liegt es auf der Hand, dass diese Fragmentierung auch einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil darstellt: Android ist heute die einzige echte Massenmarktplattform für mobile Endgeräte von den USA über Deutschland bis nach Japan. Im Vergleich dazu ist die Nutzerschaft von iOS-Geräten deutlich homogener.

Kaufkraft gegen Stickiness

In den vergangenen Jahren war der Anteil der kostenfreien Apps im Google Play-Store deutlich höher (zirka 80 Prozent) als bei Apple (zirka 60 Prozent), was die Zahlungsbereitschaft gedämpft haben dürfte. Mittlerweile zieht der Anteil der Gratisprogramme im iOS App Store deutlich nach, da immer mehr Entwickler auf Freemium-Modelle mit In-App-Transaktionen setzen.

Dennoch sitzt das Geld bei iPhone- und iPad-Nutzern signifikant lockerer. Im vergangenen Jahr gaben sie durchschnittlich 15 Cent für eine App aus, während Android-Nutzer nur fünf Cent überwiesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein App-Store-Nutzer den „Kaufen“-Button antippt, ist 32 Prozent höher als bei Google Play. Die nähere Betrachtung offenbart allerdings starke Schwankungen je nach thematischer Ausrichtung.

Alexander Jost, Geschäftsführer der Holtzbrinck-Tochter Mobile Teacher, sieht die Zahlungsbereitschaft im Bereich Education auf beiden Plattformen nahezu identisch. Die Erfahrungen der Münchener Firma beruhen dabei auf mittlerweile mehr als 50 App-Releases in beiden Stores. Im Games-Bereich wiederum sind iOS-Nutzer wesentlich kaufkräftiger.

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Das Marktforschungsunternehmen Gartner prophezeit, dass 2017 knapp 95 Prozent aller App-Downloads auf kostenfreie Angebote zurückgehen werden. Die Bedeutung von In-App-Transaktionen dürfte im Zuge dessen weiter wachsen. Schon heute berappen iOS-Nutzer 45 Prozent mehr für In-App-Dreingaben als Android-Nutzer. Ein naheliegender Erklärungsansatz betrifft die Kaufkraft der Zielgruppen: Einfache Android-Geräte sind ab 80 Euro zu haben, während selbst für das Vorjahres-iPhone mit etwa 400 Euro zu Buche schlägt.

Bei der Retention (Kundenbindungsrate) herrscht am Tag des Downloads nahezu Gleichstand. Am 30. Tag nach der Installation kann Apple eine nur leicht höhere Kundenbindung (+ zwei Prozent) an den Tag legen. Im Schnitt lädt ein Android-Nutzer 4,1 Apps pro Monat herunter – davon 3,4 (83 Prozent) kostenfrei. Der Apple-Nutzer ist mit 6,2 Downloads neugieriger sowie mit 4,3 Gratis-Apps (69 Prozent) häufiger zahlungsbereit.

Dafür zieht das Engagement der Android-Gemeinschaft an Apple vorbei: Während die Dauer einer Session ähnlich ausfällt, rufen Android-Nutzer ihre Anwendungen öfter auf. Deren Entwickler profitieren dabei auch von der Tatsache, dass iOS-Nutzer in der Regel mehr Apps installiert haben und womöglich einer wachsenden Reizüberflutung ausgesetzt sind.

Heutzutage sind selbst Nischenthemen mit mehreren, ähnlichen Apps besetzt. Design, Performance und technologische Alleinstellungsmerkmale sind dementsprechend auch eine Aufmerksamkeitswährung. Die Release-Kette vom Upload bis zur Veröffentlichung ist bei Android effizienter, was schnellere Innovationszyklen begünstigt. Bei Apple muss jedes eingereichte Update vorweg intern gesichtet werden – lediglich in dringenden Ausnahmefällen wird ein Expressverfahren genehmigt.

Allerdings sichere dieser Katalysator auch das hohe Nutzervertrauen, ist sich iOS-Profi Ricki Gregersen sicher. Tatsächlich ist es weiterhin einfacher, mit einem fragwürdigen Angebot in den Google Play Store zu gelangen.

Bitte wenden – hier geht’s zur nächsten Seite: „Kult- und Kulturfaktor von Apple treibt Kreativität“.

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von vernieman

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