Angela Merkel Startup Tour

Die Bundeskanzlerin bei Wooga

Merkel und Rösler zu Besuch in der Startup-Szene

Hurra, hurra, Startups sind wieder salonfähig! Der spürbare Aufwärtstrend deutscher Internet-Gründungen hat sich seit Längerem auch bis in die Reihen der Politik durchgesprochen. Und nachdem sich bereits Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler intensiv mit Bemühungen zur Förderung der deutschen Digitalwirtschaft hervorgetan hat und auch Berlins Regierender Bürgermeister das Websegment für sich entdeckt, widmete gestern Bundeskanzlerin Angela Merkel einen nicht unbeachtlichen Teil ihrer Zeit dem Kennenlernen der Internetbranche.

Nachdem im Januar bereits Klaus Wowereit auf Startup-Tour ging und dem Startupbootcamp sowie ReBuy (www.rebuy.de) und Wooga (www.wooga.com) einen Besuch abstattete, kehrte auch Kanzlerin Merkel zu einer Visite beim Wissenschaftsnetzwerk ResearchGate (www.researchgate.net) und der Spieleschmiede Wooga ein, bevor abends zu einem Get-Together mit Wirtschaftsminister Rösler und 175 Gästen aus der Internetbranche geladen wurde. Ich durfte als einer von wenigen ausgewählten Vertretern der Szene Kanzlerin Merkel und ihren Korso begleiten und da viele von euch so etwas bestimmt ähnlich spannend finden wie ich, möchte ich hier einen Eindruck des Geschehens vermitteln.

15.00 Uhr – Ankunft in den Büros von ResearchGate

Am Eingang empfängt mich die erste Security und erfragt die Akkreditierung. Kein Ausweis, kein Reinkommen. Eine freundliche Dame der Pressestelle der Bundesregierung weist den Weg in den ersten Stock, wo Journalisten gesammelt werden und den Ablauf des Events erklärt bekommen. Die Passage dorthin ist genauestens vorgegeben, an strategischen Punkten stehen Security-Mitarbeiter und weisen an, welchen Weg ich zu nehmen habe.

15.10 Uhr – Sicherheitscheck, Briefing

Im ersten Stock ist ein Journalistenraum mit Getränken und Infomaterial aufgebaut, der Hauptteil der Etage ist mit Scheinwerfern ausgeleuchtet, die zwei kleine vereinsamte Bänke beleuchten. Das Presseteam der Bundesregierung nimmt mich in Empfang und erklärt mir den Ablauf. Jeder Schritt ist durchgeplant. Print- und Bildjournalisten werden separat betrachtet und für beide Gruppen sind je unterschiedliche Laufwege vorgesehen. Darüber, dass ich in die Kategorie “Printjournalist” falle, sehe ich mit nahezu staatsmännischer Contenance hinweg.

Ich bin einer der ersten Pressevertreter am Set und mit der Zeit trudeln auch ARD, RTL, Spiegel Online, Reuters und andere ein. Nicht, dass man die kennen müsste, aber die Leute sind wirklich nett. Auch sie durchlaufen das Briefing sowie einen Sicherheitscheck, bei dem jede Tasche und jedes Gerät ein grünes Klebeband zur Abnahme erhält. Meine Anmerkung, dass das ja fast etwas spannend ist, wird mit den Worten “Sie sind ja Journalisten und keine Verbrecher” beantwortet – wenn die wüsste!

15.45 Uhr – Es geht zum Ort des Geschehens

Nach etwa einer halben Stunde des Wartens geht es zwei Etagen höher, wo vier Entwickler von ResearchGate an einer Tischinsel sitzen und von großen Scheinwerfern bestrahlt werden. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, dass das ihr natürliches Habitat ist. Ein gut gelaunter Ijad Madisch samt Managementteam begrüßt mich. Er trägt ein lilafarbenes Nike-Sweatshirt und eine graue Mütze, die ihn aussehen lässt wie einen stylischen MTV-Moderator. Ich überlege, ob ich das einer Bundeskanzlerin gegenüber angemessen finde und entscheide mich dann dazu, dass es authentisch ist und Merkel so sieht, dass Startup-Mitarbeiter halt coole Typen sind.

Nun heißt es warten. Mehrere große Scheinwerfer leuchten das Geschehen aus und ich frage mich, ob nicht mal jemand die Heizung anmachen könnte, zumal die 30 Grad im Raum noch etwas zu kühl sind. Ich stehe in einer Reihe mit Fotografen, Kameraleuten und Redakteuren, die bereits positioniert sind und sich Witze erzählen. “Was ist schwarz, liegt auf der Erde und zuckt? Eine blonde Elektrikerin!” – Pressefotografen waren auch schon mal lustiger, oder?

Vor mir stehen mit Matt Cohler und Joachim Schoss zwei bekannte Investoren der Szene, die ebenfalls sichtlich gespannt sind und in deren Haltung ein gewisser Stolz abzulesen ist.

16.10 Uhr – Merkel kommt an

Zehn Minuten nach vier ist es soweit: Angela Merkel betritt die Szene. In Begleitung von Ijad Madisch begrüßt sie die Investoren von ResearchGate und schüttelt auch jedem der Mitarbeiter an den Schreibtischen die Hand. Ein schnell zuckendes Blitzlichtgewitter prasselt auf Merkel nieder, die sichtlich gut gelaunt ist und einen entspannten Eindruck macht. Ijad Madisch erklärt ihr kurz die Funktionsweise des Social-Networks für Wissenschaftler, bevor es an die Schreibtischinsel der vier Entwickler geht, wo Angela Merkel die Abläufe des Unternehmens erklärt werden.

Ein Social-Network für Wissenschaftler? Die Physikerin in Merkel ist geweckt und stellt immer wieder Fragen über die Abläufe des wissenschaftlichen Ablaufs, den Monetarisierungsablauf und wie lange hier eigentlich gearbeitet würde.

16.20 Uhr – Rundtour durch die Räume von ResearchGate

Nun kommt der Teil, bei dem die Bildjournalisten – warum auch immer – abwandern müssen. Merkel bekommt einen zweiten Raum voll mit Mitarbeitern gezeigt, wo sie die Möglichkeit für weitere Fragen zur Monetarisierung hat. Auch hier schüttelt sie jedem Mitarbeiter die Hand und witzelt zu unterschiedlichen Gelegenheiten. Das mit dem Geldverdienen scheint ihr aber nicht zu genügen. Auch nachdem sie von einer geplanten Jobbörse für Wissenschaftler und einem Marktplatz für wissenschaftliche Güter erfährt, fragt sie immer wieder nach, ob es nicht noch mehr Möglichkeiten gäbe, mit ResearchGate den Taler zum Rollen zu bringen.

16.30 Uhr – Ein Privatgespräch mit der Kanzlerin

Der Bürotour folgt zum Abschluss ein zehnminütiges Gespräch hinter verschlossener Tür, zu dem nur wenige Teilnehmer zugelassen werden. Außer Madisch sitzen einige Unternehmensmitarbeiter im Raum sowie eine Hand voll Journalisten, zu denen auch ich gehöre. Weiter stellt Merkel neugierige Fragen, vor allem, wo denn die Server von ResearchGate stünden und ob man cloudbasiert hoste. Da sag noch einer, Politiker kennen keine Buzzwords.

Besonders angetan ist Merkel von dem Umstand, dass ResearchGate eine eigene Feel-Good-Managerin hat, die sich um das Befinden der Mitarbeiter kümmert. Trotzdem fragt sie auch hier nach den Arbeitszeiten des Unternehmens und wie die Arbeit denn ablaufe – da hat wohl jemand ein paar Startup-Klischées recherchiert? Aber Madisch kann sie beruhigen, es arbeiten auch ältere Menschen bei ResearchGate: “Einer unserer Mitarbeiter ist 41.” Ein Lachen geht durch den Raum.

Einziges Manko: Als Merkel explizit fragt, was die Startupszene an Unterstützung durch sie gebrauchen könnte, bleibt es nahezu still im Raum. Eine Chance, die besser genutzt sein will.

16.50 Uhr – Abschied von der Kanzlerin

Zum Abschluss geht es noch einmal in die erste Etage zurück zu den zwei einsamen angestrahlten Bänken, um die herum sich mittlerweile das Team von ResearchGate zu einem Abschlussfoto versammelt hat. Man witzelt, knippst Fotos und lacht. Not so amused ist die Kanzlerin, als sie auf die erneute Nachfrage nach den Servern erfährt, dass es in San Antonio einfach billiger zugeht – aber man kann ja nicht alles haben. Zum Abschluss richtet die Kanzlerin das Wort an die Fernsehjournalisten, denen sie ein Statement in die Kamera gibt, bei denen sie ihre Eindrücke schildert und geschickt das Gehörte in ihre Rede einflechtet.

17.00 Uhr – Korsofahrt: Auf zu Wooga

Nun geht es fix: Die fünf Journalisten, denen es erlaubt ist, die Kanzlerin zu begleiten, werden zu einem Kleinbus geführt, der im Kanzlerinnen-Korso mitfährt. Meine Hoffnung auf einen Tourbus mit kaltem Bier wird leider nicht erfüllt. In einer Kolonne geht es von der Invalidenstraße zur Backfabrik, wo Wooga auf den Besuch der Kanzlerin wartet. Wer übrigens denkt, dass die Kanzlerin mit Blaulicht fährt, der irrt sich. Das wäre ja peinlich und passiert deshalb nur im Ausland, weist mich ein Kollege hin. Als Kanzler-Fahrzeug an einer Ampel zu stehen, erscheint mir alberner, aber das behalte ich lieber für mich. Die Laune ist gut und man unterhält sich über das Gesehene. Wie schon so oft merke ich, dass die Journalisten der klassischen Presse keinerlei Ahnung vom Internet und seinen Firmenbewohnern haben. Also so gar keinen. Nett sind sie trotzdem.

17.10 Uhr – Ankunft bei Wooga

Auch bei Wooga ist jeder Weg sowie der gesamte Weg vorgegeben. Wir Journalisten nehmen eine andere Treppe als Merkel und dürfen daher flitzen. Oben angekommen erwartet uns eine kunterbunte Welt voller Spielfiguren und Dschungel-Elemente. Die Räume der Backfabrik sind hell erleuchtet und überall mit Inhalten aus den unterschiedlichen Wooga-Spielen dekoriert. Ranken und viel Holz zieren die Wände und das Büro ist so groß, dass man sich darin verlaufen könnte. Ich war bestimmt schon fünf Male hier und doch habe ich keinerlei Orientierung.

Jens Begemann und Philipp Moeser begrüßen die Kanzlerin und führen sie in das Großraumbüro, das mit Dutzenden von Menschen befüllt ist. Ging es bei ResearchGate noch angenehm leer zu, kommt hier leichte Stadion-Atmosphäre auf. Wieder werden Fragen zur Arbeitsweise, dem Geldverdienen und der Entstehung gestellt. Wo hostet Wooga nochmal seine Spiele?

17.20 Uhr – Rundgang und Privatgespräch

Es folgt der obligatorische Rundgang, wobei Merkel an einem Zeichentisch die Entstehung einer Spielfigur gezeigt bekommt und weitere Fragen stellt, bevor es mit wieder mit einigen Ausgewählten in einen Meetingraum geht. Wieder sitzen unterschiedliche Mitarbeiter im Raum und erzählen von ihrer Tätigkeit. Auch bei Wooga bohrt Merkel kritisch nach, wie man denn die Arbeit organisiere und wie lange hier gearbeitet würde. Jens Begemann weiß gute Antworten zu geben und hat im Gegensatz zu ResearchGate auch eine Antwort zum Hilfe-Bedarf durch die Bundesregierung bereit: “Der deutsche Wirtschaftsstandort ist gut aufgestellt, aber wir brauchen eine bessere Willkommenskultur für ausländische Mitarbeiter.”

17.45 Uhr – Abschlussfoto und Schlussworte

Auch bei Wooga gibt es ein Abschlussfoto – dieses Mal in einem eigenen Auditorium. Das Büro von Wooga ist wirklich beeindruckend, ich habe gefühlt drei Viertel aller Startup-Büros in Berlin gesehen, aber das von Wooga ist mit Abstand das eindruckvollste. Es wirkt durch die unterschiedlichen Testimonials seiner Spiele sehr amerikanisch und ist sehr hell und weitläufig. Es wurde viel mit Holz gearbeitet und jeder Winkel scheint mit viel Weitsicht geplant worden zu sein. Es riecht nach frischer Farbe – anscheinend ist man kurz vor Torschluss fertig geworden. Der Presseverantwortliche gibt erneut vor, welcher Weg für uns der schnellste sein würde – wie oft war der hier? Ich war fünf Mal dort und würde nicht mal die Toilette finden…

Nach ihrem Abschlussfoto mit 40 Wooga-Mitarbeitern aus 40 Nationen erhält Merkel einen 3D-Druck unterschiedlicher Wooga-Figuren und richtet noch einmal das Wort an die Presse. Auch bei Wooga gibt sich die Kanzlerin angetan vom Gesehenen und erfreut sich insbesondere an der Internationalität des jungen Unternehmens, das angibt, sogar profitabel zu arbeiten.

18.00 Uhr – Autokorso mit der Kanzlerin

Wieder geht es in den Autokorso der Kanzlerin und von der Backfabrik fährt die Kolonne zur Kulturbrauerei. Auf meine Nachfrage, wonach denn die betrachteten Unternehmen ausgewählt wurden und warum es keinen Besuch bei Rocket Internet gibt, reagiert ein Kollege nahezu bestürzt: “Würden Sie sagen, dass die Unternehmensauswahl repräsentativ war?” Wir unterhalten uns über die deutsche Internetszene und ich erkläre ihm, wie Startups internationalisieren und dass eigentlich wenige aus Berlin verschwinden, um woanders aufzuschlagen.

18.10 Uhr – Abschlussevent mit 175 geladenen Gästen

Schlussendlich geht es mit der Kanzlerin in einen Raum der Kulturbrauerei, wo neben Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler 175 geladene Gäste aus der Internetszene schon gespannt warten. Man kommt mit dem Händeschütteln gar nicht hinterher und ich gelange zu dem Fazit, dass dieses Klassentreffen der Szene eigentlich das beste Element des ganzen Tages ist. An ein ernsthaftes und tiefgründiges Gespräch mit Merkel war bei dieser Taktung nicht zu denken und auch zum Abschluss machen es 174 andere Gesprächspartner schwierig, länger mit der Kanzlerin zu sprechen.

Lars Hinrichs hält einen kurzen Vortrag, in dem er zusammenfasst: “Die 175 Startup-Gründer, die Sie hier sehen, Frau Merkel, repräsentieren 21 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigen 127.000 Menschen. 95 Prozent von ihnen erwarten dieses Jahr ein deutliches Wachstum ihres Unternehmens.” Ich habe Alexander Kudlich im Raum gesehen – wie viel davon wohl auf Rocket Internet entfällt?

Darüber hinaus führt Hinrichs aus, dass Deutschland im internationalen Vergleich deutlich hinterherhinken würde und Handlungsbedarf bestehe. Er selbst hat es zwar auch nicht vermocht, Xing über die deutschen Grenzen hinaus wachsen zu lassen, aber das sehen wir ihm nach, weil er mit seinem Hinweis die Aufmerkamkeit der Kanzlerin eingefangen hat, der nicht klar war, dass es Deutschland und Europa an wichtigen Standortfaktoren fehlt.

Auch Merkel richtet eine kurze Rede an das Auditorium, in der sie verdeutlicht: Wir als Bundesregierung haben euch wahrgenommen und werden Taten folgen lassen. Sie gibt sich rhetorisch geschickt und versteht es, die Menge zum Lachen zu bringen. Zum Abschluss geht es unters Volk, wo es allerdings angesichts des Runs auf ihre Person schwierig wird, mit Merkel zu sprechen. Nach zahlreichen gemeinsamen Fotos, die mittlerweile bereits Facebook & Co fluten, geht es gegen halb acht für die Kanzlerin weiter. Sie braust in die Nacht davon und ich gönne mir ein wohlverdientes Erfrischungsgetränk, angesichts dieses Kanzlerinnen-Marathons.

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Fazit: Aufmerksamkeit wurde erzeugt

Insgesamt lässt sich ein positives Fazit ziehen. Angela Merkel und Philipp Rösler konnten ein Bild der Internetbranche gewinnen und wurden dafür sensibilisiert, dass ein großes Potenzial in der Szene liegt, aber ebenso an unterschiedlichen Stellen Handlungsbedarf besteht, will Deutschland weltweit eine führende Rolle übernehmen. Dennoch ist ebenso klar, dass bald wieder Wahlkampf ansteht und dass am gestrigen Tage auch intensiv um Stimmen geworben wurde. Merkels Startuptour ließ keinen Raum für Nachfragen an die Kanzlerin, die es verstand, das Geschehen zu kontrollieren. Und sich mit relevanten Vertretern einer aufstrebenden Branche zu treffen, um deren Herausforderungen kennen zu lernen, darf auch als Pflicht gewählter Volksvertreter gesehen werden.

Aus Sicht der Internetunternehmer ist das Wichtige aber eben, dass es gelang, der Kanzlerin und dem Vize-Kanzler deutlich zu machen, dass es sich bei der Internetbranche um eine aufstrebende Branche handelt. Es erweckte den Eindruck, dass insbesondere Philipp Rösler die Belange der Szene ernst nimmt und seinem Interesse auch Taten folgen lässt.

Formatseitig ergab es allerdings nicht viel Sinn, 175 Menschen auf ein Personenduo loszulassen, dass sich mit den Herausforderungen der Internetbranche auseinandersetzen wollte. Es mündete in einer Traubenbildung, bei der Kanzlerin Merkel und Minister Rösler von Menschen umringt wurden, denen die Möglichkeit zu Fotos und Kurz-Statements gegeben wurde. Der Austausch mit den Vertretern der Szene gestaltete sich letztlich als das spannendste Element des Geschehens. Dafür leistete der Tag aber eben einen Beitrag, indem er Aufmerksamkeit für die Relevanz der Szene schuf, die über ein Jahrzehnt nach dem Platzen der DotCom-Blase anscheinend endgültig wieder salonfähig geworden ist.

Bilder: Wooga, Bundesregierung/Denzel