Antonia Besse MyBook

„Startup-Heldin“ Antonia Besse im Interview

Über Buchempfehlungen entscheiden heutzutage auf die Masse ausgerichtete Computer-Algorithmen – nicht Menschen. Da persönliche Empfehlungen Mangelware sind, will Antonia Besse wieder mehr Persönlichkeit in den Buchmarkt bringen. Mit MyBook führt sie ein Startup, das individuelle Buchemfehlungen von Experten anbietet.

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Besse war jahrelang in der Verlagsbranche, unter anderem für Condé Nast und Ullstein, tätig. Zudem arbeitete sie bei dem Rezensions-Dienst Vorablesen.de. Dann kam ihr die Idee zu MyBook, seit Oktober 2014 leitet sie das Berliner Startup als Geschäftsführerin. Bei MyBook erhalten Kunden nach dem Ausfüllen eines Fragebogens mehrere Buchvorschläge. Die individuelle Auswahl aus 4,5 Millionen Titeln wird durch ein Team von Buchhändlern, Literaturwissenschaftlern und Buchliebhabern getroffen. Aufgebaut wurde das Unternehmen gemeinsam von dem Ullstein-Verlag und dem Startup-Spezialisten Etventure Ende 2013. Später stieß Bonnier als Finanzier hinzu.

Antonia Besse im Gespräch über MyBook, Unternehmens-Spirit und den Buchmarkt.

Was fasziniert Dich an dem Thema „Buch“?

Aus Startup-Perspektive ist das Buch das perfekte Produkt: Es ist leicht zu verschicken, leicht zu lagern und kostet durch die Preisbindung bei allen Anbietern gleich viel. Persönlich bin ich ein wirklicher Viel- und Schnellleser und immer wieder begeistert, was so ein Buch mit einem macht: Egal wie spät es ist oder wie turbulent es zugeht, schon die ersten Sätze eines wirklich guten Buches ziehen mich raus aus dem Alltag. Problematisch wird’s erst, wenn das Buch nicht so gut ist, deshalb ist die Idee zu MyBook entstanden.

Bei MyBook stehen persönliche Empfehlungen und nicht Algorithmen im Vordergrund. Ist das eine Kampfansage an Amazon und Co?

Wir sind der festen Meinung, dass unsere Kunden gerne individuelle Empfehlungen für ihre nächsten Lesestunden haben wollen – und nicht damit zufrieden sind, empfohlen zu bekommen, was die anderen gut fanden. Über 1.000.000 E-Mails mit persönlichen Buchempfehlungen hat unser Team aus unabhängigen Buchexperten bereits verschickt – Tendenz steigend. Bei uns werden Bücher außerdem als das behandelt, was sie sind: Kulturgüter. Wir behandeln sie gut, sie werden hübsch verpackt und mit einem Lesezeichen versehen, bevor sie verschickt werden. Schon mal gesehen, wie das bei anderen Versandbuchhandlungen läuft? Eben. Wir wollen so etwas wie die sympathische Alternative zu Amazon werden.

Du hast jahrelang in der Verlagswelt gearbeitet. Jetzt bist Du bei einem Startup tätig: Ist das eine große Umgewöhnung?

Tatsächlich ist das vor allem eine Sache des Unternehmens-Spirits beziehungsweise wie Dinge angepackt werden. „Das probieren wir jetzt einfach, bevor wir ewig drüber nachdenken, rechnen, etc.“ war für mich als klassische Verlagsfrau etwas Neues. Auch dass, wenn mal etwas nicht so gut funktioniert, das als positive Lehre gesehen wird, und nicht als Scheitern. Das musste ich erst lernen und ich würde es jetzt nicht mehr anders machen wollen.

MyBook entstand zusammen mit dem Ullstein-Verlag. Müssen Verlage zu solchen Mitteln greifen, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Grundsätzlich bin ich davon überzeugt, dass jedes Unternehmen seine Kunden gut kennen beziehungsweise verstehen muss. Nur dann können Dienste und Produkte angeboten werden, die Bedürfnisse erfüllen und am Markt funktionieren. Das Vertriebssystem des Buchmarkts hat bis jetzt kaum die Möglichkeit geboten, direkt zwischen Verlag und Leser zu kommunizieren. Durch das Internet und die sozialen Medien beginnen Verlage aber nun direkten Kontakt mit Lesern aufzubauen und zu lernen. Mit MyBook wollten wir helfen, das Überangebot an Büchern zu sortieren und die für sich passenden Bücher zu finden. Nichts, was der gute Buchhändler nicht auch schon immer gemacht hätte. Wir bringen mit MyBook quasi die Lieblingsbuchhandlung um die Ecke ins Internet. Auf neudeutsch heißt das „curated shopping für Bücher“ – und das ist neu.

Wie verdient MyBook Geld?

Die Buchempfehlungen sind natürlich gratis. Wie jeder Versandbuchhändler ziehen wir unseren Gewinn aus der Marge. Deshalb ist es für unser Geschäftsmodell wichtig, dass wir ein unabhängiger Shop sind und quasi jedes in Deutschland lieferbare Buch verkaufen können – inklusive derer, die wir über unsere Experten empfehlen. Neben E-Books  bieten wir auch immer wieder exklusive Aktionen mit vom Autor signierten Büchern an.

Antonia, danke für das Gespräch.

Bild: MyBook