Art dealer walking paintings art gallery auctionata insolvenz

Anfang des Jahres musste das einst vielversprechende Online-Auktionshaus Auctionata Insolvenz anmelden. Vergangene Woche kam dann die endgültige Nachricht: Das Unternehmen stellt den Betrieb ein. Gründerszene erzählen nun zwei Mitarbeiter, wie sie Auctionatas Niedergang erlebt haben. Ihre Erlebnisse handeln von der Aufbruchstimmung, bisher unbekannten millionenschweren Übernahmeangeboten bis hin zur Harz-IV-Anmeldung. 

„Ich kenne Auctionata seit der Gründungsphase. Ich war einer der ersten 20 Mitarbeiter und habe es wachsen sehen. Da ist man natürlich emotional mit dem Unternehmen verbunden. Bis Ende 2015 gab es eine Aufbruchstimmung bei Auctionata. Es war unser erfolgreichstes Jahr. Wir Mitarbeiter haben an das Unternehmen geglaubt. Bis dahin haben alle alles für das Unternehmen gegeben. Wir wurden damals von den klassischen Auktionshäusern als Newcomer angefeindet. Im Unternehmen gab es deswegen die Stimmung: Denen zeigen wir es jetzt. Wir waren ein Team.

Dann gab es 2015 ein Übernahmeangebot für Auctionata, das der Öffentlichkeit wohl nicht bekannt ist [Hinweis d. Red.: Ein konkretes Übernahmeangebot konnten wir nicht verifizieren.]. Eines der weltweiten Top-Auktionshäuser bot eine Summe, die im hohen zweistelligen Millionen-Bereich lag für einen Anteil von unter 50 Prozent. Doch die Investoren lehnten ab.“

Tobias Neunacker*, langjähriger Mitarbeiter

„Ich habe jahrelang im Silicon Valley gearbeitet und bin zu Auctionata über einen Recruiter gekommen. Ich war sofort fasziniert von dem Unternehmen und habe dann im April 2016 bei Auctionata im Produkt-Design angefangen. Die Atmosphäre war super. Alles war sehr kollegial.“

Anne Stahl, Senior Customer Experience Designer

„Für uns Mitarbeiter lief das Jahr 2015 großartig, aber jeder wusste, dass eine Steigerung des Umsatzes ohne einen Großinvestor oder eine Markterweiterung nicht möglich war. Unter den Mitarbeitern war deswegen ein wenig die Luft raus. Um den Umsatz trotzdem zu steigern, änderte Auctionata die Strategie: Mehr Waren aus dem minderpreisigen Segment wurden angeboten. Die führenden Mitarbeiter außerhalb des Vorstandes haben diese Strategie nicht mitgetragen. Oder besser: Sie haben den Sinn darin nicht gesehen. Das Luxus-Segment lebt von Verknappung. Die neue Strategie versuchte aber immer mehr Ware anzubieten.“

Tobias Neunacker*, langjähriger Mitarbeiter

Anzeige
„Unter den Mitarbeitern hat diese Idee viel Kritik ausgelöst: Der Aufwand war enorm und es schien keine solide wirtschaftliche Strategie zu geben. Aber wenn du innovativ sein willst, musst du Risiken eingehen. That’s startup life! Also haben wir uns letztlich dahinter geklemmt.“

Anne Stahl, Senior Customer Experience Designer

„Zudem übernahm Auctionata den Konkurrenten Paddle8. Das war strategisch eigentlich richtig. Paddle8 ist im amerikanischen und im zeitgenössischen Markt stark – beides Bereiche, in denen Auctionata nicht so gut dastand. Das hätte sich wunderbar ergänzt.

Nicht funktioniert hat es aus zwei Gründen: Erstens machte Paddle8 eine bis anderthalb Millionen Verlust pro Monat. Auctionata hat sich mit der Übernahme verhoben. Zweitens ist Paddle8 – mehr noch als Auctionata – eine Luxus-Marke, die zur neuen Strategie breiter in den Markt zu gehen, nicht gepasst hat. Mir war schon recht früh klar, dass der von Auctionata eingeschlagene Weg nicht zum Erfolg führen würde. Ich bin trotzdem weiter an Bord geblieben. Ich war seit der Gründung dabei und wollte nicht noch mehr zum schnelleren Absturz beitragen. Es hat lange gedauert, bis ich mich von Auctionata emotional gelöst habe.“

Tobias Neunacker*, langjähriger Mitarbeiter

„Als im Herbst der neue CEO kam, habe ich das sehr willkommen geheißen. Ich habe das als einen Schritt nach vorne gedeutet, weil er ein richtiger Professional war. Meiner Erfahrung nach ist es nicht gut, wenn der Gründer das Unternehmen leitet – das ist zu persönlich. Im Dezember waren die ersten Zeichen zu erkennen, dass im Unternehmen nicht alles rosig ist. Kurz vor Weihnachten sickerten Informationen durch, dass es der Firma finanziell nicht gut ging. Das hat die Stimmung gedrückt. Die Weihnachtsfeier wurde abgesagt – aus organisatorischen Gründen, wie es hieß.

Dann kam eine E-Mail vom CEO, die bestätigte, dass die Firma ihre Ziele verfehlt hat. Doch erst Ende Dezember wurde uns mitgeteilt, dass die Boni nicht gezahlt werden sollten. Und als dann die Dezembergehälter nicht gezahlt wurden, wurde mir schließlich das Ausmaß der finanziellen Probleme bewusst. Die Geschäftsleitung hat es versäumt, die Angestellten rechtzeitig zu warnen. So kamen diese harten finanziellen Schläge für viele von uns zu einer gänzlich unpassenden Zeit.“

Anne Stahl, Senior Customer Experience Designer

„Ich denke, dass den meisten Mitarbeitern erst vor wenigen Monaten klar wurde, dass es Auctionata so schlecht ging. Ich habe noch im vergangenen Herbst sehr gehofft, dass der neue CEO Thomas Hesse schnell eingreift und Auctionata saniert. Unter den Mitarbeitern gab es damals große Hoffnungen, dass das Management unter Thomas Hesse professioneller wird. Wir haben alle damit gerechnet, dass viele Mitarbeiter entlassen werden würden. Das ist nicht passiert – sehr zu unser Verwunderung. Es wurde viel zu lange in der bestehenden Besetzung weitergearbeitet, statt scharf 50 Prozent der Mitarbeiter zu entlassen. Das hat Auctionata wahrscheinlich die Zukunft gekostet.

Es war sicher kein Vorteil, dass Thomas Hesse weder aus dem Kunst- noch aus dem Luxusgüter-Segment kommt. Es war schwer für ihn, sich zurecht zu finden. Aber ich weiß auch, dass Hesse bis vergangenen Montag wirklich ernsthaft bemüht war, Auctionata zu retten und möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten.“

Tobias Neunacker*, langjähriger Mitarbeiter

Anzeige
„Ich habe nach der Insolvenz meines Arbeitgebers ein Problem, das in der Startup-Szene nicht ungewöhnlich sein dürfte: Ich bin erst seit kurzem in Deutschland und habe weniger als zwölf Monate in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Ich bin nun gestrandet und bekomme kein Arbeitslosengeld. Das ist ein ziemlich großes Problem für mich. Es gibt noch einige andere ausländische Kollegen, die in der gleichen Situation sind.

Meinen ausstehenden Dezember-Lohn habe ich mittlerweile erhalten, aber eigentlich müsste Auctionata mir noch das Gehalt für März zahlen. Stattdessen wurde mir gesagt, ich solle Hartz IV beantragen. Zumindest gibt es neue Jobangebote. Die Recruiter sind derzeit wie Haie. In meiner Position ist es leicht, einen neuen Job zu finden. Ab Mai bin ich schon woanders angestellt. Bis dahin muss ich aber zwei Monate ohne Gehalt überstehen – und das ist eine echte Belastung.

Ich bereue die Zeit bei Auctionata nicht. Aber wenn ich zurückblicke, habe ich gemischte Gefühle. Ich habe die Zeit sehr genossen, das Team war großartig. Aber es wurden ganz offensichtlich Fehler gemacht. Es gab nur wenig Transparenz. Wir Mitarbeiter wurden in den letzten drei Monaten im Dunkeln gelassen. Weit mehr, als nötig gewesen wäre. Die Insolvenzverwaltung hat die Angestellten nicht ausreichend informiert. Es wurden Dinge gesagt, die schlicht falsch waren. Wir Angestellten waren scheinbar nicht von Bedeutung. Wir wurden im Januar noch mit Vehemenz gebeten, uns nicht einen neuen Job zu suchen. Jetzt sind wir lediglich Kollateralschaden.“

Anne Stahl, Senior Customer Experience Designer

„Ich wünsche mir, dass auch die Medien mal sagen: Auctionata, das war ein großartiger Versuch – auch wenn er dann aus diversen Gründen gescheitert ist. Und es gab nicht nur einen. Es war nicht nur das Management, es war nicht nur der Zukauf von Paddle8. Es gab eine Summe von Fehlern, die das Projekt gestoppt haben.

Trotzdem: Eigentlich müssten wir stolz sein, dass wir in Deutschland Unternehmer haben, die sich so etwas trauen. Ich habe großen Respekt davor, was Alexander Zacke da in nur wenigen Jahren aufgebaut hatte.“

Tobias Neunacker*, langjähriger Mitarbeiter

*Name geändert

Bild: Hero Images