Auszeit Erfahrungen Ben Paul

Ben Paul nahm eine Auszeit vom Jura-Studium, arbeitete für ein Jahr mit Kindern in Nicaragua und reiste danach durch Lateinamerika. Hier mit zwei peruanischen Kindern.

Ich bin dann mal weg! – Ein Aussteiger-Interview mit Ben Paul

Eigentlich wollte er sein Jura-Studium lediglich für ein Jahr pausieren. Auch wenn Papa nicht begeistert war, Ben Paul wollte für ein Jahr in Nicaragua mit Kindern arbeiten, Spanisch lernen, ein wenig reisen und danach direkt in den Hörsaal zurückkehren, um das hart erkämpfte Jura-Studium an der Bucerius Law School in Hamburg zu beenden.

Das Studium brach er während seiner Auslandszeit dann doch ab. Heute ist Ben Paul 23, weiß, was er will beziehungsweise nicht will, und gründet seine eigene alternative Online-Universität. Gründerszene sprach mit ihm über seine Auszeit in Nicaragua – seine Erfahrungen, seine Zögermomente und vor allem über das Gelernte in dieser Zeit.

Wer bist du und was machst du?

Ich bin Ben, 23 Jahre jung und – nach den letzten Veröffentlichungen der Medien – der wohl bekannteste Studienabbrecher Deutschlands.

Eigentlich bin ich aber ein junger Entrepreneur, der auf Anti-Uni.com über seinen Weg zum Unternehmertum und andere Herausforderungen des Lebens schreibt und junge Menschen motiviert, Entrepreneurship eine Chance zu geben und ihren eigenen Bildungsweg zu gehen.

Wie sah deine Situation vor deiner Auszeit aus?

Anzeige
Eigentlich war alles super, jedenfalls sah es von außen bestimmt so aus: Ich hatte das erste Jahr meines Jura-Studiums an der Bucerius Law School hinter mir, hatte ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes bekommen und hatte die ersten Prüfungen geschafft.

Wie war der Wunsch nach einem Ausstieg bei dir motiviert?

Nach etwas weniger als einem Jahr Studium merkte ich, dass ich nicht glücklich war mit meiner Situation und meiner Vision für die nächsten fünf Jahre. Auch meine Freunde merkten zunehmend, dass es mir nicht gut ging. Eigentlich wollte ich nur „ein Jahr ins Ausland“, um dann wieder mit voller Energie weiterzustudieren. Ich entschloss mich, kurzfristig eine Auszeit von diesem Jahr zu nehmen und ging nach Nicaragua.

Wie reagierte deine Uni auf deinen Wunsch?

Ich setzte mich mit dem Geschäftsführer meiner Uni zusammen und erklärte ihm, dass ich ein Jahr pausieren wolle. Er nahm mir das Versprechen ab, dass ich danach wieder zurückkommen und weiterstudieren würde. Als ich damals in seinem Büro auf der Couch saß, war ich selbst auch davon überzeugt. Im Ausland merkte ich dann, dass ich dieses Versprechen wohl brechen würde. Ich habe seitdem nicht wieder mit ihm gesprochen, aber ich denke, er sieht es mir nach.

Was haben deine Freunde und Familie zu deinen Plänen gesagt?

Ich erinnere mich noch sehr gut an ein Telefonat mit meinem Vater: Ich erklärte ihm, dass ich ein Jahr pausieren würde und er war daraufhin sehr erbost – naja, eigentlich eher fuchsteufelswild. Das kann ich im Nachhinein gut verstehen. Ich hatte hart dafür gekämpft, an dieser Uni zu studieren und jetzt wollte ich einfach so ein Jahr pausieren. Das ergab für ihn keinen Sinn.

Glücklicherweise unterstützten meine Freunde mein Vorhaben und motivierten mich. Ich glaube, sie ahnten, dass es mir gut tun würde.

Gab es Zögermomente?

Oh ja, es gab sogar sehr viele Zögermomente. Ich war hin- und hergerissen und zerbrach mir den Kopf darüber, dass ich ja hinter meine Kommilitonen „zurückfallen“ würde. Ich merkte, wie sehr ich unter Druck stand und dass es genau darum so wichtig war, eine klare Entscheidung zu treffen für die Auszeit.

Nachdem ich meine Entscheidung getroffen hatte, ging es mir wesentlich besser – und zu verlieren hatte ich ja nichts.

Wie verlief die Planung deiner Auszeit und wie hat sich die Finanzierung gestaltet?

Das lief alles sehr kurzfristig. Wenige Monate vor meinem Abflug fing ich spontan an, im Internet nach Freiwilligendiensten zu suchen. Ich wollte sehr gerne nach Lateinamerika. Ich war sehr spät dran und bewarb mich in etlichen Nachtschichten für alle Programme, die ich finden konnte. Glücklicherweise bekam ich dann sogar zwei Plätze angeboten.

Ich wurde durch das Programm IJFD (internationaler Jugendfreiwilligendienst) mit einem 50-Prozent-Stipendium unterstützt. Den Rest der Kosten musste ich selbst tragen, die sich jedoch in Nicaragua in Grenzen hielten.

Welche Erwartungen hattest du an deine Auszeit?

Ich hatte recht wenige Erwartungen. Ich wollte „einfach mal raus“. Ich wollte Spanisch lernen, mit Kindern arbeiten und einfach mal mit ein wenig Abstand meine Situation betrachten und mir darüber klar werden, was ich denn nun eigentlich will.

Ich glaube, gerade, weil ich so niedrige oder unbestimmte Erwartungen hatte, bin ich sehr offen in mein Auslandsjahr gegangen und bin immer noch überwältigt von dem, was ich gelernt und erlebt habe und wie sich mein Leben seitdem verändert hat.

Was hat dich erschreckt?

Anzeige
Erschreckt hat mich, wie sehr ich in Deutschland Erwartungen hinterher lief, die gar nicht meine eigenen waren. Ich hatte das Gefühl, im Ausland zum ersten Mal wirklich ich selbst sein zu können und habe sehr viel über mich und das, was ich wirklich kann und will, gelernt.

Am Anfang war ich sehr überfordert, da ich kaum Spanisch sprechen konnte. Nach einem Spanisch-Kurs in den Bergen kam ich dann immer besser klar. Ich gewöhnte mich schnell an die einfachen Verhältnisse und lernte diese sehr schnell zu schätzen. Heute bin ich sehr dankbar, diese Erfahrungen gemacht zu haben, denn sie helfen mir oft, Dinge richtig einzuordnen.

Ab wann hast du dich wieder auf Zuhause gefreut?

Nachdem ich mich noch von Nicaragua aus exmatrikuliert habe, fiel eine schwere Last von meinen Schultern und ich fühlte mich sehr befreit. Ich nutzte den Moment, um noch zwei Monate durch Südamerika zu reisen. Die wohl beste Zeit meines Lebens!

Im Laufe der Reise setzte ich mich damit auseinander, wie es weitergehen würde. Zunächst hatte ich den Plan, wieder zu studieren. Ich war positiv gespannt auf die Zeit nach der Auszeit, spürte aber auch wieder den Druck, schnell weiterstudieren zu müssen.

Was ist das Fazit deiner Auszeit?

Es war die beste Zeit meines Lebens und ich kann es nur jedem jungen Menschen (du bist immer so jung wie du dich fühlst) empfehlen, eine solche Auszeit zu wagen und sich ins Unbekannte zu stürzen. Am Anfang zögert man vielleicht noch, aber im Nachhinein sind die meisten Menschen froh, den Schritt gegangen zu sein.

Mein Leben hat sich seit meiner Auszeit um 180 Grad gedreht. Ich habe nicht mehr den Anspruch, den perfekten Weg für mich zu finden, sondern probiere mich viel aus und versuche mir etwas Eigenes aufzubauen.

Hast du persönliche Veränderungen an dir festgestellt?

Ich habe sehr viel über mich gelernt und wirklich herausgefunden, wer ich bin – und auch, wer ich nicht bin beziehungsweise nicht sein will. Ich bin unglaublich gereift, bin selbstbewusster und unabhängiger geworden. Die Auszeit hat mir das notwendige Selbstbewusstsein und die Selbstsicherheit gegeben, das zu machen, was ich wirklich machen will – nämlich ein eigenes kleines Imperium aufbauen.

Was machst du jetzt? Inwiefern hat dich deine Auszeit dazu beeinflusst?

Ich kann wirklich sagen, dass meine Auszeit mein Leben komplett zum Positiven verändert hat. Jetzt lerne ich nach meinem eigenen Curriculum, betreibe meinen Blog Anti-Uni.com, der regelmäßig über 1.000 Leser am Tag hat, schreibe mein erstes Buch und baue die erste alternative Online-Universität Deutschlands auf.

Gleichzeitig zweifle ich immer noch sehr viel an mir und meinem Weg und mache viele Fehler. Aber ich denke, genau dieser Mix macht´s spannend und lehrreich.

Auch du hast dir eine Auszeit von deinem Job gegönnt und möchtest uns davon erzählen?
Dann nichts wie los und schreib eine E-Mail an marie.gracher@gruenderszene.de

Zur Galerie

Mit dem Rucksack durch Peru - nach einem zehnmonatigen Aufenthalt in Nicaragua reiste Ben Paul noch zwei Monate durch Südamerika.

Bildquelle: Ben Paul