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Axel Springer: Alles digital

Im Interview mit Gründerszene hatte Springer-Chef Mathias Döpfner gerade gesagt: „Über die letzten 18 Monate habe ich Schritt für Schritt die Erkenntnis gewonnen, dass wir das digitale Geschäft in einer ganz anderen Weise zum unternehmenskulturellen Kern von Axel Springer machen müssen.“ Nun sucht Axel Springer nach Informationen von Gründerszene nach 150 Personen für sein Digital-Projekt Axel Springer Ideas (AS IdeAS GmbH) und andere Unternehmensbereiche.

Bei der Sucheingabe von Axel Springer Ideas in die gängigen Jobportale wird schnell klar, wohin die Reise geht: Springer sucht massenhaft Software-Entwickler im Web- und Mobile-Bereich. Auf dem Weg ins digitale Zeitalter bleibt es bei Springer aber nicht nur bei mutmaßlichen Personalentscheidungen. Gerade erst schrieb der Spiegel, dass sich Springer von bis zu 200 Personen der „roten Gruppe“ trennen wolle. Springer bestätigte Kürzungen, aber sprach – ohne konkret zu werden – von weit weniger großen Zahlen.

In den Ausschreibungen in mehreren Jobbörsen preist Axel-Springer-CIO und AS-IdeAS-Geschäftsführer Daniel Keller die ausgerufenen Stellen wie folgt an: „Die Axel Springer IdeAS GmbH entwickelt Ideen, Produkte und Software für journalistische Geschäftsmodelle in der digitalen Welt. Dabei fokussieren wir uns auf modernste Technologien und arbeiten nach agilen Vorgehensmodellen. Wir wollen Ihr Fachwissen, Ihre Kreativität und ehrliche Begeisterung für die Mobil- und Online Welt.“ 150 Personen also allein für die Entwicklung und Umsetzung von journalistischen Geschäftsmodellen. Axel Springer traf Gründerszene gegenüber keine Aussage über die Anzahl der geplanten Neueinstellungen, dementierte die Zahl jedoch auch offiziell nicht.

Kai Diekmann als Springers Produktchef?

Das ist ein klarer Bruch mit dem Auftreten des Pre-Valley-Springers, das zwar bedächtig Investments in Tech-Startups tätigte, aber intern kaum selbst große Sprünge wagte. Hier werden wohl nicht direkt 150 Print-Leute durch 150 Entwickler ausgetauscht, dennoch ist die Marschrichtung klar. „Größeres Technologie-Know-how“ nannte Döpfner im Gründerszene-Interview als zentrales Element der Strategie. Das digitale Geschäft sei nicht als separates Silo aufzubauen, sondern als integraler Bestandteil, so Döpfner weiter.

Neben Mathias Döpfner selbst werden sicher Daniel Keller sowie Jens Müffelmann zentrale Rollen einnehmen. Doch was wird aus dem gerade aus dem Valley zurückgekehrten Kai Diekmann?

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Zwölf Jahre lang war Kai Diekmann die Ikone der Bild-Zeitung und wie er selbst als Reaktion auf diesen Artikel twitterte als Chefredakteur auch eine Art „Produktchef für Bild“ (siehe Twitter-Post unten). Und zwölf Jahre lang blieb eigentlich alles beim Alten. Doch ändert sich sein Fokus nun? Jetzt, nach neun Monaten ausgiebigen Sonnetankens, umschwänglichen Umarmungen und ausgiebigen Tech-Trends-Auslotens in Kalifornien? Logisch wär’s. Ein dreiviertel Jahr Ideenscouting ausschließlich für die Bild? Unwahrscheinlich – besonders wenn Axel-Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner das gesamte Medienhaus gerade noch einmal auf den Digital-Kurs eingeschworen hat, nach dem Credo: „Wer nicht digital denkt, ist raus.“

Nach Gründerszene-Informationen soll Diekmann mit geballter Valley-Expertise nun Vorreiter der neuen Axel-Springer-Marschrichtung werden und könnte die Rolle des Produktchefs von Springers „roter Gruppe“ (Bild, Bild am Sonntag und B.Z.) übernehmen. Auf Nachfrage dementiert ein Axel-Springer-Sprecher den Personalwechsel und verweist auf ähnliche Hoaxe der Vergangenheit, sowie die Vertragsverlängerung Diekmans als Bild-Chefredakteur bis 2017 im vergangenen Jahr.

Bild Plus und Paid Content

Der nächste große Schritt Springers findet am kommenden Montag statt. Der 10. Juni 2013 dürfte als ein Wendepunkt in der Geschichte Springers gesehen werden, da sich das Medienhaus nach der blauen Gruppe rund um die Welt nun auch mit Bild Plus weiter in den Bereich Paid Content vorwagt. Für einen kleinen Betrag von etwa fünf Euro im Monat erhält der zahlende Kunde Informationen früher, exklusiver und tiefergehender. Für alle anderen Personen ändert sich vorerst wohl nichts.

Und genau hier liegt das Problem: Ist das Bild-Klientel gewillt, für Zusatzinfos zu zahlen? Und wenn ja, reicht die zahlende Personengruppe, um die nichtzahlende mitzufinanzieren? Im Spielesegment ist Paid Content längst gang und gäbe. Hier finanzieren etwa fünf Prozent der zahlenden Kunden die zahlungsunwilligen. Im Medienbereich versucht sich unter anderem die New York Times derzeit erfolgreich am Modell der Paywall. In Deutschland setzt etwa die T.A.Z. auf die „Paywahl“, weitere Medien wie Focus und Co haben ähnliche Modelle angekündigt. Die Neue Zürcher Zeitung dagegen verkündete aktuell gerade einmal 800 zahlende Kunden und damit das vorläufige Scheitern des Modells in der Schweiz.

Mitarbeit: Nora-Vanessa Wohlert

Bild: Axel Springer