Das Ideas-Leitungstrio: Ulrich Machold, Michael Paustian, Daniel Keller (von links)

The Iconist ist erste Ausgründung von Axel Springer Ideas

Der alte Printgigant Axel Springer meint es ernst mit seinem digitalen Kurswechsel, das ist spätestens seit dem Verkauf der Traditionsblätter Berliner Morgenpost und Hamburger Abendblatt klar. Wie aber wendet man einen schwerfälligen Medienkonzern mit fast 14.000 Mitarbeitern? Digitalgeschäfte hinzuzukaufen ist eine Möglichkeit. Oder man setzt darauf, „dass wir auch digitale Gründerkompetenz lernen und leben“, wie es Springer-Chef Matthias Döpfner im Frühjahr im Gespräch mit Gründerszene formulierte.

Wie das geht? Zum Beispiel, in dem man medienwirksam den Chefredakteur der wichtigsten Boulevardzeitung auf Studienreise ins Silicon Valley schickt. Oder ganz konkret mit Springers mittlerweile vielfältigen Aktivitäten in der Startupszene: mit dem Accelerator Plug and Play, bei dem sich externe Startups bewerben können, dem Media-Entrepreneurs-Programm oder der Beteiligung an der Startup-Konferenz Hy! Berlin.

Es gehört dazu aber auch seit August 2012 ein Startup-Programm, das seinen Platz mitten in der belebten Axel-Springer-Passage am Berliner Firmensitz hat und dennoch weitgehend unbeobachtet vor sich hinwerkelt. Die Unternehmenseinheit, von der nur bekannt war, dass sie auf der Suche nach Massen von Entwicklern war, heißt Axel Springer Ideas und wird von einem Trio geleitet: Ulrich Machold, ehemals Büroleiter von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, Ex-Bild-Vize Michael Paustian und Daniel Keller, Springers Chief Information Officer. Die Idee hinter Ideas: ein etwa 100 Mitarbeiter starker Inkubator, der selbst Startups baut und damit die digitale Transformation des Konzerns vorantreibt.

Springers Forschungs- und Entwicklungseinheit

Anzeige
„Wir fragen uns: Was gibt es für neue Geschäftsmodelle, die strategisch zu uns passen?“, beschreibt Machold das Prinzip. „Was könnte im Ökosystem Axel Springer funktionieren, und würde von keiner der bestehenden Einheiten oder Marken zeitnah unternommen werden – oder unternommen werden können?“ Er sieht Ideas als eine Art Forschungs- und Entwicklungseinheit, die um ihre Ideen am Schluss selbst Unternehmen gründet. Zwei Drittel der Ideengeber kommen laut Machold von außen, ein Drittel von Springer selbst: aus Redaktionen, der Vermarktung oder kaufmännischen Bereichen. Die Gründer bekommen bei Ideas Anteile an ihren Startups.

Der Inkubator hilft bei der Zusammenstellung eines Teams und der Organisation von Kapital, mit Kontakten innerhalb des Konzerns und bei der technischen Umsetzung. Dafür ist die Technik-Abteilung von Springer-CIO Daniel Keller zuständig, bei der etwa die Hälfte der Ideas-Mitarbeiter beschäftigt ist und die sonst auch für andere Unternehmensbereiche Plattformen entwickelt oder an Online-Portalen schraubt.

Bei der Auswahl der Geschäftsideen sei man „extrem selektiv“, sagt Machold. „Wir machen nur Sachen, von denen wir etwas verstehen. Ansonsten wären wir nur ein weiterer Investor – und zwar einer unter vielen, bloß, dass bei uns ein Konzernapparat mitwirkt.“ E-Commerce-Ideen mit Logistik und Warenrisiko würde man etwa ablehnen, so Machold.

Eine Geschäftsidee, die den Auswahlkriterien standgehalten hat, ist ein kuratierter Onlineshop namens The Iconist (www.iconist.de) – die erste Ausgründung von Ideas, die heute an den Start geht. Die Seite ist eine „Marktplatzerweiterung“ des Welt-am-Sonntag-Stilmagazins Icon. Accessoires, Möbel oder Kleidung werden vorgestellt und können gekauft werden. Geleitet wird das Startup unter anderem von dem Ex-Zalando-Mann Nico Bödeker. Springer finanziert die Idee mit einem sechsstelligen Betrag.

Update vom 1. Oktober 2013: Mittlerweile sind die Namen weiterer Startups aus dem Ideas-Umfeld öffentlich geworden. Wie Deutsche Startups berichtet, gehören dazu die Shopping-App ShopNow, die Social-TV-Plattform TunedIn, die im Februar von Springer übernommen worden war, die App PrepaidBILD, mit der gedruckte Bild-Zeitungen mit Rabatt und per Smartphone bezahlt werden können, sowie ein Projekt namens Room49, das eine „Plattform für den Informationsaustausch unter promiaffinen Nutzern“ werden soll. Ein Konzernsprecher bestätigte, dass die genannten Startups in der Tat zu Axel Springer Ideas gehören. Er wollte jedoch nicht bestätigen, dass es sich um jene bereits beschlossenen Startups handelt, die in den kommenden Monaten launchen sollen. Ebenfalls unbeantwortet blieb die Frage, ob die Projekte auch unter diesen Namen starten werden – oder ob es sich um Tarnnamen handelt.

Anzeige
Journalistische Startups sollen folgen

In den kommenden Monaten werden laut Machold nach und nach weitere Startups folgen, insgesamt fünf sind bisher beschlossen. Zwei davon sollen komplett contentgetrieben sein, also journalistische Startups im engeren Sinne. Über konkrete Details schweigen sich die Ideas-Macher noch aus. In welche Richtungen es gehen könnte, deuten aber die Beispiele an, die Ulrich Machold unlängst auf Spiegel Online als aktuelle Vorbilder für Online-Journalismus nannte: stark bildgetriebene und extrem verkürzte Nachrichten à la Buzzfeed oder ausgeruhte Multimedia-Stücke à la Firestorm.

Ob sich gerade solche aufwändigen Multimediaprojekte profitabel gestalten und vermarkten lassen, ist fraglich. Aber Machold ist sich der Risiken bewusst: „Viele unserer Projekte können auch scheitern. Einige werden ganz sicher scheitern.“ Und er schränkt ein: Der ganze Inkubator sei eine „relativ bescheidene Angelegenheit“. Man stehe noch am Anfang. „Und wir wissen ehrlicherweise nicht, wie gut es langfristig funktionieren wird.“

Bild: Axel Springer