Badoo Andrey Andreev

„Badoo ist nicht nur für Sex.“ Plakativ will Andrey Andreev gerne klarstellen, dass Badoo nicht nur eine App für eine Nacht sein soll. Auf über 150 Millionen Nutzer verweist das in London ansässige soziale Netzwerk – und auf 150 Millionen US-Dollar Umsatz weltweit. Gründerszene sprach mit dem Jungunternehmer über virales Wachstum, globale Ambitionen und warum die App wie ein mobiler Nachtclub ist.

Badoo: Sozialer als Facebook?

Als wir ihn fotografieren wollen, versteckt sich Andrey Andreev hinter seiner Hand. Zurückhaltend und ruhig gibt sich der längst millionenschwere Gründer von Badoo (www.badoo.com). Genau wie Andreev ist auch die Plattform in herkömmlichen Kategorien erst einmal schwer zu greifen. Genau betrachtet zeichnet sich das Kontakte-Netzwerk nicht zuletzt dadurch aus, was es nicht ist: Etwa ist Badoo keine Dating-Plattform à la eDarling & Co., die gerne den Partner für’s Leben versprechen. Auch eine Facebook-Nachahmung ist die im Jahr 2006 in Spanien gestartete Plattform nicht – auch wenn es mit dem Platzhirschen anfänglich im Wettbewerb stand. „Sozialer als Facebook“ sei sein Netzwerk, weil man Fremde kennenlerne – und weil es motiviere, diese auch persönlich zu treffen.

„Badoo soll modernen Offline-Lifestyle ins Internet bringen“, umschreibt es Andreev. Dazu wird per App und im Web angezeigt, welcher Nutzer sich in welcher Entfernung befindet. Über die App lässt sich dann ein Chat eröffnen und sollten man Gefallen aneinander finden, kann ein Nutzer dem anderen Zugriff auf das persönliche Profil samt Bildern geben. Dass es dabei in der Zielgruppe der 24 bis 28-jährigen nicht zwingend, aber doch häufig um Flirts und mehr geht, bestreitet der medienscheue Wahl-Londoner auch gar nicht. Die Plattform sei eben das, was seine Nutzer daraus machen. „Nicht nur für Sex“ sei Badoo, formuliert Andreev plakativ.

Wer oben stehen will, bezahlt dafür

Wie nun schafft es das in London beheimatete Unternehmen mit diesem Modell, einen Umsatz von 150 Millionen Euro im Jahr zu vermelden? Die Antwort: Es appelliert meisterlich an das Aufmerksamkeitsbedürfnis seiner Nutzer. Wer über allen anderen in der Kontaktliste erscheinen will, bezahlt dafür. Wer mehr zahlt, steht weiter vorne. Wenig verwunderlich ist dabei, dass laut Andreev bis zu 80 Prozent der zahlenden Nutzer Männer sind. „In einigen Ländern hat Badoo dabei sogar mehr weibliche als männliche Nutzer“, ergänzt Andreev noch.

Weltweit 150 Millionen Mitglieder habe das Unternehmen bereits gewinnen können. Rund fünf Prozent davon zahlen, allerdings sei das von Land zu Land sehr unterschiedlich. In Märkten wie Spanien, Frankreich oder Brasilien, in deren Ballungszentren Badoo bereits eine kritische Masse erreicht hat, sind mit ausreichender Wahrscheinlichkeit mehrere Nutzer in der näheren Umgebung. Hier gewinnt, wer auffälliger ist als die anderen. Rund 90 Prozent der Umsätze kommen aus diesen drei Märkten.

Unumstritten ist Badoo nicht. Insbesondere hinsichtlich der hohen Mitgliederzahlen von Badoo gibt es Kontroversen: Von gefälschten Nutzerprofilen über ohne Zustimmung gesammelte Facebook-Nutzerdaten bis hin zu einem einem undurchschaubaren Abmeldeprozess reichen die Anschuldigungen, die zumeist in Foren und Kommentaren auftauchen. Kritik begegnet der Wahl-Londoner mit stoischer Gelassenheit. Datensicherheit sei immer ein wichtiges Thema gewesen. Mit den Nutzerdaten gehe man vertraulich um, versichert er, niemals würden Informationen weitergegeben. Auch zeige Badoo, das übrigens in den vergangenen Wochen und Monaten eine ganze Reihe früherer Google- und Facebook-Mitarbeiter angeheuert hat, niemals den genauen Ort der Nutzer an, sondern lediglich die Entfernung.

Börsengang? „Sag niemals nie.“

Die Zukunft von Badoo sieht Andreev hauptsächlich im Mobil-Bereich. Das „Jetzt-und-hier“ sei für die Kontaktaufnahme wesentlich bedeutsamer als das Web selbst geworden und die App biete alles, was notwendig ist. Potenzial für weiteres Wachstum sieht er noch: In Märkten wie Deutschland, Großbritannien oder den USA, in denen Badoo recht wenige Nutzer besitzt, experimentiere Badoo derzeit mit neuen Angeboten, etwa Kategorien. Auch ein Büro in San Francisco könnte es bald geben. „Nicht jeder Markt ist gleich, für einige haben wir noch nicht die richtige Formel gefunden. Ohne Werbung, auf die wir bislang verzichtet haben, wird das Wachstum in diesen Ländern nicht kommen“, erklärt Andreev. Bislang habe Badoo im Wesentlichen auf Viralität und Email-Kampagnen gesetzt.

Und die Investoren? Bereits 2007 – damals verwies Badoo auf zwölf Millionen Nutzer – hatte der russische Finam Technology Fund für 30 Millionen US-Dollar einen Anteil von zehn Prozent übernommen, was einer Bewertung von 300 Millionen US-Dollar entspricht. Ende 2009 kamen noch einmal weitere zehn Prozent bei einer höheren Bewertung hinzu. Für wie viel Andreev heute zehn Prozent an Badoo verkaufen würde, mag er zwar nicht verraten. Gehandelt wird aber eine Bewertung jenseits der Milliardengrenze. Darin enthalten sind sicherlich noch erhebliche Wachstumserwartungen der möglichen Investoren. Ob Badoo an die Börse will? „Sag niemals nie“, antwortet Andreev – und wirkt dabei merklich weniger verhalten als zuvor.