Candis

So sehen Sieger aus:  Tom König (links), Christian Ritosek, Christopher Becker und Cedric May von Candis

Schluss, aus, vorbei! 30 Stunden lang hatten Entwickler, Designer und Marketer beim ersten Bankathon in Frankfurt (fast) abgeschottet von der Außenwelt programmiert, getüftelt und gehackt. Aufgabe war es, in dieser Zeit ein völlig neues Produkt aus dem Finanz-Bereich zu kreieren. Der Startschuss zum Code-Basteln war am Montagmorgen gefallen.

Zwei Teams, so heißt es am Rande der Veranstaltung im Social Impact Lab, hätten die 30 Stunden durchgeackert und kein Auge zu getan. Alle anderen hätten sich wenigstens am frühen Morgen für einige Stunden aufs Ohr gehauen. Nach mitternächtlicher Currywurst und unzähligen Energydrinks ertönte schließlich gestern Abend um 18 Uhr der Schlusspfiff.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: 26 FinTech-Projekte wurden gleich nach Ablauf der 30 Stunden vor Bank-Managern, Investoren und Neugierigen auf Herz und Nieren getestet. Ohne obligatorische Powerpoint-Folien, sondern mit einer Live-Demo der entsprechenden Hacks.

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Mit dabei: ein FinTech-Spiel für Kinder, dass den lieben Kleinen dabei helfen soll, einfache Rechenarten zu lernen, Apps zur Visualisierung der Soll- und Haben-Entwicklung, das Android-Pendant zu Apple Pay und jede Menge Wahrsager-Tools für den Kontostand. Außerdem am Start: alte Bekannte wie das Startup für P2P-Transaktionen Cringle und die Jungs von Fairr.de.

Ausgerichtet wurde der Hackathon von den FinTech-Startups Gini und Figo. Gini aus München bietet eine Technologie zur Dokumentenanalyse. Das Hamburger Startup Figo stellt eine Banking-as-a-Service-Plattform zur Integration von Online-Banking bereit. Die Programmierschnittstellen der beiden Anbieter konnten die Entwickler in ihre Projekte einbinden.

Auf das Siegertreppchen schafften es am Ende Move.me, eine App, die mühelose Kontenwechsel möglich machen will (3. Platz) sowie ein Renten-Feature von Fairr.de, das kalkuliert, wie viel Geld man noch zurücklegen sollte, um im Ruhestand monatlich einen bestimmten Betrag herauszubekommen (2. Platz). Ganz oben durften es sich die Macher von Candis gemütlich machen. Ihre Präsentation eines sprachgesteuerten Rechnungsmanagement-Systems überzeugte die Jury offenbar.

Gründerszene hat Candis-Produktmanager Christian Ritosek gleich nach der Siegerehrung zum Antrittsinterview getroffen:

Christian, Glückwunsch zum Sieg. Wie habt Ihr die letzten 30 Stunden erlebt?

Es war extrem hart für uns. Wir mussten die Idee erst einmal entwickeln. Wir sind hier zwar mit einer relativ klaren Vision hergekommen, haben dann aber Montagmorgen noch eine längere Diskussion geführt, was das endgültige Produkt wird. So konnten wir erst am Nachmittag anfangen, das Produkt wirklich zu coden. Wir mussten also Zeit aufholen – und das war anstrengend.

Fass doch noch mal zusammen, was Ihr in den vergangenen eineinhalb Tagen auf die Beine gestellt habt.

Erstmal haben wir festgestellt, das wir alle das gleiche Problem in unseren Unternehmen hatten: die unaufgeräumte Buchhaltung. Du bekommst Belege, die teilweise in E-Mail-Fächern versickern, teilweise in Schubladen verloren gehen. Man stellt also Leute an, die versuchen, diese Belege zu strukturieren. Ein riesen Aufwand. Wir haben gesagt, dass wir dieses Problem lösen wollen.

Wir digitalisieren also den Buchhaltungsassistenten und haben eine Software geschrieben, die den Arbeitsaufwand dieser Person um 80 Prozent reduziert.

Was genau passiert mit einer Rechnung in meinem Mail-Account?

Sie wird von Candis automatisch ausgelesen. Candis erkennt, dass da eine Rechnung angekommen ist und stellt fest, von wem die Rechnung kommt, wie hoch der Betrag ist, wann sie ausgestellt wurde, wann sie fällig ist – eben alle Daten, die die Rechnung enthält. Die Schreiben werden dann automatisch nach einem von dir festgelegten Schema strukturiert.

Und was hat es mit der Spracherkennung auf sich, die Ihr so publikumswirksam präsentiert habt?

Candis lässt sich komplett über Spracherkennung steuern. Du kannst sie zum Beispiel fragen, wie viele Rechnungen noch offen sind. Das ist auch praktisch, um sich unterwegs einen Überblick über seine Buchhaltung zu verschaffen. Wenn du etwa von deinem Investor angerufen wirst und er dich fragt, wie hoch die aktuelle Cash-Burn-Rate ist, dann fragst du einfach Candis. Sie liest den Betrag automatisch aus den vorhandenen Belegen aus.

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Ihr kanntet Euch schon vor Beginn des Hackathons…

Wir sind wirklich dicke Freunde, kennen uns seit fünf, sechs Jahren und haben schon zusammen Projekte gestemmt. Christopher und ich haben uns an der Uni kennengelernt, wollten damals gemeinsam ein Unternehmen gründen. Daraus ist aber nichts geworden. Dann hat jeder etwas eigenes gemacht. Jetzt sind wir mit mehr Erfahrung wieder zusammengekommen.

Wie soll es jetzt mit Candis weitergehen?

Der erste Prototyp steht und wir nehmen uns jetzt die nächsten vier Wochen Zeit, um das Produkt zur Marktreife zu bringen. Das ist sportlich, aber wir haben ein Team hinter uns, eine Finanzierung, die Christopher und ich erstmal stellen können. Dann wollen wir die ersten Kunden an Bord holen und ein Investment aufnehmen.

Danke für das spontane Gespräch.

Als Gewinner-Team wird Candis sein Produkt am heutigen Mittwoch auch auf der FinTech-Konferenz Exec I/O FinTech auf dem Campus der Frankfurter Goethe Universität vorstellen.

Bild: Elisabeth Neuhaus/ Gründerszene