Cocktail Trade

Thomas Pischke (25, links) und Bilal Karim Reffas (20) haben den Bankathon-Jurypreis gewonnen

Wo früher Schuhe produziert wurden, präsentierten 16 Teams ihre Finanz-Hacks. In einem ehemaligen Fabrikgebäude endete gestern Abend die zweite Ausgabe des Finanz-Hackathons Bankathon – diesmal nicht im Finanzzentrum Frankfurt, sondern im weniger glamourösen Offenbach. Die Entwicklungszeit war kurz: Nach 30 Stunden musste das Produkt stehen – „from scratch“, also quasi aus dem Nichts. Danach war Schluss.

Ob ein Code-Konstrukt tatsächlich funktionierte, bekam das Publikum gleich während der Präsentation mit. Denn wieder galt: Power-Point-Folien verboten! Die Entwickler mussten ihre Hacks live vorführen.

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Am Rande der Veranstaltung war zu hören, dass in keinem anderen Bereich der Startupszene der Anteil an Doktortiteln so hoch sei wie bei den Fintechs. Mit frischem Code und einer Brise frischem Wind wolle man der steifen Bankerwelt „den Stock aus dem Arsch ziehen“, hieß es.

Der erste Bankathon fand im April in Frankfurt statt. Damals gewann Candis mit einem sprachgesteuerten Rechnungsmanager.

Ausgerichtet wurde der zweite Code-Marathon von der Fintech-Konferenz Exec I/O sowie den Startups Gini und Figo. Gini bietet eine Technologie zur Dokumentenanalyse. Figo stellt eine Banking-as-a-Service-Plattform zur Integration von Online-Banking bereit. Die Programmierschnittstellen der Anbieter konnten die Entwickler in ihre Projekte einbinden. Weitere APIs kamen von SAP und Comdirect. Die API-Lieferanten vergaben später separate Preise.

Den mit 3.000 Euro dotierten Jurypreis gewannen zwei junge Techies, die mit ihrer App Cocktail Trade die Aktiensuche einfacher machen wollen. Auf Platz zwei landete Best Invest, das seinen Nutzern auf Basis einer subjektiven Marktprognose, zum Beispiel zum zukünftigen Verlauf einer Aktie, passende Finanzprodukte mit möglichst niedrigen Gebühren vorschlägt. Das Modell basiert auf einem Beschluss der EU (PRIIPs), nach dem Finanzanbieter ab 2017 alle anfallenden Kosten für ihre Anlageprodukte in einem einheitlichen „Beipackzettel“ offenlegen müssen.

Das mobile Bezahlsystem Kesh, das P2P- und P2B-Zahlungen ermöglicht, belegte mit der Idee eines „Social ATM“ den dritten Platz. Kesh selbst gibt es bereits, die App ist ein Produkt der Biw Bank, die wiederum der XCom AG gehört, einem Finanztechnologie-Entwickler mit Sitz im niederrheinischen Willich. Eine Kesh-Delegation entwickelte nun während des Bankathons ein Feature, das es erlaubt, andere Nutzer in der Nähe per App nach Bargeld zu fragen und es ihnen, ebenfalls per App, in Echtzeit zurückzuzahlen.

Gründerszene hat die Erstplatzierten von Cocktail Trade gleich nach der Veranstaltung zum Gespräch getroffen. Thomas Piscke (25) befindet sich im letzten Semester seines Physik-Studiums, Bilal Karim Reffas (20) macht eine Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung.

Gratulation, Thomas und Bilal! In aller Kürze: Was genau macht Cocktail Trade?

Thomas: Wenn ich mich im Internet auf die Suche nach Informationen über Aktien begebe, werde ich von Zahlen erschlagen. Dabei ist es normalerweise ja so, dass ich online ganz konkret nach etwas suche. Dazu gehe ich auf Google und gebe meine Suchbegriffe ein. Dieses Prinzip wollen wir auch für Aktien umsetzen. In unser Eingabefeld kann man ein beliebiges Stichwort eintippen.

Zum Beispiel „Auto“.

Thomas: Genau. Oder Pharma oder Laseroptik, das ist dem Nutzer überlassen. Wir präsentieren ihm dann auf Basis seiner Anfrage die passenden Aktien – zum Beispiel von Automobilherstellern. Unser Algorithmus stellt ein Aktienpaket zusammen, das sich auf die Fundamentaldaten der Firmen, deren Performance in den letzten Monaten und das News-Sentiment, also die Tonalität in den Medien, stützt. Cocktail Trade zeigt an, wie sich dieses Paket in der Vergangenheit entwickelt hat. Das Besondere: Ich muss mir die Firmen nicht noch einmal genau anschauen, sondern kann direkt investieren. Ich entscheide bloß, wie viel Geld ich investieren möchte, die App optimiert dann das Portfolio, bestimmt also, wie viel für welche Aktie ausgegeben werden sollte. Auch die Investmentstrategie wird optimiert: Wann kaufe ich welche Aktie? Wann verkaufe ich sie am besten wieder?

Was muss der Nutzer dann überhaupt noch tun, außer nach Stichworten suchen?

Thomas: Du hast als Nutzer die volle Kontrolle über diese Prozesse und bekommst jedes Mal angezeigt, wenn etwas gehandelt werden soll. Dann kannst du dich entweder dafür oder dagegen entscheiden.

Das war nicht Euer erster Hackathon. Wie waren die 30 Stunden mit Fintech-Fokus für Euch?

Bilal: Wir haben hier zum ersten Mal miteinander gearbeitet, nachdem wir uns erst vor zwei Wochen auf einem anderen Hackathon kennengelernt haben. Thomas hatte die Idee zu Cocktail Trade, und ich fand sie so cool, dass ich unbedingt mitmachen wollte. Wir haben beschlossen, dass wir das auch alleine durchziehen, selbst wenn sich uns niemand anschließt. Wir haben hier also die ganze Zeit alleine gearbeitet, waren sehr fokussiert. Was mir gut gefallen hat: Die großen Ziele, mit denen man normalerweise auf solche Veranstaltungen kommt, erreicht man aus Zeitgründen meist nicht. Das war hier anders. Wir waren ein gutes Team, Thomas hat das Backend gemacht, ich die komplette App gebaut und das Design verantwortet. Das hat wirklich gepasst. Es war interessant zu sehen, dass man auch mit Menschen zusammenarbeiten kann, die man noch nicht so lange kennt.

Was habt ihr gemacht, um am Ball zu bleiben?

Bilal: In der Regel sollte man auf Hackathons die Nacht durchmachen. Das haben wir hier ehrlich gesagt nicht getan.

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Geschadet hat es ja anscheinend nicht…

Bilal: Nein. Dafür habe ich aber auch von 8 Uhr morgens bis 15 Uhr durchprogrammiert. Da saß ich alleine in der Ecke und war im Tunnel. Sogar das Mittagessen habe ich verpasst. Ärgerlich. (lacht)

Thomas: Man fragt sich natürlich immer, welches Feature man noch einbauen könnte. Wichtig ist, sich da zu bremsen und sich zu sagen, dass man am Folgetag ein Ergebnis vorweisen muss. Man sollte sich also nicht übernehmen. Wir wollten eine coole App zeigen, die funktioniert. Das war unser Anspruch, und den haben wir, finde ich, erfüllt.

Wie soll es jetzt mit Cocktail Trade weitergehen?

Thomas: Unser großes Ziel ist es, den Aktienhandel so einfach wie möglich zu machen, die Leute aber auch über das Risiko aufzuklären, das damit verbunden ist. Im Prinzip wollen wir zeigen, dass Aktien momentan eine bessere Geldanlage sind als Tagesgeldkonten oder Sparbücher.

Danke für das Gespräch!

Übrigens: Cocktail Trade darf sein Produkt heute im Rahmen der Euro Finance Week vor Experten in Frankfurt vorstellen, im März haben sie diese Gelegenheit wieder, dann auf der Fintech-Konferenz Exec I/O. 

Bild: Elisabeth Neuhaus/ Gründerszene