„Wer denkt, es sei zu gefährlich, soll nicht hinfliegen“

Mehr als 2000 Entrepreneure und Techies drängen sich Ende Oktober auf dem Wiener Pioneers Festival. Ein schmächtiger Holländer mit kurzrasiertem Schädel ist hier ein Außenseiter: Zwar ist Bas Lansdorp auch so etwas wie ein Tech-Pionier – aber er designt keine App, schreibt nicht an Algorithmen oder lötet keine Hardware zusammen.

Bas Lansdorp will den Mars besiedeln.

Der Ingenieur ist der Mann hinter Mars One, jenem Projekt, das spätestens 2022 eine bemannte Mission auf den roten Planeten schicken will – die dort bleiben soll, für immer. Klingt total hirnrissig? Vielleicht schon. Aber 200.000 Menschen glauben daran. So viele haben sich bislang für die erste, vierköpfige Crew beworben. Sie alle sind offenbar bereit, ihren Heimatplaneten für immer zu verlassen.

Können sie Bas Lansdorp vertrauen? Der Mars-One-Gründer über die Herausforderungen der Technik, die Vorzüge privater Raumfahrt und den Vergleich mit „normalen“ Entrepreneuren.

Eigentlich passen Sie als Weltraumforscher nicht so richtig auf das Pioneers-Festival. Oder doch? Haben Sie etwas gemein mit den Gründern und Techies?

Ich glaube, alle technology people interessieren sich für die Erforschung des Weltraums. Wir haben diesen großen, großen Plan, über den die Leute mehr hören wollen. Wahrscheinlich hat man mich aber auch eingeladen, um die Leute daran zu erinnern, dass es immer einen größeren Weg gibt, über Dinge nachzudenken.

Waren Sie als Kind schon fasziniert von Sternen und Planeten?

Nein, nicht wirklich. Ich hatte Raumfahrer-Lego, als ich klein war. Aber ich habe mich nie wirklich für die Erforschung des Weltraums interessiert. Ich erinnere mich an das Space Shuttle, an den ersten niederländischen Astronauten, aber ich war kein großer Fan. Die Faszination kam erst, als ich die ersten Bilder des Mars-Rovers „Sojourner“ im Fernsehen sah. Das hat bei mir den Wunsch ausgelöst, selbst zum Mars zu fliegen.

Das war 1997, Sie waren da schon 20 Jahre alt. War das Unternehmen damals schon als One-Way-Mission gedacht?

Immer schon. Weil die Technologie zur Rückkehr einfach noch nicht existiert. Und ich bin ein Typ, der die Dinge gern so einfach wie möglich hält. Warum sollten wir dieses zusätzliche Risiko eingehen, diese zusätzlichen Kosten auf uns nehmen, wenn wir das gar nicht brauchen? Ich wollte immer auf den Mars fliegen, um dort zu bleiben. Das erschien mir immer logisch. Und es ist viel effizienter – wenn man es mit den Missionen vergleicht, die die Raumfahrtagenturen planen: Sie geben mindestens zehn Mal so viel Geld dafür aus, die Raumfahrer zurückzuholen, man bekommt nur ein Jahr nützlicher Arbeit. Wenn die Menschen dort bleiben, kostet es viel weniger – und sie werden dort 40 oder 60 Jahre arbeiten können.

Es ist trotzdem unheimlich komplex. Es dürfte es in Ihrer ganzen Unternehmung viele Dinge geben, die technisch noch nicht gelöst sind.

Nein, das stimmt nicht. Bei einer permanenten Mission gibt es ein paar Sachen, die angepasst oder leicht verbessert werden müssen – zum Beispiel muss das Landesystem um den Faktor 1,7 verstärkt werden. Die Falcon-Heavy-Rakete, die wir nutzen, ist noch nicht geflogen – aber sie wurde bereits für einige Satellitenstarts im Jahr 2016 gebucht. Aber die Lebenserhaltungssysteme zum Beispiel sind auf dem Mars einfacher zu betreiben als im Weltraum. Es gibt dort Ressourcen wie Wasser, Kohlendioxid und Stickstoff. Ja, unsere Astronauten werden in den ersten zwei Jahren nicht duschen können – das ist ein Zugeständnis, das man machen muss, um die Dinge so einfach wie möglich zu halten. Zwei Jahre lang nicht duschen zu können, würde bei einer NASA-Mission nie akzeptiert werden.

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Sie sagen, die NASA sei zu vorsichtig mit ihren Missionen…

…nein, nicht zu vorsichtig. Die NASA ist eine andere Organisation, eine politische Organisation. Sie braucht die Unterstützung des Kongresses und der Steuerzahler. Wenn etwas schiefgeht, gibt es für die nächste Mission kein Geld mehr. Deshalb ist die NASA in eine Spirale von mehr und mehr Tests und Prüfungen gerutscht, was einfach sehr teuer und komplex ist. Wahrscheinlich gibt es für die NASA in dieser Zeit knapper Haushalte aber gar keinen anderen Weg.

Es liegt also am Geld, dass immer mehr Weltraumprojekte von privaten Unternehmen übernommen werden?

Das glaube ich nicht. Die NASA hat immerhin 26 Milliarden US-Dollar pro Jahr zur Verfügung. Das ist immer noch viel Geld. Ich glaube, es liegt daran, dass viele Privatpersonen und Unternehmen vom langsamen Tempo der Raumfahrtagenturen frustriert sind. Klar, das ist eine neue Welt, in der es Leute gibt, die genug Geld haben, um eine Marsmission von ihrem Bankkonto finanzieren. Das gab es früher nicht. Die Welt verändert sich. Übrigens auch dank Internet und sozialer Medien. Wenn wir jeden Menschen auf der Welt um einen Dollar bitten könnten, hätten wir genügend Geld für unsere Mission. Natürlich besitzt nicht jeder Mensch einen Dollar, deshalb können wir das nicht.

Sie bekommen wahrscheinlich häufig zu hören: „Das ist verrückt!“

Das ist die erste Reaktion von jedem, der davon hört. Das liegt an den Raumfahrtagenturen, deren Pläne für Marsmissionen hunderte Milliarden Dollar teuer und mindestens 20 Jahre entfernt sind – übrigens zumeist wegen des Rückflugs. Aber wenn ich den Leuten die Technologien erkläre, unsere Partner nenne, dann verstehen sie, dass es for real ist. Zu unseren Botschaftern gehören Nobelpreisträger und Astronauten, in unserem Beraterkreis sitzen NASA-Leute. Wenn ich den Leuten die Mission im Detail erkläre, dann erkennen sie, dass es da wirklich nichts gibt, das nicht möglich ist. Das gesamte Projekt mag unmöglich erscheinen, aber wenn man sich alle Einzelteile ansieht, merkt man: Es ist komplex, aber es ist möglich.

Nächster Vorwurf: Die Mission ist gefährlich.

Natürlich ist sie gefährlich. Alles, was am Rand des Machbaren geschieht, ist gefährlich. Menschen besteigen den Mount Everest, zwei Prozent davon sterben. Weil es gefährlich ist. No guts, no glory. Wer denkt, es sei zu gefährlich, soll nicht hinfliegen. Wir machen die Gefahren allen deutlich, den Bewerbern, aber auch unseren Sponsoren, Partnern, Investoren und der Öffentlichkeit. Wir werden das Risiko so gut es geht entschärfen, aber es wird immer gefährlich bleiben. Aber Mars One wird zum Beispiel viel sicherer sein als die Mondlandungen, weil wir viel mehr Tests machen werden. Das Landesystem wird alleine acht Mal getestet worden sein, bevor Menschen es nutzen werden. Die Mondlandung wurde nie vorher auf dem Mond getestet. Ihr Start wurde nie getestet. Der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wurde nur ein Mal getestet. Die Rakete wurde nur zwei Mal getestet. Das ist gefährlich.

Keiner weiß, wie Menschen darauf reagieren, dass sie nicht mehr zur Erde zurückkehren können.

Dieses Argument kam immer wieder auf in der Geschichte der Menschheit, bei jeder neuen Technologie. Bei den Dampflokomotiven wurde prophezeit, dass Kühe keine Milch mehr geben und die Leute verrückt werden würden. Man hat zuerst Hunde und Affen in den Weltraum geschickt, weil man dachte, sie würden verrückt werden. Man hat geglaubt, dass Astronauten auf dem Mond verrückt werden würden, weil die Erde so weit entfernt ist. Die Leute sind stark. Sie wachsen mit den Bedingungen, denen sie ausgesetzt sind. Schauen Sie sich an, mit was Menschen schon fertig werden mussten: Nelson Mandela etwa, der für eine so lange Zeit im Gefängnis war. Da würde man auch sagen: Wer das ertragen muss, wird verrückt. Geist und Körper des Menschen sind extrem stark und anpassungsfähig. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, es wird hart sein, vor allem für die erste Crew.

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Und Sie werden vier Nelson Mandelas finden müssen.

Ja, sehr starke Leute. Das ist unsere größte Herausforderung. Es ist nicht schwierig, Ingenieure oder Ärzte zu finden. Sondern vier Menschen, die es auf so kleinen Raum 32 Monate lang aushalten, bevor die zweite Crew ankommt. Übrigens ein wirklich guter Slogan: Wir müssen vier Nelson Mandelas finden. Danke dafür.

Sie haben über die Mission mal gesagt: Wenn Mars One gelingt, dann hat die Menschheit bewiesen, dass sie auch mit ganz anderen Problemen fertig werden kann. Vor welchen Herausforderungen steht die Menschheit Ihrer Meinung nach derzeit?

Ehrlich gesagt bin ich ein Optimist. Wenn ich mir die Geschichte ansehe, dann ging es uns früher viel schlechter. Es gab viele Kriege. Heute sind die Kriege kleiner und lokal begrenzter. In den achtziger Jahren gab es sauren Regen. Wir haben keinen sauren Regen mehr! Wir haben viel erreicht, was die Umwelt angeht, was den Frieden angeht. Das größte Problem, was wir heute auf der Welt haben, ist ein Mangel an Vision. Die Leute wollen immer nur behalten, was sie haben und gehen keine Risiken mehr ein. Ein anderes Problem ist, dass die Welt geteilt ist, was Religion und Politik angeht. Eine Mission wie die unsere kann die Menschen wirklich zusammenbringen. Wenn wir Erfolg haben, mit vier Menschen von vier verschiedenen Kontinenten, zwei Männern, zwei Frauenn, dann wird das eine Party für die ganze Welt sein.

Hier in Wien gibt es viele Menschen mit Visionen: Entrepreneure, Gründer, Erfinder. Gibt es Startups oder Unternehmen, die Sie inspirieren?

Die meisten Technologien, die heute entwickelt werden, sind Gadgets, Smartphones oder Tablets. Es ist sicherlich visionär, wenn man sieht, was die Leute wollen werden, welche neuen sozialen Netzwerke sie nutzen werden – aber das verändert die Welt nicht. Man verändert die Welt nur, wenn man wirklich etwas Besonders tut. Solche Visionen fehlen uns. Gründergeist gibt es genug. Es gibt viele erfolgreiche Unternehmen mit coolen und inspirierenden Ideen. Aber Startups, die mich persönlich inspiriert haben? Mir fallen keine ein. An was ich mich erinnere, sind die Mondlandung oder das russische Weltraumprogramm. Denken Sie daran: Die Russen haben Juri Gagarin ins All geschickt, da waren die Amerikaner gerade in der Lage, subortibale Flüge zu machen – also das, was Richard Branson und andere heute machen. Das war richtig visionär.

Bild: Gründerszene