baywa Klaus Josef Lutz

Klaus Josef Lutz ist seit 2008 Vorstandsvorsitzender von Europas größtem Agrarhändler BayWa.

„Bauer“ ist in Deutschland oft noch ein Schimpfwort. Jemand, dem dieser Begriff an den Kopf geworfen wird, ist in den Augen seines Gegenübers einfältig, grob, rückständig. Mit der Realität allerdings hat diese Charakterisierung nicht wirklich viel zu tun. Im Gegenteil: Die Landwirte leben mittlerweile so weit in der Zukunft wie kaum eine andere Berufsgruppe.

Ihre Trecker und Mähdrescher fahren selbstständig übers Feld, ihre Kühe lassen sich vom Roboter melken und schicken vor dem Kalben eine SMS, und auf den Feldern werden Schädlinge teils schon per Drohne bekämpft. „Smart Farming“ nennt sich diese Entwicklung, deren neueste Errungenschaften auf der weltgrößten Landtechnik-Messe Agritechnica in Hannover präsentiert werden – auch von Europas größtem Agrarhändler BayWa. Dessen Vorstandschef Klaus Josef Lutz ist überzeugt von Big Data auf dem Bauernhof.

Herr Lutz, wie weit ist die Digitalisierung der Landwirtschaft in Deutschland?

In den vergangenen Jahren hat sich sehr viel getan. Die Landwirtschaft von heute ist nicht mehr vergleichbar mit der Landwirtschaft von vor fünf Jahren. Da liegen Welten zwischen. Trotzdem hinkt Deutschland der Entwicklung noch immer hinterher, beispielsweise im Vergleich zu den USA. Vor allem auf den kleinen und mittelgroßen Höfen hierzulande gibt es noch großen Nachholbedarf.

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Also auf der Mehrzahl der Höfe…

Genau. Zwar hat mittlerweile jeder Landwirt einen Computer. Und er schaut sich auch Wetterdaten an, analysiert die Bodenbeschaffenheit und hat Programme für die Buchführung, den Einkauf und seine Warenwirtschaft. Diese Dinge sind aber vielfach noch nicht miteinander vernetzt. Laut dem Trendbarometer der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft wenden aktuell nur 17 Prozent der Bauern entsprechende Systeme an, die alles miteinander verbinden.

Also ist letztlich nicht mal jeder fünfte Landwirt in Deutschland „smart“ unterwegs. Warum ist die Zurückhaltung so groß?

Es werden stetig mehr. Das besagte Trendbarometer zeigt nämlich auch, dass sich schon mehr als 50 Prozent der Bauern mit Smart – oder wie wir in unserem Unternehmen sagen – mit Digital Farming beschäftigen. Landwirte sind seit jeher äußerst technikaffin, der Generationenwechsel tut aber noch mal sein Übriges. Für die nachrückenden Generationen hat Technik einen ganz anderen Stellenwert. Die größten Berührungsängste gibt es derzeit noch mit Lösungen wie der Cloud.

Wie sicher sind denn die Daten in den Farmmanagement-Systemen?

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es für nichts und niemanden. Das hat zuletzt der NSA-Skandal mitsamt dem Angriff auf das Kanzlerinnen-Handy noch mal gezeigt. Wir sind mit unserem System aber sehr nah dran. Datenschutz hat oberste Priorität. Auch wir als Entwickler und Verkäufer von entsprechender Software können nicht auf die Buchführungsdaten zugreifen, die der Bauer in sein System eingibt.

Neben der Skepsis um den Datenschutz dürften vor allem die hohen Kosten abschrecken, insbesondere die kleinen und mittelgroßen Höfe.

Digital Farming ist noch zu teuer, das stimmt. Je nach Digitalisierungsgrad können da Kosten von mehreren 10.000 Euro zusammenkommen – pro Modul, Sensor oder Maschine. Das wird sich aber ändern. Wir zum Beispiel werden auf der Agritechnica Lösungen für kleine und mittelgroße Höfe vorstellen, die lediglich noch ein paar Euro pro Jahr und Hektar kosten. Abgesehen davon muss man den Anschaffungskosten immer auch den Nutzen gegenüberstellen. Was auf den ersten Blick teuer aussieht, kann sich bei genauerem Hinsehen schon sehr schnell rechnen. Denn Digital Farming sorgt für einen optimalen Mitteleinsatz und damit für mehr Ertrag und weniger Kosten. Das ist unternehmerisches Handeln. Ich verstehe aber, dass vielen Höfen das noch schwer fällt, schließlich haben sie jahrzehntelang mit Subventionen gerechnet.

Wie hoch ist der Effizienzgewinn?

Das hängt vom jeweiligen Betrieb ab und lässt sich daher nicht pauschal beziffern. Grundsätzlich gilt aber: Je größer der Hof, desto höher ist das Einsparpotenzial. Von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft gibt es eine Modellrechnung. Danach reduzieren digitale Lenksysteme wie GPS die Arbeitszeit auf dem Feld um zwölf und den Betriebsmitteleinsatz um fünf bis zehn Prozent im Vergleich zur manuellen Steuerung der Landmaschinen. Zudem reduzieren optische Sensoren und digitale Ertragskarten bei der Bearbeitung eines Ackers den Energieverbrauch für die Bodenbearbeitung um 20 bis 60 Prozent, die notwendige Menge an Pflanzenschutzmitteln um zehn Prozent und die Kosten für Saatgut und Dünger um bis zu 34 Euro pro Hektar.

Wie viel Smart Farming verkraftet die Landwirtschaft eigentlich? Die Böden sind bereits an den Belastungsgrenzen, und jetzt wird das Bestellen der Felder noch intensiver.

Diese Diskussion gibt es nur in Deutschland. Und sie ist falsch. Digital Farming wirkt nicht zerstörerisch, sondern im Gegenteil ressourcenschonend. Denn Dünger und Pflanzenschutzmittel werden dann nicht mehr – wie es heute immer noch vorkommt – nach dem Gießkannenprinzip auf die Felder aufgebracht, sondern genau dosiert an den Stellen, an denen sie auch wirklich benötigt werden. Es gibt also keine Überdosierung mehr.

Wie viele Arbeitsplätze gehen auf den Höfen verloren, wenn bald alleine die Maschinen das Sagen haben?

Die meisten Höfe sind Familienbetriebe und haben ohnehin nur wenige Angestellte. Die Auswirkungen sind also wahrscheinlich gering. Ich rechne aber damit, dass etliche Höfe von Voll- auf Nebenerwerb umstellen. Wobei das durch den allgemeinen Strukturwandel ohnehin schon passiert.

Geht durch Smart Farming nun auch die letzte Bauernhof-Romantik verloren?

Was ist Bauernhof-Romantik? Sind das Kühe mit Namensschildern? Das Melken von Hand? Oder Treckerfahren? Der Beruf des Landwirts stimmt schon lange nicht mehr mit der Darstellung in Heimatfilmen überein. Es geht um knüppelharte Arbeit – und Maschinen machen sie deutlich angenehmer und leichter. Auf dem Trecker sitzt der Bauer aber trotzdem noch. Und das mag manchem deutlich romantischer erscheinen als ein Büro-Job in der Stadt.

BayWa ist ein Agrarhändler. Sie kaufen und verkaufen Obst, Gemüse und Getreide, bei Ihnen gibt es Düngemittel und Saatgut. Wie passt die Software dazu?

Sehr gut sogar. Wir sind Dienstleister für die Bauern. Bei uns bekommen die Landwirte alles, was sie brauchen. Und jetzt brauchen sie Softwarelösungen für Digital Farming. Wenn wir das nicht anbieten, werden wir von der Industrie überholt. Das aber würde unser komplettes Geschäftsmodell in Frage stellen.

Was können Sie bieten, was es bei den großen Landmaschinen-, Düngemittel- oder IT-Konzernen nicht gibt?

Wir sind neutral. Unsere Farmmanagementsysteme funktionieren herstellerunabhängig. Die Bauern arbeiten ganz bewusst mit vielen Herstellern zusammen, wir können die Maschinen trotzdem zusammenführen. Das ist ein entscheidender Vorteil.

Noch.

Der Wettbewerb wird mit Sicherheit größer, sei es durch kleine Startups oder durch große Konzerne. Mit der Übernahme von PC-Agrar im Frühjahr haben wir aber erst einmal ein Ausrufezeichen gesetzt und sind der Konkurrenz um einiges voraus. Dass wir den Zuschlag für diese vielfach umworbene Firma erhalten haben, lag sicherlich an unserem Zugang zu den Bauern.

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Sind weitere Akquisitionen geplant?

Wir denken über Zukäufe nach. Dabei geht es vor allem um das Thema Datenverarbeitung. Die von den Systemen gesammelten Informationen müssen schließlich sinnvoll ausgewertet werden. Wir brauchen noch mehr Kompetenz für die Analyse von Satelliten-, Wetter- und Biomassedaten. Also halten wir weltweit die Augen offen. Geld für Zukäufe ist dabei vorhanden. Zumal es eher um Ergänzungen geht und weniger um eine ganz große Akquisition. Das könnte eher in anderen Bereichen passieren. Wir wollen zum Beispiel unser Fruchtportfolio in Europa erweitern, indem wir andere Großhändler übernehmen. Und wir wollen unser Geschäft in den USA ausweiten.

Wie weit ist Smart Farming mittlerweile in der Praxis?

Wir sind besser als die Autoindustrie, und wir sind besser als der Maschinenbau. Dort wird schon lange über autonomes Fahren und über Industrie 4.0 diskutiert, trotzdem ist es bislang nicht mehr als eine Zukunftsvision. In der Landwirtschaft dagegen gibt es diese Dinge bereits. Zwar ist technisch sicherlich noch deutlich mehr möglich, wir sind aber schon ziemlich weit. Vielleicht wird dadurch jetzt endlich mal gesehen und anerkannt, was die Landwirtschaft leistet. Wir sorgen für eine sichere Nahrungsmittelproduktion. Auch wenn es immer wieder populistische Angriffe unter dem Deckmantel des Verbraucherschutzes gibt – ich hätte nicht im 17. oder 18. Jahrhundert ernährt werden wollen. Wer die moderne Landwirtschaft mit ihrer Technik verteufelt, dem fehlt der nötige Realitätssinn. Unser Job ist es, so viele und gute Rohstoffe so nachhaltig wie möglich zu produzieren. Alles andere ist unmoralisch, dann hungern und sterben noch mehr Menschen.

Wie groß kann der Bereich Smart Farming bei Ihnen werden?

Aktuell ist das noch ein kleines Pflänzchen mit Umsätzen im einstelligen Millionenbereich. Langfristig soll daraus aber eine tragende Säule in unserem Produktportfolio werden. Das wird noch ein paar Jahre dauern, aber das Potenzial ist vorhanden. Digital Farming ist das Zukunftsthema in der Branche. Also werden wir jetzt mit Wucht in den Markt gehen.

Warum wartet ein Landwirt auf eine BayWa-Lösung, wenn er seine Agrardaten auch von Google auswerten lassen kann?

Weil wir besser sind. Google beschäftigt sich mit Agrardaten, das hat aber allenfalls Startup-Charakter. Um für die Landwirte interessant zu sein, muss man einen konkreten Nutzen bieten. Mit den nackten Daten kann niemand etwas anfangen. Man muss auch die Schlussfolgerung für jeden einzelnen Betrieb ziehen und anbieten. Und das machen wir.

Dieser Artikel erschien zuerst in Die Welt.

Bild: bayWa