Mehr als 200 Frauen der US-Tech-Szene wurden für eine neue Studie zu Sexismus am Arbeitsplatz befragt. In „Elephant in the Valley“ ging es um ihre Benachteiligung, sexuelle Belästigung, Ausgrenzung. Und die Ergebnisse sind erschütternd. 60 Prozent der Befragten geben an, im Job bereits sexuell belästigt worden zu sein. Davon sagen 65 Prozent, die Annäherungen seien von einem Vorgesetzten gekommen. Die Hälfte gibt an, mehr als ein Mal belästigt worden zu sein.

Den Anstoß zur Studie gab der Sexismus-Skandal um einen der größten und erfolgreichsten VCs aus dem Silicon Valley: Kleiner Perkins Caufield & Byers. Die frühere KPCB-Investmentmanagerin Ellen Pao hatte gegen ihren Ex-Arbeitgeber geklagt und im vergangenen März vor Gericht in allen Punkten verloren. Pao hatte 16 Millionen US-Dollar Entschädigung gefordert. Die Begründung: Diese Summe sei ihr entgangen, da der VC ihrer statt nur Männer befördert habe. Vorausgegangen war ein monatelanger Prozess, bei dem es um Sex, Millionengelder und die männlich geprägte Führungskultur im Silicon Valley ging.

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Die sieben Studien-Autorinnen schreiben zu ihrer Motivation: „Wir haben bemerkt, dass viele Frauen ähnliche Dinge am Arbeitsplatz erleben. Den meisten Männern ist das nicht bewusst und sie sind von den Problemen, mit denen Frauen im Job konfrontiert werden, schockiert.“ Um diese Informationslücke zu schließen, habe man die Befragung gestartet und sich dafür auf fünf Bereiche konzentriert: Feedback und Beförderung, Inklusion, unbewusste Verzerrung (bias), Mutterschaft sowie Belästigung und Sicherheit.

Die befragten Frauen haben mindestens zehn Jahre Berufserfahrung, 91 Prozent arbeiten in der Bay Area beziehungsweise dem Silicon Valley. 77 Prozent der Teilnehmerinnen sind über 40 Jahre alt und zwei Drittel haben Kinder. Ein Viertel sind außerdem C-Level-Managerinnen, elf Prozent Gründerinnen. Weiterhin nahmen Mitarbeiterinnen großer Tech-Firmen wie Apple, Google und VMWare an der Studie teil.

Die Ergebnisse der Studie im Überblick:

60 Prozent der befragten Frauen, die sexuelle Übergriffe gemeldet hatten, waren mit den Konsequenzen unzufrieden.

  • Aus Angst ihrer Karriere zu schaden, haben 39 Prozent aller belästigten Frauen nichts unternommen.
  • Den Vorfall haben 30 Prozent nicht gemeldet, weil sie ihn vergessen wollten.
  • 29 Prozent haben einen Vertrag zum Erhalt des Rufs ihres Arbeitgebers unterzeichnet, welcher unterbindet, dass sich die Betroffenen weiter zu dem Vorfall äußern können (non-disparagement agreement). 

84 Prozent der Befragten haben bereits zu hören bekommen, sie seien zu aggressiv.

  • Niedere Aufgaben, wie Notizen machen oder Essen bestellen, sollten 47 Prozent der Befragten erledigen. Männliche Kollegen seien um solche Gefallen nicht gebeten worden.
  • 32 Prozent widersprechen und sagen, sie müssten solche Dienste nicht erledigen.

66 Prozent haben sich bei sozialen Events und Netzwerk-Veranstaltungen wegen ihres Geschlechts ausgeschlossen gefühlt.

  • 59 Prozent glauben, sie hätten nicht die gleichen Möglichkeiten wie ihre männlichen Gegenüber.
  • Bei Company-Offsites und/oder Konferenzen haben 90 Prozent der Teilnehmerinnen sexistisches Benehmen beobachtet.

87 Prozent geben an, erniedrigenden Kommentaren männlicher Kollegen ausgesetzt gewesen zu sein.

  • 88 Prozent sagen, Kunden oder Kollegen hätten männlichen Kollegen Fragen gestellt, die eigentlich an sie hätten gerichtet werden müssen (wegen des Zuständigkeitsbereichs).

75 Prozent der Frauen wurden in ihren Bewerbungsgesprächen nach ihrer Familie, ihrem Ehestand und Kindern gefragt.

Der Pao-Prozess im vergangenen Jahr hatte für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt: Viele Medien prangern seitdem Sexismus im Valley an. Das löste auch Gegenreaktionen aus. Joyus-Gründerin Sukhinder Singh Cassidy will beispielsweise lieber betonen, dass Frauen es in der Szene trotz aller Hindernisse schaffen. Sie befürchtet, junge Gründerinnen könnten durch die Berichterstattung abgeschreckt werden. Daher hatte sie im Mai gemeinsam mit 57 anderen Unternehmerinnen einen offen Brief verfasst, um Frauen zu ermutigen.

Zuvor hatte Singh Cassidy ebenfalls 100 Frauen aus ihrem Netzwerk befragt – auch dabei kamen ähnliche Ergebnisse wie bei „Elephant in the Valley“ heraus.

Auf der Seite der aktuellen Studie können übrigens einige Antworten der Teilnehmerinnen unter den Punkten „See Stories“ nachgelesen werden. Zwei der sieben Autorinnen, Trae Vassallo und Michele Madansky, haben außerdem mit dem US-Tech-Magazin Recode über die Ergebnisse der Studie gesprochen: Das Interview gibt es hier zu hören. Die weiteren Autorinnen sind Monica Leas und Julie Oberweis von der Stanford University sowie Ellen Levy, Hillary Mickell und Bennett Porter.

Bild: Gettyimages/Alastair Pollock Photography