Berlin-Startup-Hype-Debatte

Stuttgarter Unternehmer wettert gegen Berliner „Me-too-Gründer“

Berlin gilt als Gründer-Mekka. Doch die Hauptstadt der Jungunternehmer ist in weiten Teilen der Republik in Verruf geraten. Kritische Stimmen halten Berliner Gründern vor, viel Lärm um nichts zu machen. Schaumschlägerei an der Spree?

Mattias Götz jedenfalls ist auf Krawall gebürstet. In einer Pressemitteilung drischt der Gründer des Beratungsunternehmens Wert8 mit Sitz im baden-württembergischen Hochburg auf die Berliner Startupszene ein. Während die hippen Hauptstädter damit beschäftigt seien, Special-Interest-Unternehmen zu klonen, sei der Milliarden-Exit des schwäbischen Software-Konzerns TeamViewer still und heimlich über die Bühne gegangen. Die „Hidden Champions“, ist sich Götz sicher, reiften in der Provinz bei Stuttgart heran – „weitab des Hauptstadt-Hypes und in der räumlichen Nähe von ersten zahlungskräftigen Kunden“.

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Götz, der sich selbst als Investment-Profi verkauft, bezeichnet Berlin als die Stadt der „Me-too-Gründer“. Hier wollten alle ein Stück vom Erfolgskuchen abhaben – und setzten auf dieselben Ideen. Dabei sei Berlin „Blödsinn für Technologie-Gründungen“, weil es zwar massenweise Marketing-Profis, aber nur wenige Tech-Fachleute gebe.

Das „Ende der Berliner Startup-Party“ läutete auch die Wirtschaftswoche bereits vor einem halben Jahr ein und prophezeite den Siegeszug der B2B-Branche. Dafür gab es Dresche von der Berliner Szene.

Das Wall Street Journal zog im Juli nach und schilderte, dass sich das Bermuda-Dreieck ernstzunehmender Startups von Darmstadt über Saarbrücken, Kaiserslautern, Karlsruhe und Walldorf erstrecke und damit im Süden Deutschlands zu verorten sei. Zu sehr am Verbraucher orientiert sei die Welt an der Spree. Die wirklich dicken Fische, das sagt auch das Wall Street Journal, seien in B2B-Gewässern unterwegs.

Astronomische Deals sind in der Hauptstadt Mangelware

Doch auch im Norden tut sich was. Thomas Reimers ist Marketingverantwortlicher beim Hamburger Server-Produzenten und Crowdfunding-Juwel Protonet. In einem Gründerszene-Interview fasst er das Potenzial der Hamburger Szene zusammen: „In der Hansestadt sitzen die Startups, die Geld verdienen.” In Berlin würden Mode-Themen abgefrühstückt. „Wir haben eine Kultur der Gründer, die weniger Exit- und VC-getrieben ist”, sagte auch Carsten Brosda, Leiter des Amts für Medien der Stadt Hamburg, gegenüber Gründerszene. „Hamburger Unternehmer setzen auf gesundes Wachstum, quasi digitalen Mittelstand. Wer hier gründet, gründet weil er will – nicht weil er muss.“

Dass hinter dem Boom in Berlin mehr heiße Luft als Substanz stecken könnte, zeigte eine Standortuntersuchung des Telefonunternehmens Telefónica und des Forschungsprojekts Startup Genome bereits 2012: Von 20 analysierten Metropolen weltweit schaffe es die Bundeshauptstadt gerade einmal auf Platz 15. Da in der Studie Berlin als einzige deutsche Stadt vertreten ist, sagt das allerdings nur bedingt etwas über den innerdeutschen Zwist aus.

Erfolgsbelege wie etwa riesige Exits sind in Berlin tatsächlich rar. Die Hundert-Millionen-Marke knackten nur wenige Startups, darunter Sociomantic, Zanox oder Brands4Friends. Börsengänge könnten indes bei Zalando oder Rocket Internet bevorstehen. Die IPO-Gerüchteküche brodelt schon länger. Serviert wurde bislang allerdings: nichts.

Digitale Industrie könnte dominierender Wirtschaftszweig sein

Alexander Kölpin vom VC WestTech Ventures hielt Anfang dieses Jahres gegen die Hiobsbotschaften vom bösen Hype. In einem Interview mit dem Startup-Kanal Venture TV bestreitet er zwar nicht, dass es einen Hype gebe, bewertet den Trend aber als positiv. „Die ganze Welt schaut auf Berlin. So kommen Gründer und Kapital in die Stadt. Das zieht Mitarbeiter an und es entsteht ein Kreislauf, der sich hochschaukelt – ohne Blase oder überbordende Bewertungen.“ Die digitale Industrie, sagt Kölpin, könnte in Berlin zum dominierenden Wirtschaftszweig heranwachsen.

McKinsey orakelt, dass die Berliner Startupszene bis 2020 rund 100.000 neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Wenigstens die Wirtschaftskraft Berlins dürfte in diesem Szenario mehr sein als nur Schall und Rauch.

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von pj_vanf