Tim Schlegel

Es war ein weiter Weg von Ost-Berlin bis nach Stanford für Tim Schlegel. Jetzt arbeitet er an seinem Startup Meclub.

Tim, wo hast du deine Kindheit verbracht?

In Berlin-Mitte, ehemaliges Ostberlin.

Du bist dann kurz vor der Maueröffnung über Ungarn aus der DDR geflüchtet. Wie hat sich das abgespielt? Ganz alleine? Ist deine Familie in der DDR geblieben?

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Ich kann mich daran erinnern, als wenn es gestern gewesen wäre. Meine Mutter machte Frühstück wie immer, ich war noch sehr jung – und dann bin ich einfach los. Kein Wort zu meiner Familie. Ich durfte sie ja nicht zu Mitwissern machen. Ich habe dann in Budapest Kontakt zur westdeutschen Botschaft aufgenommen. Die haben mich mit dem Samariterverein außerhalb der Stadt konspirativ in Verbindung gebracht. Die ungarischen Grenzposten hatten Schießbefehl, doch gab es zu dieser Zeit bereits sporadische Bustransporte über die Grenze nach Österreich. Eine ungarische Diplomatenfamilie hatte mich dabei unterstützt. Die Planung war komplex, die Durchführung lief wie geschmiert.

Du hast dann in West-Berlin gelebt. Wie bist du auf die Idee gekommen, in die USA zu gehen?

Ein Mädchen…

Hattest du Schwierigkeiten, dort einen Job zu finden?

Silicon Valley stand bei mir nie auf dem Plan. Doch es explodierte damals gerade. Ich dachte, ich höre mir das einmal an. Bei meinem Einstellungsgespräch war der Recruiter so voller Energie, dass ich ihn einfach habe reden lassen. Als er fertig war, sagte er, ich sei eingestellt. Und ich soll für Cisco die Advertising-Abteilung aufbauen. Cisco war damals selbst noch ein Startup.

War das nicht ein unglaublich krasser Gegensatz – von der DDR in die USA. Wie verkraftet man das?

Ich bin da eher nüchtern herangegangen. Kalifornien und die DDR haben so einige Gemeinsamkeiten – wie zum Beispiel, aus Nichts etwas zu machen. Auch sind Kalifornier freundlicher und offener gegenüber Neuankömmlingen und neuen Ideen. Gleichzeitig herrscht reinstes Chaos. Wer gut ist, bleibt locker unter Stress, lernt schnell und sieht mehr Möglichkeiten als Risiken. Man muss sich auch auf sich selbst verlassen können, ein gesetztes Ziel umzusetzen.

Hast du die Anfänge von Google und Facebook und ihren kometenhaften Auftstieg im Silicon Valley erlebt?

Ja klar, Google wurde 1998 offiziell gegründet, vorher waren die ein Research-Projekt an der Stanford Universität. Googles erster 40-Gigabyte-Storage war eine Konstruktion aus Lego-Bauteilen. Und Facebooks erste Homepage hatte ein Al-Pacino-Portrait versteckt hinter einer Wolke Binary-Code. Wie so viele erfolgreiche US Firmen kamen die aus dem Nichts und eroberten die Welt.

Hat das eine Euphorie ausgelöst? Eine Art Goldgräberstimmung und Gründungswelle?

Die derzeitige Gründungswelle ist symptomatisch für Kaliforniens Geschichte. Vorher waren es Chips, ganz vorher war es Gold.

Warum bist du nicht bei der großen Firma Cisco geblieben, wo du einen sicheren Job hattest?

Im Jahre 2000 rannte ich noch als einziger bei Cisco mit einer Canon XL-1 Handkamera über den Campus und machte interne Werbefilme. Das war ja nicht unbedingt die Spezialität des Valleys. Wir hatten keine Ahnung – und es war herrlich. Doch irgendwann, um 2005 herum, wurden wir sehr stark, stärker als Hollywood, auch finanziell. Und dann übernahmen die Businesstypen bei Cisco das Geschäft. Die Freiheit, der Kampf, war an diesem Augenblick für mich vorbei.

Du bist also auch unter die Gründer gegangen. Was war zuerst da? Die Idee für eine Firma oder einfach nur der Wunsch, sich selbstständig zu machen?

Zuerst war es ein Gefühl, dann eine Idee, dann ein Konzept, dann die Firma. Aber hauptsächlich hängt es wohl mit meiner Persönlichkeit zusammen und dem Drang, neue Territorien zu erobern.

Was ist die Idee deines Startups Meclub?

Es ist ein Netzwerk für Berufstätige, um gemeinsam in der Freizeit aktiv zu werden.

Was ist der aktuelle Status von Meclub? Was ist der nächste Schritt?

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Facebook hat bewiesen, das das Social-Network-Konzept funktioniert. Die nächste Phase hat bereits begonnen und sie liegt in der Segmentierung. Meclub ist die Freizeitplattform für Berufstätige. Unsere Zielgruppe ist klar definiert. Wir konzentrieren uns zur Zeit noch auf den Markt Los Angeles. Wir haben ein Weltklasseteam von der Stanford Universität und ehemaligen Gründern und Führungskräften von Square, Beats und RedBull. Unser Konzept wird bereits von starken VC Firmen im Valley akzeptiert. Wir wurden bisher von privaten Industrieveteranen finanziert, jetzt öffnen wir uns für amerikanische und europäische Seed-Investoren.

Was macht ein Startup zu einem erfolgreichen Startup?

Erfolg hat keine 08/15-Formel. Ich denke aber, eine einfache und attraktive Lösung zu einem konkreten Problem zur richtigen Zeit, führt sehr weit. Ganz wichtig ist die Stärke des Gründungsteams, da die ersten Jahre eines Startups hart sind.

Was werden deine Kinder studieren? Informatik in Stanford?

In fünf Jahren sieht die Welt ganz anders aus. Das Wichtigste ist der Glaube an sich selbst und eine fast kindliche Begeisterung für bessere Lösungen in dieser Welt. Alles andere, also auch Informatik, sind nur Werkzeuge.

Was wird eigentlich aus den Leuten, die es mit ihrem Startup nicht schaffen?

Ich denke, dass die Leute, die diese Art von Risikobereitschaft durch eine Startup-Gründung gezeigt haben, auch in neuen Projekten das Zeug haben, erfolgreich zu sein. Ich glaube absolut an diesen Spirit, und ich kann nur jeden ermutigen, sich nicht von alten Konventionen, Pessimisten oder Misserfolgen verängstigen zu lassen.

Wie hat sich das Valley in den vergangenen Jahren verändert? Oder ist alles so geblieben?

Es ist voller, lauter und schneller geworden. Die ganze Welt kommt hierher, vor allem aus Asien, es ist ein Mekka und das zu Recht. Die besten Universitäten und stärksten Finanzfirmen sind hier. Das Wetter ist phänomenal. Doch das Wichtigste ist, sich von all diesem Lärm nicht ablenken zu lassen, sondern weiter an der Idee zu arbeiten, bis sie funktioniert. Und wenn es mal nicht funktioniert, einfach mal surfen gehen.

Foto: Tim Schlegel