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„Venture Capital funktioniert nicht“

Cornelius Boersch und Daniel Wild sind Digital-Dinosaurier. Sie waren an dem Marktplatz der Samwer-Brüder Alando beteiligt, das später an Ebay verkauft wurde. Auch in Ciao (Verkauf an Microsoft), StudiVZ (Exit an Holtzbrinck), Lokalisten und Brands4friends (Exit an Ebay) hatten sie investiert. Beide haben mehrere Unternehmen an die Börse gebracht. Wild zum Beispiel Getmobile.

Ihre Firmen, Mountain Partners und die börsennotierte Ecommerce Alliance, gehen seit einigen Wochen gemeinsame Wege. Mountain Partners hat einen großen Anteil an der Ecommerce Alliance übernommen und beabsichtigt, ihn noch weiter auszubauen. Zum 1. Mai hat der CEO der Ecommerce Alliance, Daniel Wild, auch die Funktion des CEOs bei Mountain Partners übernommen. Durch die neue Aufstellung soll die Assetklasse „Reife disruptive/digitale Unternehmen“ für Privatanleger interessanter werden.

Wir haben mit Boersch und Wild über die aktuelle Lage der Digitalwirtschaft, der Startups in Deutschland und die Pläne ihrer Firma gesprochen.

Welche eurer Beteiligungen machen derzeit am meisten Spaß?

Daniel Wild: Eine gut laufende Beteiligung ist Shirtinator. Das funktioniert ähnlich wie Spreadshirt, ist schon seit Jahren profitabel und entwickelt sich gut. Shirtinator ist auch irgendwann ein Exit-Kandidat. Wir sind aktuell beide daran beteiligt.

Photo Daniel Wild Kopie

Daniel Wild

Uns gehört außerdem Promipool. Das funktioniert wie die Bunte als Online-Portal. Promipool hat derzeit mehr als vier Millionen Unique User, außerdem 1,5 Millionen Facebook-Fans. Das Medien-Startup ist drei Jahre nach der Gründung hochprofitabel und von uns aufgebaut worden.

Ein drittes Beispiel ist eine weiter fortgeschrittene Company: die Metaplattform für Luxus-Artikel MyBestBrands. Den Bereich Metaplattformen mag ich sehr. Ich war ja damals einer der ersten Investoren in Trivago.

Wie sieht ihr darauf gekommen, euch zusammen zu schließen?

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Cornelius Boersch

Conny Boersch: Daniel und ich kennen uns seit 20 Jahren. Ich habe seine ersten Firmen finanziert. Die letzten zehn Jahre habe ich ihm immer wieder Jobangebote gemacht. Ich bin froh, dass es jetzt geklappt hat.

Wie entwickeln sich die Beteiligungen von Mountain Partners?

Conny: Das Thema Schutzklick ist bei uns gerade spannend. Das ist eine der größeren Versicherungsplattformen in Deutschland. Auch spannend ist die Frage, was mit Rebuy passiert. Dort arbeiten derzeit mehr als 500 Angestellte in Berlin. Die habe ich damals mit 50.000 Euro finanziert. Da waren die Gründer noch Schüler. Aber das zeigt auch, wie lange es braucht, bis sich ein Investment auszahlt und warum das nur so wenig Menschen machen. Das schnelle Geld ist mit Startups nicht zu verdienen.

Warum macht ihr Company Building?

Conny: Venture Capital funktioniert nicht. Daniel und ich haben festgestellt, dass das Bauen von Firmen sehr viel interessanter ist. Es ist auch von der Rendite her deutlich attraktiver. Ein Beispiel: Wenn du heute eine Firma gründest mit 500.000 Euro Startkapital, dann ist die in der Regel nach 12 oder 18 Monaten fünf Millionen Euro wert. Weil du ein Team hast, die ersten Kunden, Investoren. Von fünf Millionen auf 50 Millionen dauert dann in der Regel acht oder neun Jahre. Es gibt also sehr viel Geld zu verdienen, aber das Bauen von Firmen ist mühselig und nur wenige Leute haben Ahnung davon.

Daniel: Das Company-Building hat sich entwickelt, nachdem Leute wie Conny und ich und vor allem die Samwers angefangen haben, Strukturen zu bauen, in denen Fehler in der Frühphase vermieden werden. Um die neuen Companys herum gibt es eine Struktur, die den Startups Arbeit abnimmt, wie Online-Marketing, Mailing und Logistik.

Ist es für euch ein Problem, wenn Rockets Aktienkurs in den Keller geht?

Daniel: Ich bin den Jungs superdankbar, weil sie die Asset-Klasse marktfähig gemacht haben. Dass der Rocket-Börsenkurs leidet, ist klar, weil die lange Dauer der Wertentwicklung mit den kurzfristigen Erwartungen an der Börse nicht mithalten kann. Aber es gibt in unserem Bereich inzwischen eine sinnvolle Menge an Investoren, die sich dafür interessieren. Wir mit unserer Mini-Firma Ecommerce Alliance sind zwar nur ein Hundertstel so groß wie Rocket. Aber dafür profitabel.

Was unterscheidet euch noch von der Konkurrenz?

Daniel: In meinem Bereich haben wir uns vorwiegend auf B2C konzentriert. Kundenakquisition wird zentral übernommen. Wir haben das bisher ganz stark in Deutschland gemacht, wo wir uns gut auskennen.

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Conny: Unser Schwerpunkt liegt in den Emerging Markets. Bei aller Begeisterung für Europa: Das größte Wachstumspotential liegt in Asien oder in Südamerika. Da sehe ich die Riesenchancen. Man kann ja auf den Samwers immer herumhauen, aber ein paar tolle Sachen haben sie erfunden. Zum Beispiel das „Industrial Farming“ von Startups, also wie man Startups produzieren kann. Der Gründer macht das ja zum ersten Mal. Da sind die Fehlerquellen hoch. Aber wenn du dem Gründer eine Struktur aus Vermarktung und HR gibst, sinkt die Fehlerquote.

Machen wir in Deutschand alles richtig, wenn es um Startups geht?

Conny: In den USA ist für jede Phase eines Startups richtig viel Geld da, in Deutschland aber fehlt die Tiefe des Kapitalmarkts.

Daniel: Bei den klassischen Aktien ist ziemlich die Luft raus, Immobilien sind overhyped. Im Bereich Digitales entsteht aber regelmäßig Wert. Das wurde in Deutschland vom breiteren Publikum relativ spät entdeckt. Es fehlen hier digitale Champions. Trivago ist einer der wenigen sichtbaren Stars.

Auf welche Technologien schaut ihr gerade? Blockchain?

Daniel: Wir machen das beide schon so lange. Wir haben so viele Hypes kommen und gehen sehen. Blockchain ist mit Sicherheit interessant – aber overhyped. In Fintech muss man längst investiert sein. Die großen Champions existieren schon, die werden nicht erst jetzt gegründet. Wir schauen uns das Thema Software as a Service an. Eine tolle Asset-Klasse, die man mit verhältnismäßig wenig Geld entwickeln kann.

Conny: Mountain schaut in den Emerging Markets, was dort fehlt. Wir transferieren Firmen dorthin, von denen wir wissen, dass sie funktionieren. Das hat nicht so sehr mit Technologie zu tun, sondern mehr mit den Möglichkeiten des Marktes. Wenn wir über Branchen reden, dann halten wir gerade den Versicherungsbereich für spannend. Hier wird die Disruption am größten sein.

Was muss ein Startup können, damit ihr einsteigt?

Daniel: Im Frühphasenbereich ist es ganz klar, auf der reinen Business-Plan-Ebene investieren wir nicht. Aber generell gilt: Der Gründer muss zu seinem Markt passen. Es muss jemand im Gründungsteam sein, der den Bereich, um den es geht, wirklich versteht. Die Nachfrage nach dem Produkt muss klar erkennbar sein. Und idealerweise ist es etwas, was Conny mit seinen Kontakten und ich mit meinen Leistungen beschleunigen kann.

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Conny: Wir haben einen großen Dealflow. Aber die von uns abgelehnten Deals sind schon beeindruckend, also unsere Hall of Fame der verpassten Unicorns. Es ist schwierig, die Richtigen zu finden. Wir müssen mit der Unsicherheit leben, dass wir auch mal daneben liegen.

Welche Unicorns hast du verpasst?

Conny: Da darf ich gar nicht drüber nachdenken. Bei Evernote hätten wir mit 25.000 Euro dabei sein können. Oder bei LinkedIn. Und Spotify. Mr. Spex haben wir jahrelang betreut. N26. Dann macht man es nicht. Es ist einfach schwer herauszufinden, ob das jetzt richtig ist oder nicht.

Titelbild: Bestimmte Rechte vorbehalten von rottnapples