HP-Garage

Bootstrappen – eines der vielen Buzzwords, welche das Gründen von StartUps umschwirren. Dies gilt insbesondere in Zeiten, in denen potentielle Investoren sich zugeknöpft geben und Basel-II-Richtlinien die Allokation von Mitteln aus den ungezählten regionalen, bundesweiten oder EU-Förderprogrammen eher in eine Richtung lenken: Wer da hat, dem wird gegeben.

Was machen aber diejenigen, die zwar eine gute Geschäftsidee haben, aber leider – überspitzt formuliert – in die falschen Familie hineingeboren wurden? Richtig: Aus dem Wenigen versuchen, das Beste herauszuholen – mittels Bootstrapping.

Die Keimzelle von HP.com

Zunächst: Bootstrappen als Methodologie ist keine Erfindung der Gegenwart, sondern war lange Zeit das vorherrschende Verfahren, Geschäftsideen zu verfolgen und Unternehmen zu gründen. Externe Finanzierungen für „normale“ Unternehmen sind ein Kind der Renaissance, die erste strukturierte Aktiengesellschaft war die Niederländische Ostindien-Kompanie, gegründet im Jahre 1602.

Wer sich für Wirtschaftsgeschichte interessiert, wird hierzu eine Fülle spannenden Materials finden. Mein Favorit als Hardcore-Bootstrapper ist Charles Goodyearder übrigens mittellos starb: die Goodyear Tire & Rubber Company wurde erst 38 Jahre nach seinem Tod gegründet. Werfen wir also einen Blick auf die heutige Definition von Bootstrapping. Wikipedia versteht darunter:

“Bootstrapping in business is to start a business without external help/capital. Startups that bootstrap their business fund development of their company through internal cash flow and are cautious with their expenses.“

Unter’m Strich geht es beim Bootstrappen also um eines: Den Kopf so lange über Wasser zu halten, bis der durch die Geschäftsidee generierte Cash-Flow die weitere Entwicklung des Unternehmens selbst trägt.

Das klingt so vernünftig, dass Guy Kawasaki Bootstrapping in einem Vortrag für die Stanford University’s Entrepreneurship Corner als Teil der Unternehmens-DNA befürwortet: „Too much money is worse than too little.“

Das erinnert ein wenig an „voller Bauch studiert nicht gern“, trifft jedoch den Nagel auf den Kopf: Wenn Ressourcen knapp sind, ist es viel einfacher, sich auf das Wesentliche zu fokussieren – es fehlt einfach das Geld für Projekte mit zweifelhaften Erfolgsaussichten.

Bootstrapping ist meines Erachtens jedoch mehr als nur eine aus Not geborene und dann zur Managementphilosophie gewordene Tugend. Bootstrapping ist ein Lebensstil, der es erlaubt, aus dem Tyler-Durden-Kreislauf – “We work jobs, we hate, to buy stuff we do not need.” – auszubrechen, Innovation voranzutreiben und seinen Weg zu gehen.

Nach zwanzig Jahren des mehr oder minder erfolgreichen Boostrappens in verschiedenen Branchen mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen sind mir dabei einige Dinge immer wieder begegnet:

  • Bootstrapping funktioniert prinzipiell nur dann, wenn man sich mit der Idee und seinem Unternehmen uneingeschränkt identifizieren kann, wenn man an seine Zukunft glaubt, unabhängig davon, was andere einem erzählen. Oder um es mit Udo Lindenberg zu formulieren: „Ich mach’ mein Ding, egal was die anderen labern.“
  • Wer zu Risikoaversität neigt, ist für Bootstrappen ungeeignet, ebenso wie der Hypothekenzahler mit Familie.
  • Kollateralschäden sind unausweichlich: Letztlich ist man stets überarbeitet, chronisch knapp bei Kasse und vernachlässigt aufgrund der Schufterei auch noch soziale Beziehungen.
  • Auch wenn man sich mit seiner Idee identifiziert, wird der Aufbruch ins Ungewisse eine ständige Achterbahnfahrt der Emotionen sein. Vom Gefühl, allen anderen etwas voraus zu haben, Cutting Edge zu sein, bis hin zu leicht depressiven Momenten des „Wie konntest Du nur so blöd sein, Dich hierauf einzulassen.“
  • Und ständig schwingt die Angst mit, falls es am Ende nicht funktionieren sollte, in den Augen anderer als Versager dazustehen. Dies gilt insbesondere in einem Land, in welchem unternehmerischer Misserfolg stigmatisiert wird und nicht – wie in den USA – durchaus als wertvolle Erfahrung gelten kann. Unter amerikanischen Randbedingungen kann die Angst vor dem Versagen sogar als Motivation fungieren. Hierzu Paul Graham„One of the most interesting things we’ve discovered from working on Y Combinator is that founders are more motivated by the fear of looking bad than by the hope of getting millions of dollars. So if you want to get millions of dollars, put yourself in a position where failure will be public and humiliating.“
  • Es dauert immer alles länger, als gedacht. Und man macht immer mehr Fehler, als ursprünglich antizipiert. Da hilft nur Reichweite und dies ist das Hauptanliegen des Bootstrappens: Länger durchhalten – und länger definiert sich als mindestens 24 Monate.
  • Ziel des Bootstrappens ist es, weniger Kapital aufnehmen zu müssen, um länger die Kontrolle zu behalten. Wenn man eigenes Geld ausgibt, bedeutet dies stets: Cash-flow kommt vor Wachstum. Und Wachstum kommt vor Gewinn. Ein lesenswerter Artikel zu diesem Ansatz kommt von Paul Graham: „Ramen Profitability“
  • Um einen positiven Cash-flow zu erwirtschaften, darf man keine Zombieconomy betreiben, sondern muss seinen Kunden einen realen Nutzen bieten, für welchen diese – direkt oder indirekt – bereit sind zu zahlen. Umair Haque nennt dies in seinem Vortrag auf der BRITE 09-Konferenz „thick value“. Das sehenswerte Video zur „Zukunft der Innovation“ dauert knapp 30 Minuten.
  • Investoren anwerben kosten Zeit, Geld und Nerven und lenkt effektiv von den eigentlichen Zielen des StartUps ab: “Macht doch ‘mal eine weitere Marktübersicht. Und könnte man das Finanzmodell feiner parametrisieren?” Ablenkung ist Killer Nummer 1.
  • StartUps sind in der Regel Produktfirmen. Das Bootstrappen sollte jedoch nicht dazu führen, dass man sich um externer Aufträge willen in eine Agentur oder Consultingfirma verwandelt. Ziel des Ventures ist die Vermarktung des Produktes.
  • Fokus, Fokus, Fokus: Nur das machen, was man gut kann. Der Rest ist überflüssig oder kann outgesourct werden, zum Beispiel Hosting, GMail oder die Abgabe von Umsatzsteuervoranmeldungen. In einem gebootstrappten Start-up gibt es keine Prioritäten zweiten Grades.
  • Unter den Blinden ist der Einäugige König – oder: Geht unbedingt dorthin, wo Euch andere Start-ups aus Eurer Branche im Wettbewerb der Ideen pushen können.

Teil 2 dieser Reihe wird sich mit dem Thema “Geld sparen“ beschäftigen sowie dessen Abgrenzung von „Geld nicht ausgeben“ – beides wird nach meiner Erfahrung gern miteinander verwechselt.

Über den Autor:

Stefan Wolpers, bloggt und twittert für susuh.de, einem Marktplatz für Dienstleistungen. Daneben macht er unter stefans-eisrezepte.de Eiscreme selbst und veröffentlicht die Rezepte für andere Nutzer.

Stefan ist Initiator des @Twittwochs – einem Tweetup für Menschen, die sich beruflich mit Social Media im Allgemeinen und Twitter bzw. Microblogging im Besonderen beschäftigen. Mittlerweile ist der Twittwoch bereits in Köln, Hamburg, München und Berlin etabliert.

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