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Stefan steht in der U-Bahn. Eigentlich auf dem Weg zur Arbeit, geht er im Kopf schon einmal die Abendplanung durch. „Verdammt“, denkt er, „da wollten wir uns doch auf ein Bier treffen.“ Doch kein Bier im Haus, für einen Gang zum Supermarkt keine Zeit mehr. Stefan zieht sein Handy aus der Tasche, öffnet seinen Twitter-Client und tippt:

„@brauche zwei Kisten Bier: Flens oder Jever (heute Abend 10115)“

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Nächster Halt Alexanderplatz. Während Stefan sich aus der vollen U-Bahn schält, um umzusteigen, wartet bereits eine Antwort in seiner Twitter-Timeline: „@stefanw Ihre Anzeige ist online! Gehen Sie auf http://susuh.de/a/97…“

Susuh? Ja, es ist ein Marktplatz für Dienstleistungen. Ja, so etwas gab es schon vorher. Zwar können auch auf Susuh Fachleute ihre Dienste anbieten und bei entsprechenden Gesuchen reagieren. „Aber wir setzen nicht auf TV-Werbung, um die Nutzer vor den Computer zu zwingen“, sagt Susuh-Mitgründer Stefan Wolpers. „wir wollen die Leute dort abholen, wo sie sind.“ Dort – das bedeutet vor allem: Unterwegs und online.

Freilich weiß auch Wolpers, dass selbst in Deutschlands netzaffinster Stadt Berlin noch längst nicht jeder Twitter kennt, geschweige denn nutzt. Zwar steigt die Zahl der deutschsprachigen Nutzer beständig. Im Sommer 2009 alleine zwischen 20 und 30 Prozent – nach Abzug aller stummen und abgeschalteten Accounts sind das dennoch nur 220.000 Deutsch-Twitterer. Wolpers ist sich dennoch sicher: „Sowas wie Twitter werden wir in Zukunft öfter sehen.“

Mehrere Feldstudien haben die beiden Susuh-Gründer schon durchgeführt und festgestellt: Schon jetzt stellen die Menschen ihre Gesuche bei Twitter ein. Fehlen tut es allein an einem Dienst, der diese Anfragen vermittelt. In einer späteren Stufe könnte  ein „Tweet-Harvester“ auch solche Gesuche aufspüren, die nicht direkt an den @brauche-Account gerichtet waren und die Dienste von Susuh unverbindlich anbieten.

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Dabei ist die Anbindung über Twitter nicht irgendeine abgespeckte Version des eigentlichen Dienstes, sondern wird als vollfunktionsfähiger Client in das System Susuh integriert. Selbst wer sich bisher nicht auf der Website www.susuh.de angemeldet hat, kann ein Gesuch abgeben. Direkt nach dem ersten Kontakt mit dem @brauche-Account wird ein Benutzerkonto erstellt und die Zugangsdaten per Direct Message (DM) versandt. In einer zweiten DM fordert der Dienst dazu auf, die AGB zu akzeptieren – das war’s. So braucht es nicht einmal einen eigenen Account für Susuh. Die Authentifizierung über Twitters API genügt.

Kleine Hürden für Spam?

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Kleine Hürden der Registrierung sind aber auch potentiell kleine Hürden für Spam. Aus Susuhs Sicht sind das nicht nur die üblichen Verdächtigen der Mach-ihn-größer-Industrie. Auch „normale“ Kleinanzeigen, mit denen verkauft oder getauscht wird, sind unerwünscht. „Solche Anzeigen stellen ja keine Dienstleistungsgesuche dar“, erklärt Wolpers. Abseits der obligatorischen Filter muss jeder eingestellte Text zusätzlich eine Kategorie triggern, „und da es für Viagra keine Kategorie gibt, kann man den Begriff in der Anzeige auch nicht unterbringen“.

Wer nicht aller Welt mitteilen möchte, dass er für den Abend noch zwei Kisten Bier nötig hat, oder vielleicht eine intimere Frage wie die Suche nach einem Facharzt stellt, der kann ebenso über Direct Messages kommunizieren. So bleibt der Suchende so lange anonym, bis er sich nach erfolgreicher Vermittlung einem Dienstleister zu erkennen gibt.

Doch wer meldet sich überhaupt auf solche Anzeigen? Dienstleister, die ein Susuh-Profil erstellen, hinterlegen nicht einfach Profession oder Berufsbezeichnung – sondern Fähigkeiten. Über Monate haben Wolpers und sein Partner und Susuh-Geschäftsführer Nico Hagenburger an einem Verschlagwortungssystem gearbeitet. Jetzt findet Susuh auch dann einen Web-Entwickler, wenn das Stichwort nur „Ruby“ lautet. Oder einen Augenarzt mit dem Begriff „Grauer Star“.

Unzählige Male haben sie die Intelligenz ihres Systems getestet und so nebenbei auch die Blacklist erweitert. Den Anmeldeprozess eines neuen Twitter-Accounts kann Hagenburger mittlerweile wie im Schlaf. Die Anzahl der dabei entstandenen Testkonten kann er selbst nicht mehr zählen: „Dreistellig ist sie bestimmt“, sagt er, klickt und erweckt den nächsten Test-Twitterer zum Leben.

Susuh startet öffentlichen Betrieb der Twitter-Anbindung

An diesem Mittwoch startet Susuh mit dem öffentlichen Betrieb der Twitter-Anbindung. Ist das System einmal etabliert, könnte die Geschichte womöglich so ausgehen:

Irgendwo im Postleitzahlengebiet 10115 hat ein Bierfachverkäufer Kunde von Stefans verzweifelter Suche erhalten. In seinem Lager sieht es gut aus und da er auch abends noch geöffnet hat, bietet er sich als Lieferant an: „Sie haben eine Vorstellung zu Ihrer Anzeige erhalten“ steht nun in Stefans Twitter-Client. Name, Telefonnummer und die lieferbare Biersorte sind nur noch einen Klick entfernt.

Der Abend ist gerettet. Stefan freut sich, reckt die Arme gen Himmel wie nach einem Sieg – und lässt das Handy fallen. Eine Minute später tippt er an seinem Rechner die nächste Anzeige: „@brauche Handy-Reparaturdienst: für iPhone (möglichst schnell 10115)“