blase 2.0

Eine Frage geistert momentan immer wieder durch die Gründerlandschaft: Befinden wir uns in einer Blase und wenn ja, wann platzt sie? Missglückte Börsengänge, überzogene Bewertungen und einige weitere Faktoren rufen in der Szene derzeit wieder die Bilder aus dem Jahre 2000 ins Gedächtnis. Gründerszene befragte Szenegrößen und Betroffene der 2000-er Blase nach ihrer Meinung.

Die Experten zum Thema Blase 2.0

Martin Sinner ist Mitgründer von Idealo. Die heute sehr erfolgreiche Preisvergleichs-Plattform, welche 2006 von Axel Springer übernommen wurde, ging kurz vor der Blase 2000 online und rutschte dann in die Insolvenz. Neben seiner Position bei Idealo ist Martin Sinner Mitglied des „Axel Springer Silicon Valley Teams“, zu dem auch Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und der Herausgeber der Bild-Gruppe Peter Würtenberger gehören.

Stefan Glänzer, Ricardo, Last.fmStefan Glänzer ist Gründer von Ricardo, dem 1998 gegründeten Internetauktionshaus, dessen Aktien 2000 erfolgreich an der Börse gehandelt wurden, bevor das Startup dann umso tiefer fiel. Momentan ist Ricardo unter anderem wieder relativ erfolgreich in der Schweiz und Stefan Glänzer mit Passion Capital ein bekannter Business Angel mit Investitionen in junge Unternehmen wie Last.fm oder Loopcam.

Andreas Rother leitete lange Zeit die Geschäftsentwicklung der Industriesparte beim Technologieunternehmen Infineon. Allerdings erst kurz nach Infineons starken Verlusten beim Platzen der Blase. Danach packte Andreas Rother der Unternehmergeist und er gründete gemeinsam mit seiner Frau und einem Hochschulteam den Fotobuchgestaltungsservice Pictureplix.

Jan Gassel gründete 2009 das Startup für exklusive Hochzeitspapeterie Wedding Republic. Zuvor war er unter anderem die „Nummer 13“ bei Intershop und stieß dazu, als das Unternehmen noch unter dem Namen Netconsult Communications arbeitete. Zum Höhepunkt der Blase war die Intershop-Aktie über 2.000 Euro wert und sank danach kurzzeitig auf 88 Cent. Seit vier Jahren erwirtschaftet das Unternehmen erstmals wieder Gewinn.

Wolfgang Macht ist Gründer und Vorstand der Netzpiloten AG. Das 1996 gegründete Unternehmen machte den Hype der New Economy mit, bevor es innerhalb eines Jahres nach Platzen der Blase von 150 auf sieben Mitarbeiter schrumpfte. Momentan erholt sich das Startup wieder und beschäftigt an den Standorten Berlin, Hamburg und Barcelona insgesamt rund 100 Mitarbeiter.

Felix Haas, AmiandoFelix Haas ist Mitgründer der Online-Eventmanagement-Software Amiando, die Ende 2010 für ungefähr zehn Millionen Euro an das führende deutsche Business-Netzwerk Xing verkauft wurde. Neben seiner Rolle als CEO bei Amiando ist Felix Haas auch als Busines Angel aktiv. Zu seinen Investitionen zählen unter anderem Käuferportal oder Altruja.

Dirk Weyel ist Gründer der Gaming-Plattform Frogster Interactive Pictures und war bis zum Verkauf seines Unternehmens an das Berliner Unternehmen Gameforge im letzten Jahr als Vorstand und COO tätig. Kürzlich gründete Dirk Weyel das Berliner Startup Stryking, welches Free-To-Play-Spiele produziert und vermarktet.  

Jens Begemann, WoogaJens Begemann ist Gründer und CEO der 2008 gegründeten Berliner Spielefirma Wooga. Wooga produzierte erfolgreiche Titel wie Diamond Dash, Monster World oder Bubble Island. Kurz nach dem Platzen der Blase war Jens Begemann ab dem Jahre 2001 sieben Jahre lang unter anderem als CPO beim samwerschen Jamba tätig.

Ibrahim Evsan, Sevenload, Fliplife, United PrototypeIbrahim Evsan ist Gründer der 2006 ins Leben gerufenen Video-Plattform Sevenload. Nach dem operativen Ausstieg bei Sevenload gründete er 2009 United Prototype, welches das Social-Web-Game Fliplife herausbrachte. 2010 verkaufte Ibrahim Evsan seine Sevenload-Anteile. Im Mai diesen Jahres wurde darüberhinaus Folgeprojekt Fliplife von Mitbewerber KaiserGames übernommen.

1. Was waren die Gründe für die Blase 2000?

Martin Sinner: Eine Krise der Banken, die (selbst und ihre Kunden) Assets zu teuer gekauft hatten mit anschließendem Vertrauensverlust.

Stefan Glänzer: Alle Beteiligten einigte das Verstaendis, dass etwas Großes, Bahnbrechendes passiert. Nur leider hatte keiner der Beteiligten – Entrepreneure, Investoren, Mitarbeiter, Banker, Media und so weiter – irgendeine Ahnung, wie das funktioniert mit digital, wie man denn nun agiert im Wilden Westen – außer den Amis natürlich.

Andreas Rother: Ich habe eine sehr deutliche Meinung zu Wirtschaftsblasen: Meiner Meinung nach kommt eine Blase von einer völlig irrationalen Glückspiel-Gier von ansonsten intelligenten Menschen – mit der Begründung dass aufgrund einer Innovation oder Änderung die bisherigen Gesetze aufgehoben seien. Wir sehen das alle sieben bis acht Jahre (und das schon seit gut 150 Jahren) wiederkehrend. Im Jahr 2000 war es das Internet, welches angeblich bisherige Wirtschaftsgesetze ungültig gemacht hatte. Und schon wurden Firmen wie Yahoo mit rund 100 Milliarden Euro bewertet, wobei kein stabiles Geschäftsmodell dahinter stand. Ansonsten intelligente Menschen haben in Ihrer Gier Ihre Vermögen in solche Unternehmen versenkt.

Jan Gassel: Vermutlich ein überhitzter Markt und zu viele Anleger, die schnell viel Geld verdienen wollten und „auf den Zug aufspringen“ wollten. Teilweise zu wenig Substanz in den Konzepten der Firmen, die in den Markt gedrängt haben.

Wolfgang Macht: In Deutschland erlebten wir Ende der 90er Jahre eine nie zuvor gesehene Energie und Kraft an neuem Gründertum. Eine neue Generation von Einsteigern und Umsteigern machte sich begeistert ans Werk die digitale Zukunft zu gestalten. Die Euphorie der Gründer hat alle mitgerissen: Investoren, Wirtschaftsbehörden, die Werbeindustrie, die Presse und schließlich auch das breite Publikum. In vielen Zügen war das alles ein großes Happening, eine digitale Revolution. Als Internetunternehmer war man fast ein Popstar. – Als solcher stützte man Mitte 2001 nach dem Platzen der Blase auch folgerichtig ab zum allseits bemitleideten Ex-Sternchen.

Felix Haas: Kurz und knackig: Die Unwissenheit, Gier und Selbstüberschätzung von Kapitalgebern, welche zu völlig irrationalen Bewertungen Kapital zur Verfügung gestellt haben. Genauso wie es bis 2000 eine Übertreibung nach oben gab, gab es die Jahre danach eine Übertreibung nach unten. Während dieser Phase konnte sich die Internetwirtschaft dann gesund und nachhaltig entwickeln – viele erfolgreiche und profitable Internetunternehmen sind genau in den Folgejahren der „Blase 2000“ entstanden.

Dirk Weyel: In erster Linie übertriebener Hype um ein neues Börsensegment und die wunderschöne neue Welt des Internets. Menschen, insbesondere Menschen mit ausgeprägter Börsenaffinität, neigen zu Übertreibungen – sowohl im Positiven als auch im Negativen. Es ist außerdem gerade bei technologischen Entwicklungen häufig zu beobachten, dass es um die First-Mover einen ordentlichen Hype gibt, es dann aber noch einige Jahre dauert, bis die kritische Masse für die neue Technologie erreichbar ist und damit auch Geschäftsmodelle nachhaltig funktionieren. Das Internet ist ja schließlich durch das Platzen der Blase nicht weggegangen…

Jens Begemann: Die Gründe für das Anwachsen und spektakuläre Platzen der Blase 2000 waren vor allem finanzieller Natur: irrationale Kurssprünge an der NASDAQ und am deutschen Nemax. Ein Index, dessen Wert in 24 Monaten um 1.000 Prozent wächst, ist Ausdruck dieser Irrationalität. Viele Investoren haben damals nicht verstanden, in welche Unternehmen sie investiert haben und Finanzjournalisten haben die Stimmung angestachelt. Es war ein Goldrausch.

Ibrahim Evsan: Die Wachstumschancen und Nutzungsmöglichkeiten der neuen Technologie konnte von den Marktakteuern noch nicht überblickt werden – viele Unternehmen schossen mit vielen Ideen nach vorne. Das Reizwort war „Internet“ – die Idee und Geschäftsfähigkeit der Firmen wurden zur Nebensache. Hauptsache viele Mitarbeiter, viel Presse und viele Visionen aber kaum funktionierende Produkte.

2. Wie warst du 2000 von der Blase betroffen und welche Lehren hast du daraus gezogen?

Martin Sinner: Stichwort „lean startup“, mit mehr Geld hätten wir nicht mehr gelernt. Hart war es aber trotzdem.

Stefan Glänzer: Ricardo war im letzten Halbjahr vor dem Millennium die Aktie  mit der besten Performance in Deutschland, wir sind also später umso tiefer gefallen (zunächst). Lehren – zuviele für hier, außer vielleicht: Whatever you do, do it with passion.

Andreas Rother: Ich war im Jahr 2000 gerade mit dem Studium fertig und konnte Dank der noch anhaltenden Job-Blase aus einer Anzahl spannender Job-Angebote mir das beste Angebot rauspicken. Also war ich ein Gewinner der Blase. Ansonsten hatte ich mich niemals am Börsen-Glücksspiel beteiligt und somit auch keine Verluste erlitten. Meine Lehre: Renne nicht mit der Masse sondern überlege eigenständig, warum ein Investment tatsächlich soviel wert sein kann.

Jan Gassel: Ich habe erhebliche finanzielle Verluste realisieren müssen und befand mich im Jahr 2000 gerade in Kalifornien. Auch dort war es teilweise recht gespenstisch, wenn man an einem Tag durch das Silicon Valley gefahren ist und einen vollen Parkplatz vor einem Gebäude gesehen hat, am nächsten Tag war die Firma in dem Gebäude nicht mehr vorhanden.Sehr lehrreich. Es hat mir sehr deutlich vermittelt, dass a) nicht alles Gold ist, was glänzt und man auch auf sein Bauchgefühl hören soll, b) dass man unbedingt auf die potentiellen Kunden fokussieren muss, die zahlen letztendlich Dein Gehalt, c) dass eine manchmal konservative Finanzplanung sehr hilfreich sein kann, d) dass man auch mal ein Risiko eingehen sollte, jedoch darauf achten, das Umfeld sehr genau zu beobachten und schnell zu reagieren – kurz: man sollte einen „Plan B“ haben.

Wolfgang Macht: Wir Netzpiloten steckten mittendrin im Hype. Wir haben uns erst aus eigener Kraft mit ein paar Gewinnspielplattformen von 1996 bis 1999 zu etwa 30 Mitarbeiter aufgebaut. Im März 2000 stieß dann der Investor United Internet zu uns und wir machten aus dem Stand heraus den Sprung auf 150 Mitarbeiter und zu schönen Auslandsbüros in Mailand, Paris, Barcelona und San Francisco. Eine riesige Werbekampagne mit Thomas Hermanns machte die Netzpiloten in TV, Zeitschriften und auf 15.000 Plakatwänden bekannt. Im Nachhinein war das vermutlich die aufregendste und schnelllebige Zeit meines Lebens. Es gab damals für uns keine Alternative zu diesem Turbo-Wachstum. Dass wir das schnell Aufgebaute noch schneller wieder abbauen mussten (im März 2001 von 150 auf sieben Mitarbeiter runter) hat uns ziemlich kalt erwischt und war natürlich ein Albtraum! Ich achte seither bei meinen Unternehmungen immer darauf, dass wir möglichst ein organisches Wachstum hinbekommen. Wir hatten viel Glück mit unserem Investor (Anm: in 2001 haben die Netzpilotengründer W.Macht und M.Dentler ihre Anteile von United Internet zurückgekauft). Generell empfehle ich jungen Gründern aber nicht den Gang zum börsennotierten Investor. Der Charakter eines Startups ist in den ersten Jahren grundverschieden von einem Börsenunternehmen. Startups brauchen Schutz um sich erfolgreich entfalten zu können.

Felix Haas: Nicht wirklich, da ich nach dem Abitur und Exit der ersten Firma TiberiumSun Entertainment zu Anfang 2000 ein Studium der Ingenieurwissenschaften aufgenommen habe.

Dirk Weyel: Zum Glück war ich von der Blase damals in erster Linie nur als Hobby-Aktionär betroffen, das heißt ich habe ein paar Kursabstürze bis hin zu Totalverlusten am eigenen Leib erfahren. Unternehmerisch war ich zu dem Zeitpunkt mit einer Agentur aktiv, deren Geschäft nur zum Teil mit Internetthemen zu tun hatte. Allerdings waren die Erfahrungen als erfolgloser Anleger durchaus hilfreich für mich in Hinblick auf unseren Börsengang mit Frogster Interactive in 2006 an den Quasi-Nachfolger des Neues Marktes – den Entry Standard. Börsennotiert zu sein, bedeutet in erster Linie Erwartungen im Markt zu schüren und zu managen – und sich dabei von kurzfristigen Schwankungen und Übertreibungen nicht zu sehr treiben zu lassen.

Jens Begemann: Ich stand zu der Zeit gerade am Ende meines Studiums und war noch nicht in der Gründerszene aktiv. Ich weiß von anderen, dass diese Entwicklung bei Ihnen damals bleibende Spuren hinterlassen hat – bei mir zum Glück nicht. Das Platzen dieser spekulativen Blase hat vieles bereinigt, aber echt innovative Unternehmen, wie Google oder Apple, gingen weiter ihren Weg. Es war also ein Versagen der Finanzmärkte, aber die Innovationen und technischen Durchbrüche haben sich davon nicht aufhalten lassen.

Ibrahim Evsan: Es war gar nicht so schlimm, dass eine Pause stattgefunden hat. Persönlicher Natur. Für die Wirtschaft allgemein war es eine Katastrophe. Ich bin von 2000 bis 2003 in die Softwarebranche gewechselt. Im Nachhinein war es ein Fehler.

3. Welche Gründe sprechen momentan für und gegen eine Blase?

Martin Sinner: Gegen: Die Unternehmensbewertungen und die zugrunde liegenden KPIs sind viel realistischer. Für: Eigentlich nur die zu hohen Bewertungen im Seedbereich.

Stefan Glänzer: Man kann sagen, dass es im Valley Anzeichen für eine Blase bei Seed- und Late-Stage gibt – aber in Europa und Asien sind wir sehr weit von den .com-Zeiten enfernt. Damals haben wir anhand von Traffic das Wachstum gezeigt, heute ist es Umsatz, Marge oder Ebitda.

Andreas Rother: Wir sehen die Facebooks und Groupons mit hohen Bewertungen, auch hier fehlt aber meiner Meinung nach ein dauerhaft stabiles Geschäftsmodell. Das sind schon starke Indikatoren für eine Blase. Die interessantere Frage ist, wie große die jetzige Blase ist – leider kann man das wohl erst retrospektiv beurteilen.

Jan Gassel: Schwer zu sagen. Ein starker Hype in Bereichen, die keinen realen Umsatz, geschweige denn Deckungsbeitrag, generieren und für die hohe Summen in Entwicklung und Identität gesteckt werden, könnte für eine „Blase“ sprechen. Es gibt sehr viele gleichgeartete Services, die sich gegeneinander positionieren müssen, um profitabel zu werden, einigen wird dabei sicherlich die Kraft fehlen, sich zu etablieren. Passiert dies zu vielen, wird das allgemeine Interesse an einem Bereich wahrscheinlich sinken und die „Blase“ abebben. Gerade im Bereich SoLoMo (Social, Local, Mobile). Dagegen könnte sprechen, dass viele der heutigen Investoren aus den Vorgängen um 2000 Lehren gezogen haben und recht selektiv vorgehen, was Ihre Investments betrifft. Weiterhin ist ein gewachsener Wissensvorrat verfügbar, der auch jungen Unternehmen gute Beratung zur Seite stellen kann und hilft, Fehler zu vermeiden. Im E-Commerce spricht gegen eine Blase, dass der Markt jetzt in einer Phase ist, in dem das Ganze wirklich zum Massenmarkt wird. Durch die allgemeine und stetige Verfügbarkeit.

Wolfgang Macht: Ich kann momentan keine Blase erkennen, die den Ereignissen von 2000/2001 gleichkommt. Die Branche ist zehn bis 15 Jahre weiter. Alle Beteiligten sind um viele Erfahrungen reicher. Die Euphorie der Gründer gibt es erfreulicherweise nach wie vor. Aber es geht um einiges vernünftiger zu im Tanz um die neuen Start up- Starletts. Es verknallen sich nicht mehr gleich automatisch alle in eine fröhliche Bürogemeinschaft von Digitalarbeitern ;)

Dirk Weyel: Blasen in überhitzten Marktsegmenten wird es immer wieder geben und Firmenpleiten in sich konsolidierenden Märkten ebenso. Das heißt, es spricht momentan einiges für eine Blase wenn man sich die Bewertungen der jüngsten Internet-Börsengänge anschaut. Ich glaube aber nicht, dass wir vor einer derart krassen Blase Angst haben müssen wie in 2000, weil zum einen genügend Angst davor da ist, dass sich eine solche Blase entwickelt (was zu vorzeitiger Abkühlung führt) und zum anderen, weil die Geschäftsmodelle deutlich ausgereifter und substanzieller sind als damals. Die Kursentwicklungen der Facebooks, Zyngas und co. haben jedenfalls jetzt schon dazu geführt, dass geplante Börsengänge von Internetunternehmen verschoben werden, weil man das Zeitfenster momentan nicht für gut hält, also weniger Euphorie bei den Anlegern, sprich eine Abkühlung des Marktes erwartet.

Jens Begemann: Heute gibt es mit Blick auf die Berliner Tech-Szene sogar den Vorwurf, dass zu wenig VC-Kapital im Markt sei und größere Börsengänge fehlen gar völlig – beides spricht klar gegen eine Blase. Es gibt aber weitere Gründe, die dafür sprechen, dass die aktuelle Entwicklung gesund und nachhaltig ist: echte Umsätze, die soliden Geschäftsmodelle der meisten Tech-Unternehmen sowie die Transparenz und die geringe Wissensdifferenz der Marktteilnehmer. Und aus meiner Sicht gibt es auch in den USA keine Überhitzung.

Ibrahim Evsan: Viele große Unternehmen verlassen sich auf Geschäftsmodelle die auf Werbeeinnahmen basieren – der Wert eines Users für ein Unternehmen ist jedoch in dem Fall hoch spekulativ. Digitale Geschäftswege sind Realität und Zukunft und verankern sich täglich stärker in der Gesellschaft. Die Geschäftsmodelle auch der Offlineunternehmen werden sich an die neue Umgebung anpassen und die Werte der Unternehmen auf tatsächlichen Dienstleistungen basieren. Aber immer steht der User im Vordergrund.

4. Wie kann eine drohende Blase abgewendet beziehungsweise verhindert werden?

Martin Sinner: Generell immer durch Transparenz. Da kann die Presse helfen.

Stefan Glänzer: Das wäre doch etwas vermessen – ich sehe eher externe Bedrohungen seitens der Finanz- und Immobilienmärkte. In den letzten 15 Jahren haben wir eine Menge bewirkt in Europa. Blase hin oder her. Enstanden sind nach allen Wunden Miliarden-Firmen wie Lastminute, QXLricardo, Betfair, Skype, Qlik Tech, Zalando, Wonga, Vent Privee, Autonomy & Arm Holdings (growth in den vergangenen zehn Jahren), Spotify …. und viele bemerkenswerte Firmen mehr, wie Bigpoint, Soundcloud….. Lasst uns im naechsten Jahrzehnt ein bisschen ambitionierter sein, zweistellig. Die USA hat ja auch irgendwann angefangen, an der Fussball WM teilzunehmen und Viertelfinale ist so schlecht nicht.

Andreas Rother: Mit Wirtschaftsblasen ist es wie mit Blasen durch einen Schuh. Wenn die Blase mal da ist, ist es zu spät die Blase zu verhindern. Die Frage ist nur, wie schmerzhaft es am Schluss wird.

Jan Gassel: Fokus und Konzentration auf substantielle Konzepte. Keine „blinde“ Investition in einen vermeintlichen Hype. Umfassende Information zu einem Thema, bevor man einsteigt.

Wolfgang Macht: Ich habe nicht die geringste Ahnung. Bin gespannt was die anderen sagen.

Felix Haas: Wer soll denn das machen? Die kurzfristigen, individuellen und persönlichen Vorteile beeinflussen Menschen in ihren Handlungen oft stärker als die langfristigen Vorteile für die Gemeinschaft. Solange ein CEO beziehungsweise Unternehmerteam zu einer absurd hohen Bewertung und guten Terms Kapital für Wachstumsfinanzierung aufnehmen kann, wird und muss er das tun – und das ist richtig so. Warum sollte er das auch nicht tun? Am Ende des Tages bzw. Jahres ist dies durch hohe oder eben fehlende Returns ein selbstregulatorischer Prozess – der aufgrund der langjährigen Strukturen von VC-Fonds allerdings immer erst sehr stark zeitverzögert eintritt.

Dirk Weyel: Ich glaube, dass die schlechten Kursverläufe der großen Internet-Aktien dazu führen, dass sich Erwartungen und Bewertungen bereits jetzt wieder in realistischere Gefilde bewegen. Für Startups und Unternehmen, die gerade Finanzierungen suchen – also auch für uns mit Stryking Entertainment – oder Unternehmen, die sich gerade in Exit-Verhandlungen befinden, nicht gerade eine schöne Entwicklung, aber grundsätzlich sicher besser, als ein Jahr weiterer Hypeaufbau und dann der große Knall.

Jens Begemann: Bei Wooga achten wir von jeher darauf, beständig und nachhaltig zu wachsen. So haben wir zum Beispiel von Anfang an unser Mitarbeiterwachstum begrenzt und unsere Mitarbeiterzahl jedes Jahr maximal verdoppelt. So stellen wir sicher, dass wir auch auf Dauer gesund wachsen können und unsere Unternehmenskultur nicht beeinträchtigt wird.

Ibrahim Evsan: Wir müssen ein höheres Verständnis bei den Investoren, Entrepreneuren und Wirtschaftsweisen für das Internet aufbauen. Dann wird es keine Blase geben.

5. Wie würde sich eine Blase (und das Platzen) zum jetzigen Zeitpunkt auswirken?

Martin Sinner: Wenn ein Platzen der Blase gemeint ist, das würde sich langfristig positiv auswirken. Je früher eine Blase platzt, desto besser. Das gilt generell. Wir haben hier aber sicher keine Blase denn es ist viel Substanz da.

Stefan Glänzer: Weniger Media, weniger Investitionen, weniger Gruender – kurzum weniger Quantitaet. Wie wir in den vergangenen 15 Jahren aber gesehen haben, hält eine platzende Blase die digitale Evolution nicht ab. Und heute haben wir ein wesentlich robusteres digitales Verständnis und Ecosystem von allen Beteiligten.

Andreas Rother: Wir befinden uns in einer sehr instabilen Zeit. Ein Platzen der Blase könnte sich durch die anderen Wirtschaftsprobleme (Stichwort Schuldenkrise) in einer gewaltige Krise aufschaukeln. Ich bin jedoch vorsichtig optimistisch, dass es jetzt nicht so schlimm wird.

Jan Gassel: Eine gewisse Anzahl von StartUps wird wahrscheinlich einfach verschwinden, das Interesse an verschiedenen Themen im Social- und Local-Bereich wird sich irgendwann ebenfalls normalisieren und Teil des Alltags werden.

Wolfgang Macht: Ich war ehrlich gesagt ganz froh, als der Facebook-Börsengang vor ein paar Monaten so verhalten gestartet war. Eine hysterische Käuferlust mit anschließender Ernüchterung hätte wieder das Stereotyp der Hype-Branche Internet bedient.  Der ständig gebannte Blick auf die Giganten wie Groupon und Facebook hat mit der Business-Realität von Tausenden kleiner und mittelgroßer smarter Digitalbuden nicht viel zu tun.

Felix Haas: Weniger negativ als viele befürchten. Die wahren Teams-in-the-Arenas werden auch in wieder schlechteren Zeiten Zugang zu Kapital finden. Zwar wird man tiefere Seed-Bewertungen in Kauf nehmen müssen, hat dafür jedoch genau wie nach der Internetblase 2000 schöne Jahre mit verhältnismäßig weniger Wettkampf um Kunden und Mitarbeiter vor sich. Sorgen mache ich mir nur wegen einer dann unter Umständen hohen Risikoaversität in Europa, während in USA mit hoher Wahrscheinlichkeit die Kapitalgeber weiterhin bereit sind, höhere Risiken einzugehen.

Dirk Weyel: Meines Erachtens befinden wir uns bereits in einer kleinen Blase, die gerade etwas Luft ablässt ohne komplett zu platzen. Die Folge sind zurückhaltendere Anleger, niedrigere Unternehmensbewertungen und etwas weniger Dynamik. Aber die Möglichkeiten im Internet ein Geschäftsmodell zu lancieren, was schnell und erfolgreich skaliert, bleiben weiterhin bestehen und somit wird es auch immer risikofreudige Investoren geben, die beim nächsten großen Ding dabei sein wollen und damit eventuell für übermäßig gehypte Entwicklungen sorgen. Was aber gut ist, weil Innovation in einer schnelllebigen Branche braucht Wagniskapital und den Glauben an den Erfolg oder zumindest das Erfolgspotenzial. Und von derartig veranlagten Investoren könnten wir ja hierzulande bekanntlich mehr gebrauchen – nur um das auch noch mal gesagt zu haben…

Ibrahim Evsan: Firmen mit soften Leistungen werden zerplatzen, eine Erschütterung in der Finanzwelt wird spürbar sein. Im Gegensatz zum Jahr 2000 sind Unternehmen jedoch schon viel fester verankert, Kunden im B2C- und B2B-Bereich verzahnter. Eine gesellschaftliche Wirtschaftsblase wie in der Web 1.0 Zeit wird es nicht geben. Oder haben sie Facebook Aktien gekauft?