„Der schwarze Schwan – Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“ von Nassim Nicholas Taleb ist eines der Bücher, die wohl immer wieder gelesen werden können, obwohl sie im Wesentlichen nur eine einzige, höchst simple Botschaft enthalten. In diesem Fall: Es gibt schwarze Schwäne und sie kommen häufiger vor als wir annehmen.

Schwäne – wie wir alle wissen – sind weiss und genau an dieser Annahme wurde für viele Jahrhunderte in Europa fest gehalten, bis in Australien schwarze Varianten entdeckt wurden. Diese Vögel nimmt Taleb symbolisch für unvoraussehbare Ereignisse mit großer Konsequenz. In vielen Beispielen sowohl intuitiv aus eigener Erfahrung als auch durch die Analyse existierender Daten weist Taleb retrospektiv auf unberechenbare Sonderfälle. Dabei argumentiert er gegen den Einfluß der modernen Statistik, welche Berechenbarkeit und Wahrscheinlichkeitsverteilungen in schönen Kurven zum hohen Ideal steigert. Frustriert von der Unschärfe der Gauss-Kurve richtet der Autor lieber seinen Blick auf die Ausreißer – ein Interesse, welches später von Malcolm Gladwell in dem Buch Outliers aufgegriffen wird.

Doch während Gladwell sich auf die Umstände, die zu Ausreißern führen können konzentriert, bezieht Taleb viele Einflüsse aus der Sozialwissenschaft, Mathematik und Wirtschaft mit ein und verteilt gleichzeitig zynische Schläge an Nobelpreisträger, deutsche Philosophen, Opernfans und die Franzosen. Dabei vergisst er auch nicht, scharfe Kritik an seiner eigenen Zunft als Trader und die Gesellschaft der Wall Street zu üben. In respektlos-humorvoller Art zieht er gegen all jene in den Krieg, die vorgeben sich ganz sicher zu sein und etwas genau zu wissen. Mit seinen Darstellungen lenkt er allerdings nicht vom Thema ab, sondern wiederholt im Grunde immer wieder die Kernthesen des Buches.

Im Wesentlichen geht es um Mittelmäßigkeit (mediocristan) und die Extreme (extremistan). Es gibt viele Phänomen, Dinge und Ereignisse, die eine normale Verteilung und somit ein Mittelmaß aufweisen. So gibt es beispielsweise eine Durchschnittsgröße von Menschen und selbst der Rekordhalter mit 2,72 meter hält sich im überschauberen Rahmen. Um in Talebs Begriff von Extremistan zu fallen, müsste ein Mensch schon 10 Meter groß sein. Genau das sind die Art von undenklichen Ereignissen, mit denen er sich beschäftigt. In Extremistan verhalten sich die Gesetze der Verteilung und Proportion ganz anders als in Mediocristan. Um dies zu verdeutlichen, bringt Taleb viele Beispiele und verweist dabei auch auf „the long tail“, wobei er sich allerdings eher mit dem sehr kurzen Kopfende als dem langen Endstück beschäftigt. Laut seinen Ausführungen können einzelne extreme Daten die Summe aller anderen Beobachtungen in den Schatten stellen. Wenn er etwa den Reichtum von Aktienhändlern betrachtet und plötzlich Bill Gates den Raum betritt, überstrahlt diese einzelne Betrachtung alle anderen.

In großen Teilen seines Buches macht Taleb solche weiten Exkurse in die eigene Historie und bezieht stark aus persönlichen Ereignissen Lehren, die er in kurzen Geschichten zu vermitteln versucht. Die Mischung aus nordamerikanischer und orientalischer Erzählweise mag vielleicht nicht jedermann gefallen, doch sie veranschaulicht deutlich die Aussagen des aus dem Lebanon stammenden Autors.

Die Fortführung von Talebs Gedanken aus seinem früheren Buch „Narren des Zufalls“, in dem er als alter Hase im Aktienhandel mit Wahrscheinlichkeiten hantiert, konzentriert sich also stark auf die Ausreißer aus der Statistik. In seiner Tätigkeit als Dekan der Stochastik an der Universität von Massachusetts taucht Taleb derzeit noch tiefer in Unsicherheiten ein. Ein Blick auf das Chaos seiner Webseite und die vielen neuen Artikel lässt auf ein drittes Werk vermuten… ich bin gespannt.

Über den Autor:

Ahmet Emre Acar ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der HPI School of Design Thinking („D-School“). Er forschte und arbeitete an der Technischen Universität Berlin, der Humboldt Universität Berlin und der Universität Potsdam zu Kommunikation im Internet, nicht-linearen Medien, Mediensemantik, Multimediaproduktion und E-Learning. An der D-School forscht Ahmet zu kommunikationswissenschaftlichen Themenstellungen wie der Kommunikation in multidisziplinären Gruppen und Ahmet war maßgeblich an der Erstellung des D-School-Blogs beteiligt.

Artikel zum Thema: