So jetzt jeder mal ehrlich die Hand gehoben: Wer lädt des öfteren Musik bei Tauschbörsen runter? Wer war Fan von Napster, Kazaa und Co?  Wahrscheinlich die meisten von uns. Und warum kriegt man in der Regel keinen Ärger und kommt ungeschoren davon? Weil das gesamte Setup hinter diesen Peer-to-Peer-Tauschbörsen so ungemein dezentral aufgebaut ist, dass es viel zu aufwändig wäre, jeden einzeln zu verfolgen. Genau diesem und anderen Effekten von dezentralen Organisationen widmet sich „Der Seestern und die Spinne“ von Ori Brafman und Rod A. Beckström. Dabei unterscheiden die beiden US-amerikanischen Autoren insgesamt drei verschiedene Unternehmensformen:

Zentrale Organisationen oder „Spinnen“

Zentrale Organisationen zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf einer expliziten Hierarchie aufbauen und somit ein deutliches Machtgefälle aufweisen. In Analogie zur Natur sind sie mit Spinnen zu vergleichen, die einen Kopf als Zentrum besitzen, dem sich die verschiedenen Gliedmaßen unterordnen. So wie die Spinne mit ihrem Kopf ein Zentralorgan aufweist, funktionieren auch zentrale Organisationen durch ein Wissens- und Steuerungszentrum, dem die anderen Abteilungen untergeordnet sind. Typische Beispiele wären Großkonzerne wie die Telekom oder Siemens.

Dezentrale Organisationen oder „Seesterne“:

Seesterne warten mit der Besonderheit auf, dass sie kein Gehirn besitzen. Sie funktionieren gänzlich dezentral und regenerieren sich selbst. Schneidet man einen der Arme eines Seesterns ab, wächst ein neuer nach. Teilt man einen Seestern, stehen die Chancen gut, dass sich aus den einzelnen Teilen zwei Seesterne bilden. Genauso verhält es sich mit dezentralen Organisationen: Sie haben kein Zentrum, sondern funktionieren als einzelne Zellen oder Enklaven. Verbinden tut sie lediglich ein gemeinsames Wertesystem, dass auch dafür sorgt, dass neue Elemente nachtreten, sollte eine Zelle ausfallen. Typische Beispiele wären Al-Qaida, die Anonymen Alkoholiker oder Musiktauschbörsen wie Napster und Kazaa.

Hybride

Als typische Hybride dieser beiden Formen sind Amazon und ebay zu betrachten. Sie funktionieren auf Basis einer hierarchischen Organisationsstruktur, die rechtlich zentralisiert ist, aber mit dezentralen Elementen arbeiten um so ihren Mehrwert für die Nutzerschaft zu generieren. Anhand der Nutzerbewertungen und der gänzlich dezentralen Abwicklung der Auktionen werden wichtige Kernelemente zentraler Organisationen hier ausgelagert und durch die Nutzer als dezentrale Player übernommen.

Unsere Gesellschaft im Wandel…?

Die Logik dieser Unterscheidung ist nicht nur ungemein bestechend, sondern gleichzeitig auch faszinierend. In ihrem Buch gelingt es den Autoren anhand von historischen Beispielen aus der frühen und späten Vergangenheit überzeugend ihren Ansatz zu untermauern. Wieder und wieder wecken sie so Kopfschütteln und Faszination beim Leser. Sehr praxisnah gelingt es Brafman und Beckström ihr Konzept zu erklären und die Tatsache, dass sich die Informationsgesellschaft immer mehr in Richtung dezentraler Strukturen entwickelt, mag man beim Lesen nie wirklich bezweifeln.

Der Seestern und die Spinne wird dadurch zu einem sehr anregenden Buch, dass einen animiert, die eigene Business-Philosophie zu hinterfragen und einmal über alternative Ansätze nachzudenken, die das Team in den Mittelpunkt stellen und bei dem man auf hierarchische Strukturen verzichetet und stattdessen den eigenen Mitarbeitern und den Kunden auf Augenhöhe begegnet. Beispiele wie Skype beweisen, dass dies funktionieren kann. Vor allem besticht das Buch dadurch, dass es die Argumentation der Thesen immer wieder mit den Anekdoten von Menschen verknüpft, die etwas zu erzählen haben. So beispielsweise die Entstehung der anonymen Alkoholiker durch Bill W. oder die Geschichte französischer Investoren, die bei einem Business-Pitch nach dem „Chef des Internets“ fragen.

Brafman und Beckström haben insofern wirklich einen Grundstein für eine gänzlich neue Art zu denken gelegt. Es bleibt zu hoffen, dass in diese Richtung noch mehr geschieht, die Anzahl vergleichbarer Ansätze ist auf jeden Fall gegeben und hoch. Vielleicht können dezentrale Ansätze ja wirklich zum Katalysator neuer Ideen in der Wirtschaft werden, die in der Konsequenz auch neue Firmen- und Wirtschaftsstrukturen mit sich bringen. Fakt ist, dass das Internet einen Wandel mit sich gebracht hat, den nicht nur die Musikindustrie spüren wird…

Artikel zum Thema: