Wer hätte gedacht, dass der Sinn des unternehmerischen Erfolgs NICHT beim Fokus auf Wachstum und Profit liegen würde? So manch ein Gründer mag sich die Frage stellen, was überhaupt mit dem Buch anzufangen ist. Weshalb sollte man sich denn nun Unternehmen ansehen, die bewusst klein gehalten worden sind? Der ehemalige Redakteur des Inc. Magazins, Bo Burlingham, zeigt in „Small Giants“ an vierzehn unterschiedlichen Fällen aus verschiedenen Branchen wie Firmen sich gegen den Wind gestellt haben und dadurch herausragend geworden sind.

Die aufgeführten Unternehmen werden Lesern aus Europa womöglich nicht viel sagen, denn Marken wie Anchor Brew, Citi Storage und Clif Bar sind hier bislang nicht bekannt. Doch um die Verbreitung oder globale Ausrichtung geht es bei „Small Giants“ auch nicht. Der Schwerpunkt liegt hier auf Qualität.

Während sich selbst in der derzetigen Wirtschaftskrise die Gedanken um Wachstum und Schrumpfen drehen, distanziert sich Burlingham bewusst davon und interpretiert die Größe eines Unternehmens anders. Den wahren Wert setzt er an der Seele der Unternehmung an, die er als „Mojo“ bezeichnet. Die Firmenkultur, die Qualität der Produkte und Dienstleistungen, die soziale Atmosphäre, die persönlichen Beziehungen zwischen Angestellten und Kunden, das enge Verhältnis zwischen der Firma und der umliegenden Gemeinde – all das fügt sich zu der Magie zusammen, welche die von ihm genannten Beispiele so besonders macht.

Da ist etwa die Zingermans Gruppe, die als kleiner Sandwichladen mit einem besonderen Augenmerk auf die Zutaten und Zubereitung anfing. Der Service dieses Gastrounternehmens wurde legendär. Die ständige Aufmerksamkeit den Gästen gegenüber ging so weit, dass sie sogar Muffins, die zum Zeitpunkt der Bestellung ausverkauft waren, dem Kunden am nächsten Tag als Geschenk zuschickten. Die Sorgfalt im Kerngeschäft und die hervorragende Ausbildung des Personals führte zum Anstieg der Popularität und stellte die Gründer vor die Frage, wie sie ihr Geschäft ausweiten sollten. Anstatt jedoch weitere Filialen zu eröffnen oder ein Franchise-System aufzubauen, welches ihrer Kontrolle entgleitet, entschieden sich die beiden Inhaber dafür, einzelne Aspekte ihres Unternehmens abzusplitten. So wurden nach und nach Backwaren in einer eigenen Bäckerei erstellt, Waren über den eigenen Delikatessenhandel importiert und Personal in einer eigenen Trainingseinrichtung unterwiesen.

Die Geschichten in diesem Buch und die Lehren, die ein jeder Unternehmer daraus ziehen kann, sind vielfältig. Selbst wenn rasantes Wachstum das höchste persönliche Ziel sein sollte, lohnt es sich, einen Blick in das Buch zu werfen. Die Beispiele gehen nämlich über Geschäftsstrategien hinaus und bewegen sich auf einer sehr persönlichen Ebene. Mitarbeiter werden nicht mit Bonusprogrammen oder Provisionen geködert. Es gibt keine „Mission Statements“ oder „Klausurtagungen“. Was fast alle Fälle gemeinsam haben, ist das Aufbauen auf einer Kultur der Vertrautheit. Mitarbeiter werden – auch wenn beziehungsweise gerade dann – wenn sie unterhalb der eigenen Hierarchie stehen dennoch als Menschen behandelt. Kollegialität ist nicht nur ein abgedroschenes Schlagwort, sondern wird tatsächlich gelebt.

Dabei weist der Autor darauf hin, dass ein solch humanes Umfeld nicht unbedingt von der Größenveränderung abhängt. Der wichtigste Faktor ist der direkte und private Bezug von Eignern und Inhabern zum Unternehmen. Sobald eine anonyme Masse im Hintergrund steht oder das Ziel der Gesellschafter auf die reine „Gewinnmaximierung“ ausgelegt ist, beginnt das Unternehmen seine Seele zu verlieren. Wenn nur finanzielle Interessen hinter einer Unternehmung stehen, werden auch nur Mitwirkende dabei sein, die einen Job brauchen. Wer laut Burlingham wahre Größe erlangen will, braucht jedoch Leute, die sich berufen fühlen und voller Feuer dabei sind. Das beste Geschäftsmodell ist also Leidenschaft. Daher kann ich dieses Buch allen Gründern ans Herz legen, die voller Passion ihren Zielen folgen.

Über den Autor:

Ahmet Emre Acar ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der HPI School of Design Thinking („D-School“). Er forschte und arbeitete an der Technischen Universität Berlin, der Humboldt Universität Berlin und der Universität Potsdam zu Kommunikation im Internet, nicht-linearen Medien, Mediensemantik, Multimediaproduktion und E-Learning. An der D-School forscht Ahmet zu kommunikationswissenschaftlichen Themenstellungen wie der Kommunikation in multidisziplinären Gruppen und Ahmet war maßgeblich an der Erstellung des D-School-Blogs beteiligt.

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