Burnout

 

Aufhänger: Warum dieses Thema?

Nachdem ich bereits aus unterschiedlichen Quellen gehört habe, das dem Phänomen Burnout auch in Startups mehr und mehr Bedeutung beigemessen wird, scheint es an der Zeit, dieses vermeintliche Tabu-Thema auch einmal bei Gründerszene zu thematisieren. Viele kennen sicherlich diese Mühle aus langen Arbeitszeiten ohne Pausen, Always-on-Mentalität und schlechter Lebensführung, die gerade für Startups so typisch ist. Nicht selten gibt es dann auch diese Phasen, in denen man mit Hilfe von Energy Drinks die eigene Arbeitszeit ungesund verlängert und eigentlich an jedem Ort und zu jeder Zeit E-Mails checkt.

Angeregt durch unterschiedliche Quellen habe ich mich deshalb immer mal wieder über gesündere Arbeitsweisen weitergebildet und mich offen mit Betroffenen über ihre Erlebnisse unterhalten. Was ich dabei über das Thema Burnout sowie dessen Vermeidung erfahren habe, möchte ich hier teilen. Bitte versteht das Ganze aber nicht als erschöpfende Anleitung, sondern holt euch professionellen Rat ein, falls ihr betroffen seid. Mir geht es vor allem auch darum, für das Thema zu sensibilisieren.

Burnout – was ist das eigentlich?

Burnout, das ist dieses Thema, das einem in den letzten Jahren in immer regelmäßigeren Abständen vom Cover unterschiedlicher Magazine entgegenlacht – seien es Wochenblätter oder Themenmagazine. Durch die zunehmende Verbreitung und den Umstand, dass es mit Betroffenen wie Sven Hannawald, Miriam Meckel oder Ralf Rangnick zusehends auch prominente Beispiele gibt, hat das Thema Burnout den Sprung in die öffentliche Wahrnehmung geschafft. Lange wurde darüber geschwiegen, nun scheint es den bundesdeutschen Alltag zu begleiten.

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Die Burnout-Problematik schickt sich an, zur dominanten Volkskrankheit zu werden und ist gegenüber den Spitzenreitern Bluthochdruck und Rückenschmerzen kräftig am Aufholen. Ich würde mit meiner Laienkenntnis sogar sagen, das ein Großteil aller dieser verbreiteten Krankheiten mittlerweile zu großen Teilen stressinduziert ist. Allerdings entspricht das, was im Volksmund gerne als Burnout bezeichnet wird, keinem anerkannten Krankheitsbild.

Es gibt also keine Krankheit mit dem Namen Burnout. Wenn der Volksmund von Burnout spricht, bezieht sich dies – soweit ich weiß – in der medizinischen Welt auf das Krankheitsbild massiver Erschöpfungszustände oder einer Depression. Wer angibt, unter dem Burnout-Syndrom zu leiden, ist also meist massiv erschöpft oder kuriert an den Folgen einer Depression. Die Herleitung ist ja auch plausibel: man ist ausgebrannt, fühlt sich erschöpft.

Typische Symptome eines Burnouts

Gelesen haben viele über dieses Phänomen schon zig mal, doch was es eigentlich bedeutet, bleibt den meisten wohl verborgen, bis sie es vielleicht einmal am eigenen Leib spüren. Die Symptome eines Burnouts sind sicher vielfältig, man kann sich das Ganze aber als intensive Erschöpfung und Überforderung vorstellen. Ständige Müdigkeit begleitet den Alltag, manchmal selbst trotz ausreichenden Schlafs. Man fühlt sich schwach, ist gereizt.

Wenn der Druck und die Überforderung überhand nehmen, fängt man an zu weinen, ohne dass es einen ersichtlichen Grund gibt. Man schreit andere an und wird unkonzentriert. Selbst kleine Aufgaben erscheinen plötzlich unüberwindlich und lassen die Angst vorm Versagen noch weiter ansteigen. Eigentlich rettet man sich irgendwann nur noch von Ruhe-Reservoir zu Ruhe-Reservoir. Die Erschöpfung paart sich mit Frust ob der fehlenden Leistungsfähigkeit. Miriam Meckels Buch „Brief an mein Leben“ bietet hier für Interessierte womöglich interessante Einblicke.

Je nach Intensität kommen zu diesen Phänomenen noch massive körperliche Symptome hinzu. Eine Gründerin hat mir einmal erzählt, dass ihr die Haare ausfielen und ihr Zahnfleisch zurückging. Ihr Level an Stresshormonen wurde in einer Höhe gemessen, die sonst nur Frauen im Krieg haben, die ihre Kinder zu retten versuchen. Jemand anderes berichtete mir davon, dass er umfangreiche Allergien entwickelt hat, die es nahezu unmöglich machten, ohne Übelkeit die gewöhnlichen Leibspeisen zu sich zu nehmen. Magenprobleme, Übelkeit, Schweißausbrüche, Angstzustände, Herzrasen, Entzündungen, Schwindel und einiges mehr sind Symptome, wenn es um das Thema Burnout geht.

Von Hormonen und Energiemangel

Zum besseren Verständnis mal ein kurzer Abriss, was eigentlich bei übermäßigem Stress im Körper passieren kann: Es gibt positiven (Eustress) und negativen Stress (Dystress), wobei letzterer offensichtlich jener ist, der einen krank macht. Während Eustress einen motiviert und aufkommt, wenn wir fordernde Aufgaben lösen, sorgt Dystress für die Ausschüttung von Stresshormonen. Eines dieser Stresshormone ist Adrenalin, das dafür sorgt, dass unsere Adern verdünnt werden, damit der Körper schneller Blut hindurch pumpen kann. Ein Prozess, der ursprünglich vorsah, bei Gefahr schnell fliehen zu können. Bei Schwangeren führt dies etwa dazu, dass das eigene Kind weniger Nährstoffe erhält. Lässt der Adrenalin-Schub dann nach, stellt sich Erschöpfung ein.

Viele Top-Manager treiben deshalb Extremsport, um den eigenen Adrenalinpegel hoch zu halten. Otto-Normal-Bürger trinkt dann eher Kaffee, der den eigenen Körper dehydriert. Oder er konsumiert große Mengen Zucker (Cola, Energy Drinks, Süßigkeiten und so weiter). Zucker kann aber nicht im Magen abgebaut werden und gerät deshalb über den Darm praktisch direkt ins Blut. Gerade weißer Zucker führt zur Demineralisierung des Körpers und wird schließlich in der Leber abgebaut, die verfettet und auf die anderen Organe und den Rücken drückt. In Kombination mit vielem Sitzen und wenig Bewegung sind dann auch schnell Rückenschmerzen geboren.

Das Gehirn kompensiert die Gegenwart von Zucker im Blut mit der Ausschüttung von Insulin, das den Zucker abbaut. Ist der Zucker dann aber rasant abgebaut worden, herrscht eine Unterzuckerung und unser Gehirn schreit nach neuem Zucker. So entsteht ein Teufelskreis, der für den Körper eine Zick-Zack-Kurve des Energiehaushalts mit sich bringt.

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Zu den Ursachen von Burnout

Okay, aber genug Horrorgeschichten. Wie entsteht ein Burnout? Offensichtlich durch zu viel Dystress. Die gute Nachricht lautet dabei, dass Stress ein komplett selbst erzeugtes Phänomen ist. Niemand „macht einem Stress“, diesen erzeugt man sich ganz allein. Die schlechte Nachricht lautet allerdings, dass es dennoch schwer abzustellen ist, sich selbst Stress zu machen.

Unsere Sozialisation bringt es mit sich, dass wir ein gewisses Diktat der Leistungsfähigkeit verschrieben bekommen, und nicht selten verbindet sich diese gesellschaftliche Erwartungshaltung mit dem inneren Gefühl der Unzulänglichkeit. Die Mechanik im Kopf läuft dann ungefähr so ab: „Wenn ich jetzt nicht noch mehr gebe und das Maximum an Leistung heraushole, bin ich minderwertig.“ Dies kann, muss aber nicht der Fall sein.

Der Kern von Stress liegt dann häufig darin, sich nicht richtig abgrenzen zu können. Minderwertigkeitsgefühle und Perfektionismus sind sicher nur zwei der Antriebsfedern, die einen dazu bringen, Dinge zu tun, die über die eigene Gesundheit hinausgehen. Nein-Sagen und sich abgrenzen lautet hier eines der Stichworte. Und angesichts der unterschiedlichen Einflüsse ist es wirklich schwierig, eigentlich noch zu merken, welche Leistung angebracht ist und vom Körper gut verkraftet wird. Denn wichtig ist hierbei auch, emotional abschalten zu können. Fragt man sich immer, ob die eigene Leistung ausgereicht hat und ob nicht noch etwas zu tun ist, raubt dies Kräfte.

Wie die Arbeit einen Burnout befördert

Ich glaube, eines der Hauptprobleme, das arbeitsbedingt Burnout-Symptome auslösen kann, ist die mangelnde Trennung von Privat- und Berufsleben. „Always on“ ist ja das Phänomen, das seit der Verbreitung von Smartphones und Social-Networks Verbreitung gefunden hat. Während viele ihre Privatleben im Netz ausbreiten und die Sphäre zwischen privat und öffentlich zu demontieren helfen, erlaubt die vernetzte Welt das Arbeiten von überall. Mir erscheint gerade der um sich greifende Mangel an Privatssphäre als sehr schädlich für den Menschen.

Das Verschwimmen dieser Sphären paart sich – gerade in Startups – mit langen Arbeitszeiten, viel Druck und hoch gesteckten Zielen. Ein Gründer hat mir nach seinem Exit einmal erzählt, dass er mittlerweile „nur“ noch von neun bis neun arbeite und am Wochenende frei habe. Aus einer anderen bekannten Gründung wurde mir berichtet, dass regelmäßig die Türen abgeschlossen wurden, damit die eigenen Mitarbeiter nicht zu früh gehen können. Aus dem Agenturumfeld berichtete mir ein Mitarbeiter, dass er gefragt wurde, ob er Mittagspause macht, wenn er um 19.00 Uhr ging.

Die Liste von Beispielen dieser Art lässt sich beliebig fortführen. Heutzutage gehört es doch bereits zum guten Ton, erschöpft zu sein. Ein Burnout gilt vielen als Beleg, viel geleistet zu haben und wenn Kollegen das Gefühl haben, dass einer aus ihrer Mitte zu wenig tut, wird schnell gemobbt. Viele sind dann mit typischen Kompensationshandlungen wie Rauchen oder dem Konsum von Kaffee, Energy Drinks und Süßigkeiten beschäftigt. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass die Optimierung der Arbeitsdauer einer Milchmädchenrechnung gleich kommt.

Wer Präsenz und nicht Leistung belohnt, optimiert in der Regel kurzfristig und auf Kosten der Gesundheit seines Teams. Aus einem größeren Startup wurde mir einmal berichtet, dass wenn der CTO ein Stunde länger bleibt, auch alle fünf Entwickler länger bleiben und das Unternehmen so gleich sechs Mannstunden gewinne. Meiner Erfahrung nach geht es aber nicht nur um Masse, sondern auch Qualität. Die zusätzliche Leistung des einen Tages geht dann schnell am nächsten wieder verloren, wenn der länger arbeitende Mitarbeiter müdigkeitsbedingt schlechtere Leistungen abliefert. Ganz abgesehen davon, dass mir die Facebook- und YouTube-Nutzung bei Überstunden rapide anszusteigen scheint.

Gegen Burnout vorgehen

Mir wurde einmal gesagt, dass jeder Mensch drei Grundfesten im Leben hat: Die eigene Wohnung, den Beruf und die Beziehung mit einem Partner. Gibt es Probleme in einem dieser Bereiche, lässt sich dies verkraften, bei zweien wird es schon anstrengend, befinden sich alle drei im Chaos, liegt in der Regel eine starke Belastung vor. Und wer kennt das nicht: Man arbeitet viel, die eigene Wohnung vegetiert dahin und für einen Partner bleibt vermeintlich kaum Zeit. Es empfiehlt sich also, diese drei Bereiche bei der eigenen Lebensführung positiv zu gestalten.

Hinzu kommt der eigene Lebensstil. Ernährung, Sport und ein funktionierendes soziales Umfeld zählen zu den wichtigsten Komponenten eines gesunden Lebens. Ein paar Beispiele:

  • Sich Zeit für Essen nehmen, nicht bloß zwischen Tür und Angel, überhaupt nicht oder selten bei der Arbeit essen.
  • Sich ausgewogen und leicht ernähren, eher Gemüse als Fastfood konsumieren.
  • Den Konsum von Süßigkeiten und Zucker allgemein reduzieren. Zu Zigaretten, Kaffee und Alkohol braucht es wohl keine separaten Ausführungen.
  • Regelmäßig Sport treiben, um den Körper fit zu halten, vor allem aber auch um abzuschalten.
  • Ein Privatleben führen, sich also auch mal mit Freunden treffen und mit ihnen über anderes sprechen als über die Arbeit.
  • Einfach auch mal abschalten und nicht ständig mit dem Kopf bei der Arbeit sein.

Dies sind alles Dinge, die augenscheinlich und profan erscheinen, befindet man sich aber in der Arbeitsmühle, werden sie gerne übersehen. Und diese Liste ist sicher nicht erschöpfend. Gerade auch das gesunde Setzen von Grenzen will gelernt sein. Grundsätzlich erscheint es mir daher auch unumgänglich, sich externe Hilfe zu holen. Etwa durch einen Coach oder Therapeuten. Vielfach muss man einfach erst wieder lernen, was gut für einen ist und was nicht. Wie weit man dies treibt, ist sicher eine individuelle Frage. Wenn ihr ebenfalls Tipps, Erfahrungen oder Anregungen habt, freue ich mich, wenn ihr diese in den Kommentaren teilt.

Joel Kaczmarek Facebook

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