Frankfurt

Skyline von Frankfurt: Aufstrebende Startupszene am Main

Anlaufschwierigkeiten zwischen Darmstadt und Rheingau

In Frankfurt sind High-Tech-Unternehmen zu Hause, Business-Dienstleister und, klar, Fintech-Startups. Seitdem die Commerzbank Anfang dieses Jahres mit ihrem Main Incubator und einem eigenen VC-Arm an den Start ging, gibt es erste Versuche so etwas wie ein Startup-Ökosystem in der Main-Metropole aufzubauen. Kurz: Es tut sich etwas in der Frankfurter Digitalwirtschaft. Das zeigen auch die Zahlen. Glaubt man einer Studie aus dem letzten Jahr, so kommen in Frankfurt auf 10.000 Erwerbstätige 2,3 Internetfirmen-Gündungen. Höher rangieren nur Berlin und München mit je 2,8 Gründungen.

In Sachen Investitionen hält sich das nationale Finanzzentrum aber noch zurück: Einer Erhebung der Universität Münster zufolge kommt nur ein kleiner Teil des VC-Kapitals, das in deutsche Startups fließt, aus Frankfurt.

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Diesem VC-Mangel stehen die Business Angels FrankfurtRheinMain (BA-FRM) gegenüber. Der Verein hat sich deutschlandweit an jungen Unternehmen beteiligt. Vor knapp 15 Jahren von Teilen des heutigen Vorstands und der IHK Frankfurt gegründet, gehören ihm inzwischen rund 110 private Wagniskapitalgeber an. Eine Zahl, die den Verein eigenen Angaben zufolge zu „einem der mitgliederstärksten Business-Angel-Vereine Deutschlands“ macht. Sechs Investments gab es im laufenden Jahr bereits zu vermelden, wobei die Dunkelziffer etwas höher liegen dürfte. Die Zahl der getätigten Investments, bei denen im Schnitt zwei bis drei Business Angel einsteigen, erfasst der BA-FRM nämlich nicht. Vorstandsvorsitzender Andreas Lukic spricht im Interview über Lücken im Startup-Vokabular, Nachholbedarf in der Region und seine Position zum „Anti-Angel-Gesetz“.

Andreas, der BA-FRM hat nun schon einige Jahre auf dem Buckel. Was war ausschlaggebend für die Gründung im Jahr 2000?

Ganz klar: der Finanzplatz Frankfurt. Das Rhein-Main-Gebiet soll nicht nur für den Mittelstand und große Unternehmen attraktiv sein, sondern auch „kleine“ Geschäftsideen fördern. Der Aspekt Regionalität war entscheidend. Hier leben viele Menschen, die offen für neue Geschäftsmodelle sind, gut bezahlte Berufe ausüben und somit prinzipiell als Business Angel aktiv werden könnten. Dazu kommt, dass wir den Menschen das Phänomen Gründen näherbringen wollen. Was bedeutet es, zu gründen? Und warum sollte man überhaupt gründen? Übrigens gibt es auch auf Investorenseite einige Lücken im Startup-Vokabular: Das typische Neumitglied weiß nicht, was ein Business Angel ist.

Startups erleben derzeit ja ein regelrechtes Hoch. In Berlin wird gegründet, was das Zeug hält. Andere Städte schließen auf. Wie groß ist da der Ansturm auf einen Investoren-Verein?

Andreas Lukic

Andreas Lukic

Die Anfragen von Startups haben deutlich zugenommen. Allein letztes Jahr haben uns 600 erreicht. Da kommen einerseits super Business-Pläne, andererseits aber auch einfach schlichte Ideen. Vor etlichen Jahren waren es mal 200 Bewerbungen. Klar ist: Wir müssen die Gründer nicht mehr aus der Uni rausziehen. Außerdem gibt es heute viele Leute, die mit 30 oder 40 Jahren noch gründen wollen.

Bedeuten mehr Startups denn auch mehr spendable Unterstützer?

Erstaunlicherweise nicht. Ich kann natürlich nur für unseren Verein sprechen, aber im Schnitt kommen saldiert fünf bis zehn Neumitglieder im Jahr – egal ob draußen Krise ist oder Konjunktur. Es ist nicht so, dass die Leute jetzt sagen „Ich muss unbedingt bei einem Startup einsteigen“. Bei uns bleiben die Zuwächse konstant, daher sehen wir in der Öffentlichkeitsarbeit Nachholbedarf. Wenn man das ganze Potenzial der Region ausschöpfen würde, müssten wir eigentlich eher zwischen 4.000 und 5.000 Mitglieder zählen. Da gibt es also noch Luft nach oben.

Was hat das Rhein-Main-Gebiet überhaupt für Startups zu bieten?

Exzellente Forschung in allen Bereichen – von Internet und Software, über Chemie, Mobilität bis hin zu Materialwissenschaften. Es gibt zahlreiche Universitäten und unabhängige Forschungseinrichtungen. Daneben ist auch die Kundschaft da, der Kontakt ins Geschäftsleben einfach. Das große Manko des Rhein-Main-Gebiets ist allerdings, dass sich in vielen Bereichen mehr tut, als man sieht. Es hapert noch an der Kommunikation. Das liegt auch daran, dass man, anders als in Berlin, zwischen Darmstadt und dem Rheingau relativ leicht den Überblick verlieren kann. Der Kostenfaktor ist für mich kein Argument. Natürlich ist es in Berlin Mitte günstiger als im Frankfurter Zentrum. Hier kann man aber genauso gut ins Umland gehen. Gründern im Rhein-Main-Gebiet kommt zugute, dass sie weniger „show-off“-Wettbewerbern gegenüberstehen. Wenn ich das ändern könnte, würde ich mir wünschen, dass sich mehr Gründer hier ansiedeln.

Die Niederlassung in der Region fördert Ihr trotzdem nicht. Wieso?

Wir denken immer wieder darüber nach, aktuell ist dies aber nicht unser Auftrag. Die Unternehmen, an denen wir uns beteiligen, müssen nicht aus Rhein-Main stammen. Es liegt in der Freiheit der Startups selbst darüber zu entscheiden, wo sie ihre Zelte aufschlagen.

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Nun kam ausgerechnet aus Hessen der Vorstoß, das „Anti-Angel-Gesetz“ aufzuwärmen. Aus der Szene hagelt es dafür Kritik. Wie siehst Du das?

Grundsätzlich ist es wünschenswert, wenn die Politik die Gründerkultur und -finanzierung unterstützt. Andererseits sind Business-Angel-Investments nicht steuermotiviert und sollten es auch nicht sein. Wenn es nun Ungünstigkeiten im aktuellen Gesetz gibt, bin ich überzeugt, dass sie sich beheben lassen, analog zum Invest-Zuschuss und weiteren gelungenen Instrumenten.

In Eurem Beteiligungskatalog stehen neben dem Handtaschen-Shop Fashionette auch einige High-Tech-Unternehmen. Zuletzt habt Ihr in den Software-Bauer Vertical Cloud Solution investiert. Auf eine bestimmte Branche scheint Ihr Euch nicht zu fokussieren.

Einen Branchen-Schwerpunkt haben wir absichtlich nicht gesetzt, weil wir auch bei unseren Mitgliedern nicht selektieren. Da kommt Kompetenz aus der Chemie, Prozesstechnik, Automobilindustrie oder den Medien zusammen. Dementsprechend haben wir uns dazu entschlossen, auch Bewerbungen aus allen Segmenten entgegenzunehmen.

Was muss ein Startup denn mitbringen, damit es zum Deal kommt?

Die Idee muss sich zu Geld machen lassen, also monetarisierbar und skalierbar sein. Ein Startup muss das Potenzial haben, zum Mittelständler aufzusteigen und ein Team von 20 bis 30 oder mehr Mitarbeitern zu beschäftigen. Es kann aber auch eine Firma sein, die zwar defizitär ist, aber große Gewinne durch einen Verkauf verspricht.

Vielen Dank für das Gespräch, Andreas.

Bild: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von D-Stanley