Christian Reber: „Wir versuchen, bescheiden zu bleiben“

Ob nun 30 oder nur 19 Millionen US-Dollar – das Investment von Sequoia in 6Wunderkinder ist ein Paukenschlag. Zum ersten Mal wagt sich der legendäre kalifornische VC, zu dessen Investments Google, Apple, Yahoo oder Youtube gehören, nach Deutschland. Wie kriegt man Sequoia rum? 6Wunderkinder-CEO Christian Reber gibt Auskunft.

Glückwunsch zur Finanzierungsrunde und dem Einstieg von Sequoia. Ihr müsst euch geehrt fühlen.

Vielen Dank.

Wie kam der Kontakt zu den Amerikanern zustande?

Wir hatten seit Gründung des Unternehmens viel Kontakt zu Investoren. Und ich kann mich noch genau erinnern, dass ich 2011 mit dem Team an einem Launch saß, als eine Email von Sequoia reinkam: „Sequoia loves you.“ Das war für mich als Gründer natürlich ein magischer Moment. Wir standen damals aber auch schon mit Atomico in Kontakt, für die wir uns aus Gründen der Verfügbarkeit schließlich entschieden haben: Atomico konnte aus London innerhalb von zwei Stunden nach Berlin kommen. Im Rückblick war das die richtige Entscheidung.

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Wie ging es mit Sequoia weiter?

Wir sind immer in Kontakt geblieben. In diesem Jahr haben wir dann ein Stadium erreicht, in dem wir uns reif genug gefühlt haben, mit einem Investor wie Sequoia zusammenzuarbeiten: Wir verdienen Geld, Wunderlist wächst sehr schnell, und wir sind international erfolgreich. 30 Prozent unserer Nutzer kommen aus den USA. Wir haben uns dann Anfang September getroffen. Vom ersten Gespräch bis zum Term Sheet hat es nur wenige Tage gedauert. Also: Ja, das Investment ehrt uns, aber wir versuchen, bescheiden zu bleiben.

War es schwierig, Sequoia zu überzeugen? Oder war das irgendwann ein Selbstläufer?

Ein Selbstläufer war es mit Sicherheit nicht. Wir haben uns extrem intensiv vorbereitet. Auch das Timing für den Pitch war genau berechnet: Wir wollten, dass alle Zahlen stimmen. Wir haben zwei, drei Mal vor dem kompletten Sequoia-Board gepitcht. Das ist schon eine Riesen-Herausforderung. Ich habe erst im Flieger zurück realisiert, was gerade passiert ist.

Wie haben sich die Sequoia-Leute von den Investoren unterschieden, die du bisher kennengelernt habt?

US-amerikanische VCs sind viel mehr datengetrieben in ihrer Analyse. Bei uns passiert noch viel aus dem Bauch heraus. Andererseits ist die Szene hier auch sehr jung, es gibt für Investoren kaum Vergleichsmöglichkeiten.

Tal Morgenstern von Sequoia hat letzte Woche im Gründerszene-Interview gesagt: Wir mögen deep tech. Und dann investieren sie in eine „einfache“ To-Do-App. Oder seid ihr deep tech?

Wir wollen mit Wunderlist den digitalen Organizer bauen. Wir wollten die Prinzipien von cloud-based und cross-platform, die Evernote und Dropbox vorgemacht haben, auf eine To-Do-App übertragen. Wir haben teilweise unterschätzt, wie komplex der Entwicklungsaufwand dafür ist. Sind wir ein Tech-Unternehmen? Ich würde sagen: Ja. Wir haben knapp 50 Leute, davon sind 70 bis 75 Prozent Entwickler. Sind wir deep tech? Ehrliche Antwort: Wir sind es noch nicht, wollen es aber werden. Sequoia mag mit Sicherheit deep tech. Aber es geht ihnen auch um Personen und Ambitionen, mit dem Team muss es auf einer zwischenmenschlichen Ebene stimmen. Das hat bei uns gepasst. Und man muss natürlich wissen: Wie ist die Investmentstrategie eines US-Investors, welchen Fokus, welche Ambitionen haben sie?

Im Portfolio von Sequoia finden sich auch Dropbox und Evernote. Welche Rolle hat das gespielt?

Eine ziemlich große Rolle. Wir sind mit beiden Unternehmen sehr gut vernetzt und lernen voneinander.

Hat es für Sequoia auch eine Rolle gespielt?

Ganz ehrlich, da musst du Sequoia fragen. Alle drei Unternehmen haben ähnliche Geschäftsmodelle, ähnliche Zielgruppen, aber unterschiedliche Märkte. Wir operieren als Unternehmen sehr ähnlich, und haben großes Potential für starke Partnerschaften. Sequoia kennt die Schwierigkeiten, die auch auf uns zukommen.

Wie weit seid ihr mit den Plänen für das Büro in San Francisco, das ihr eröffnen wollt?

Wir sind sehr weit. Wir haben allerdings noch nicht das richtige Team gefunden. Wir suchen aktuell nach einem VP für das Business Development, der uns hilft, weltweit und vor allem in den USA Partnerschaften mit Unternehmen einzugehen. Ich werde sicherlich auch selbst viel Zeit drüben verbringen. Bis Ende 2014 werden ungefähr zehn Personen im Silicon Valley für uns arbeiten. Die Produktentwicklung werden wir aber in Berlin halten.

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Abgesehen von der Entwicklung des US-Geschäfts – was habt ihr mit dem Geld vor?

Ein Startup hat hohe Personalkosten – ein Großteil des Kapitals geht also in den Aufbau des Teams. Wir investieren primär in Wachstum. Wir bauen Wunderlist 3, das noch eleganter und leichtgewichtiger werden wird. Es wird nur wenige neuen Funktionen geben, wir wollen uns darauf konzentrieren, das jetzige Produkt noch massiv zu verbessern. Und wir fokussieren uns auf mehr Märkte. Die 100 Millionen User sind das Ziel.

Ihr schreibt aktuell eine Stelle für einen hauptberuflichen „Blogger in Residence“ aus. Als ob ihr nicht wüsstet, was ihr mit dem Geld jetzt anfangen sollt…

Wir haben schon immer Copywriter im Team gehabt, für unser Marketingmaterial und die Websites. Das ist viel Arbeit: Unser Produkt gibt es in fast 30 Sprachen. Jetzt suchen wir jemanden, der Erfahrung im Aufbau eines Blogs hat – diese Person hat aber nicht notgedrungen nur eine einzige Funktion.

Was heißt das Sequoia-Investment für den Standort Berlin?

Was ich in Berlin im Moment beobachte: Ein paar scheitern. Aber die Tech-Industrie wird auch reifer und internationaler. Es ist allerdings noch ein sehr weiter Weg, bis es bei uns auch internationale Marktführer gibt.

Was rätst du anderen Gründern: Wie kommt man an einen Investor von der Westküste?

Es ist schwer, alles bis inklusive der Series A ist sehr, sehr schwierig. Es ist Berliner Unternehmen auch nicht unbedingt zu raten, mit Investoren zu arbeiten, die auf anderen Kontinenten sitzen. Es ist eine Illusion, dass man unbedingt einen big shot reinholen muss. Das kann auch sehr ablenken. Ansonsten: Du musst deine Vision präzise formulieren können. Wo willst du hin? Und du musst ein dickes Fell entwickeln. Und dich darauf konzentrieren, dein Ding durchzuziehen.

 Bild: 6Wunderkinder