Christian Vollmann (rechts) und sein Mitgründer Till Behnke

In der Berliner Gründerszene ist Christian Vollmann (37) fast allen ein Begriff. Er arbeite erst bei Jamba! für die Samwer-Brüder, gründete mehrere Startups, arbeitete als Geschäftsführer für eDarling und investierte sein Geld in Startups wie StudiVZ, Friendsurance, SumUp, Wundercar, Meine Spielzeugkiste oder Nu3. Auch an dem gehypten Wissenschaftler-Netzwerk ResearchGate ist er seit vielen Jahren beteiligt. Als Vollmann Anfang 2014 als Head of Sales zu Researchgate ging, gab es deswegen viel Tamtam. Umso mehr, als er das Berliner Hype-Unternehmen in diesem Jahr wieder verließ – nach nur 14 Monaten. Zum Abschied verkündete er seine auf Learnings auf Twitter.

Heute sagt Vollmann: „Ich bin einfach ein Gründer und nicht nur Manager. Ich mag es, Dinge von Anfang an mit aufzubauen.“ Und er redet über sein neues Projekt, das für ihn eigentlich gar nicht so neu ist: Nebenan.de, ein Netzwerk für Nachbarn. Ende Juli startet die geschlossene Beta-Phase. Seit heute können Neugierige auf der Seite ihre Mailadresse für Updates eintragen.

Anzeige
Schon im Februar 2013 wollte Vollmann ein Netzwerk für Nachbarschaften gründen. In seiner Straße in Berlin-Mitte machte er damals den ersten Test: Er klingelte bei Nachbarn, erklärte seine Idee und fragte nach ihren Email-Adressen. Fast alle rückten sie heraus, einige von ihnen gleich zwei. Vollmann war erstaunt über diese Offenheit und setzte ein Open-Source-Social-Netzwerk auf. Das Netzwerk wird auch heute noch von seinen Nachbarn genutzt und hat mittlerweile rund 100 Mitglieder. Sie verabreden sich darüber zu Laufgruppen, organisieren Straßenfeste oder warnen vor Einbrechern.

Der Test lief gut, doch Vollmann begrub seine Pläne schließlich. „Ich hatte nicht genug Mut. Und mir hat ein Mitgründer gefehlt, der ebenfalls für die Idee brennt“, erzählt er. Aber: „Mich hat die Idee auch in meiner Zeit bei Researchgate nie wirklich losgelassen.“ Also bastelt Vollmann heute – fast zweieinhalb Jahre später – wieder an dem Netzwerk. Den Mut hat er mittlerweile gefunden – und einen leidenschaftlichen Mitgründer: Till Behnke (36), Gründer der Berliner Spendenplattform Betterplace. Auch Matthes Scheinhardt, Ina Brunk, Sven Tantau und Christian Vollmanns Bruder Michael Vollmann gehören zum Gründerteam.

Das Vernetzen über Nebenan.de soll anders funktionieren als bei großen sozialen Netzwerken wie Facebook: Nachbarn treffen sich in vielen geschlossenen Gruppen, je nach Kiez. „Es geht darum, eine geschlossene Community zu haben, bei der ich weiß, dass da wirklich nur meine Nachbarn dabei sind“, betont Vollmann. Liken, teilen oder Freunde hinzufügen wie bei Facebook kann man auf Nebenan.de nicht.

Damit tatsächlich nur Anwohner in den passenden Gruppen landen, sollen die Mitglieder aufwändig geprüft werden. „Meldet sich ein Nachbar bei uns an, muss er seinen vollen Namen und Adresse angeben. Zur Verifizierung schicken wir dann eine Postkarte mit dem Zugangscode an seine Adresse“, erklärt Mitgründer Behnke. Jedes geprüfte Mitglied könne dann weitere Nachbarn nur mit ihrer Email-Adresse einladen. Angemeldete bekämen dann über einen Newsfeed aktuelle Posts ihrer Nachbarn angezeigt. In Kategorien wie „Leihen“, „Helfen“, „Sicherheit“ oder „Event“ können sich Nachbarn dann zu bestimmten Themen austauschen.

Vollmann betont, dass Nebenan.de ein Social-Impact-Business sei, weil es einen „Effekt auf das Every-Day-Life der Nutzer hat“. Für ihn ließen sich die sozialen Netzwerke in drei Gruppen aufteilen: Facebook für Freunde, LinkedIn oder Xing für Geschäftspartner und eben Nebenan.de für Nachbarn. Vollmann und Behnke folgen also dem Trend der Hyperlokalisierung – in den USA boomen Nachbarschaftsnetzwerke wie Nextdoor schon seit Jahren.

Auch in Deutschland ist Vollmann nicht der erste mit einem solchen Portal. WirNachbarn-Gründer und CEO Philipp Götting ging beispielsweise mit der Beta-Version seiner Webseite im Oktober 2014 live. Seit Februar gibt es eine WirNachbarn-App und allein in Berlin sollen bereits 100 Nachbarschaften vertreten sein. Das im März gestartete Portal Nachbarschaft.net hat nach eigenen Angaben bereits 20.000 Nutzer. Weiter gibt es noch das LokalPortal, das Nachbarn vernetzen will. Der Wettbewerb hat außerdem bereits erste Opfer gefordert: Das Hamburger Startup Niriu hatte es nicht geschafft, sich zu finanzieren und wurde Anfang 2015 abgeschaltet.

Anzeige
Bisher finanziert Vollmann Nebenan.de aus eigener Tasche. Er und Behnke zahlen sich deswegen kein Gehalt. Für die Nutzer soll die Plattform dauerhaft kostenfrei bleiben. Langfristig soll Werbung lokaler Einzelhändler Geld in die Kassen spülen. Die beiden Gründer wollen aber auf keinen Fall Facebook-typische Banner integrieren: „Nehmen wir als Beispiel eine Jungdesignerin aus der Nachbarschaft“, versucht Behnke die Vision zu verdeutlichen. „Wenn diese Designerin ihre erste Kollektion launcht oder einen Ausverkauf macht, dann hat es für sie eine riesige Wirkung, wenn sie mit einem Post in unserem Netzwerk 3.000 Menschen aus der Umgebung auf einmal erreicht.“

Aktuell suchen Vollmann und Behnke nach Investoren. „Unser primäres Ziel ist es, mit einem guten Produkt einen realen Nutzen für möglichst viele User zu schaffen. Wenn wir erst einmal genügend Nutzer haben, werden wir auch Wege der Monetarisierung finden, die einen Mehrwert für die Nachbarschaft darstellen. Das ist unser Anspruch“, fasst Vollmann zusammen.

Wenn Nebenan.de im Juli startet, können zunächst nur ausgewählte Nachbarschaften aus Berlin teilnehmen. Ab Oktober soll es Nebenan.de dann in ganz Deutschland geben.

Das Team von Nebenan.de

Bild: Nebenan.de / Hannah Loeffler für Gründerszene