Dass ein Bankchef sich mehr Fintechs wünscht, kommt nicht alle Tage vor. Der Comdirect-CEO Arno Walter hat es im Gründerszene-Interview getan. Durch Kooperationen mit den Startups will er vermeiden, dass die Commerzbank-Tochter in Zukunft Trends verschläft. Die Direktbank arbeitet dafür bereits mit Fintechs wie Gini oder Wikifolio zusammen. Erst kürzlich ist die Social-Trading-App Top Trade dazugekommen.

Nun geht die Comdirect noch einen Schritt weiter. In einer sogenannten Startup Garage können sich Gründer ab heute mit ihren Ideen bewerben. Drei Monate lang dürfen sie dann mithilfe der Bank experimentieren.

Im Gründerszene-Interview erklärt Arno Walter, was hinter dem Förderprogramm steckt – und warum er keine Angst vor der jungen Konkurrenz hat.

Herr Walter, wenn Sie einem Medium ein Interview geben, steckt dahinter eine Kommunikationsstrategie. Wen wollen Sie mit einem Gründerszene-Interview erreichen?

Wir wollen zeigen, dass wir in Fintechs ganz klar eine Chance sehen. Die Comdirect ist mittendrin und bietet sich als Partner an. Und wir wollen den Standort stärken, denn Deutschland droht schon wieder ins Hintertreffen zu geraten.

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Wie genau meinen Sie das?

Trotz des Hypes ist die Gesamtzahl der Fintechs noch zu gering. In einem Zeitungsbericht war kürzlich von 75 Startups die Rede. 50 in Berlin und der Rest in Hamburg und Frankfurt – das ist vergleichsweise wenig. In anderen Ländern gibt es deutlich mehr Bewegung.

Die Comdirect kooperiert bereits mit Startups wie Top Trade und Cashboard. Ist Ihre Bank nicht innovativ genug und benötigt deswegen die Unterstützung von Startups?

Im Gegenteil. In den vergangenen beiden Jahren haben wir Preise für unsere Innovationen bekommen. Aber ich glaube, dass wir als Bank einen anderen Blick auf Trends und das Banking haben. Wir müssen außerdem nicht alles selber entwickeln, das ist sicher auch eine Frage der Kapazität. Beispielsweise ist die Comdirect in Deutschland die erste Adresse fürs Trading. Auf der anderen Seite kam mit Top Trade eine tolle Idee bei uns auf den Tisch. Die Frage ist dann: Setzt du dich als Bank hin und machst das alles selber? Oder arbeitest du mit einem Startup zusammen – und steuerst als Bank das Know-how und die Kundenbasis bei? Die Zukunft liegt darin, dass wir als Bank ein Ökosystem für Fintechs bieten wollen. Wenn es eine tolle Idee im Markt gibt, warum sollten wir die nicht aufgreifen?

Was bieten Sie den Fintechs, mit denen Sie bereits kooperieren?

Wir können ihnen den Zugang zu drei Millionen Kunden bieten. Und wir haben schon erfolgreiche Kooperationen mit Fintechs gestartet – sie kommen also zu einer Bank, die eine digitale DNA hat. Außerdem ist alles rund ums Bankgeschäft regulatorisch nicht ganz einfach. Unsere Experten haben umfassendes Wissen rund um Banking und Kundenwünsche und können hier wertvolle Einblicke geben.

Manche Kooperationen gehen auch schief. Mit Lendstar, die gerade in der TV-Show „Höhle der Löwe“ Geld bekommen haben, war schon nach wenigen Monaten Schluss. Wie man hört, ging es dabei um Datenschutzprobleme. Was lief schief?

Es wäre vermessen zu glauben, dass alle Kooperationen funktionieren. Wir hatten eine unterschiedliche Auffassung bei einigen Punkten, eine andere Vorstellung, wie wir das Geschäftsmodell ausgestalten. Das kann passieren. P2P-Payment finde ich weiterhin interessant. Aber es hat mit Lendstar und uns nicht gepasst. Das gehört aber eben dazu, Sachen auszuprobieren und sie auch zu lassen, wenn es nicht passt. Letztlich geht es ja immer darum, für den Kunden die beste Lösung zu finden.

Glauben Sie, dass die Startups eigenständig zur Gefahr für Sie als Direktbank werden können?

Ich würde jetzt nicht sagen, es gibt gar keine Gefahr. Am Ende kommt immer einer, der etwas völlig Neues auf den Markt wirft. Das kann alles noch passieren, die Fintech-Branche ist ja noch recht jung. Es gibt ein paar Startups, die uns direkt angreifen, aber da fühlen wir uns ganz gut gewappnet. Denn die Fintechs bringen zwar viele neue Ideen, denken konsequent an den Konsumenten und sie sprechen die Zielgruppe richtig an. Aber geht es darum, in die Breite zu gehen, dann fehlen ihnen Kunden, dann fehlt ihnen Masse und Marktzugang. Da sehen wir die Chance für eine Partnerschaft.

Aber: Am Ende hat Nokia auch nicht gedacht, dass Apple mit seinem iPhone so erfolgreich sein könnte. Vielleicht kommt jemand nächstes Jahr auf eine Idee, die wir alle noch nie gesehen haben. Wir glauben jedoch, wir sind so aufgestellt, dass wir es möglichst früh mitbekommen.

Wie genau greifen die Fintechs ihr Geschäft an?

Es gibt einige wenige Fintechs, die in Kooperationen den Kundenkontakt komplett an sich ziehen. Diese bieten zum Beispiel selber ein Konto an, und sagen: Du brauchst eigentlich keine andere Bank. Interessanterweise ist immer einen Bankpartner im Hintergrund. Nach unseren Recherchen machen diese Startups derzeit nur einen kleinen Teil aus. Der überwiegende Teil der Startups ist auf der Suche nach Kooperationen.

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Und auch von unseren Angreifern können wir lernen. Anfang des Jahres wurde das Startup Number26 viel in der Presse erwähnt: Die App hat wirklich einen einfachen und schicken Kontoeröffnungsprozess. Den haben wir in fünf Monaten intern auch gebaut. Das können wir heute mindestens genauso gut.

In welchen Bereichen können Startups den Bankbetrieb weiter digitalisieren?

Vor zwei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass man mit dem Smartphone eine Rechnung abfotografieren kann und die Daten automatisch übertragen werden. Jetzt kooperieren wir mit Gini und bieten unseren Kunden mit SmartPay genau das an. Ich denke mal, dass es verschiedene Convenience-Themen geben wird. Lösungen für Kunden, die Bankprozesse als umständlich empfinden. Wenn ich alles wüsste, bräuchten wir die Startup Garage nicht. Ich bin Banker, auch wenn ich schon lange digital unterwegs bin, habe ich einen anderen Blick als jemand, der beispielsweise Philosophie studiert hat.

Was hat es mit der Startup Garage auf sich?

Wir setzen mit unserer Startup Garage für Gründer in einer sehr frühen Phase an. Wenn Leute eine Idee haben und Geld und Räume brauchen, um erst einmal loszulegen. Die drei Teams, mit denen wir starten wollen, können sich untereinander auch gut vernetzen. Heute startet die Bewerbungsphase.

Wie viel Geld bekommen die Teams von der Bank?

Die Teams können bis zu 10.000 Euro zum Beispiel für Marktforschung erhalten. Und natürlich bekommen sie die Infrastruktur gestellt, etwa Räume und PCs. Anteile wollen wir keine. Und machen den Startups damit klar, dass die Ideen ihnen gehören.

Sitzen die Startups bei Ihnen in Quickborn?

Sie sitzen in Hamburg, ich kann mir auch vorstellen, dass es dort für die Startups eine etwas nettere Umgebung ist als Quickborn. In Großstädten fühlen sich die Fintechs schließlich zuhause. Und dennoch wird es natürlich auch einen regen Austausch vor Ort mit uns geben, denn die Wege sind kurz: Von Quickborn nach Hamburg brauchen Sie gerade mal eine halbe Stunde.

Was ist das Kalkül dahinter?

Wenn die Fintechs nach drei Monaten gut performen, reden wir gerne über eine Partnerschaft. Aber das ist kein Muss. Wichtig ist uns, dass sie merken: Wir ticken ähnlich wie ihr.

Bild: Comdirect