CommerzVentures

Viel verschlafen

Der 16. Mai 2007 ist ein kaum bekanntes, aber überaus interessantes Datum in der deutschen Finanzwirtschaft: An diesem Tag eröffnete die Wirecard Bank als erstes deutsches Institut eine Filiale in der virtuellen Online-Welt Second Life. Modernisierung, so schien es, hielt endlich auch bei den Geldhäusern des Landes Einzug.

Leider war jener Frühlingsmittwoch, überspitzt ausgedrückt, wohl auch das Datum, an dem die Geschichte der Modernisierung der deutschen Bankenwelt auch ihr vorläufiges Ende fand. Man mag es der Bankenkrise zuschreiben, die sodann begann: Bis heute ist der Umgang mit dem lieben Geld nicht gerade kundenfreundlich, er ist meist unnötig umständlich und macht, kurzum, einfach keinen Spaß.

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Und das bei all den heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten! Denn eigentlich ist Bankgeschäft bestens geeignet für moderne „Darreichungsformen“: Da es – vom Bargeld-Abheben einmal abgesehen – durchweg digital ist, stehen die notwendigen Daten überall zur Verfügung. Und das, zumindest theoretisch, sogar in Echtzeit.

Das auszunutzen haben die hiesigen Institute allerdings in großem Stil verschlafen: Warum, bitteschön, kann das Online-Banking auch im Jahr 2014 noch nicht übersichtlich anzeigen, wo mein Geld eigentlich hin geht? Wieso ist Geldanlage so unendlich kompliziert? Und warum kann ich Geld nicht in Echtzeit überweisen? Wer sich BIC und IBAN ausgedacht hat, gehört – nun ja… PDF-Formulare ausfüllen und per Post an die Bank schicken ist nicht mehr zeitgemäß, schon seit Jahren nicht mehr. Was aus Kundensicht reibungslos verläuft, ist allenfalls regelmäßig Reklame im Briefkasten zu finden.

In den vergangenen Jahren wurden die Banken wachgerüttelt: Angefangen beim Bezahldienst Paypal über Startups wie den (Bank-)Kunden-Bewerter Kreditech oder den „Girokonto 2.0“-Antreiber Avuba bis hin zu den Kreditmarktplätzen Auxmoney oder Zencap haben den Banken gezeigt, wie modernes Bankgeschäft aussehen kann. Und sollte. All das ist freilich erst der Anfang, FinTech boomt, seit Monaten bereits. Die Bankenwelt schreit geradezu nach Disruption. Und die Institute? Die schauen weitestgehend zu.

Als eine der ersten Großbanken will die Commerzbank nicht mehr am Spielfeldrand stehen, bereits im Frühjahr startete sie ihren Main-Incubator, vor wenigen Wochen gab es ein erstes Investment in den B2B-Bezahldienst Traxpay. Nun will das Institut mit dem neu gestarteten Beteiligungsarm CommerzVentures noch näher an die FinTech-Szene rücken. „Wir wollen uns inspirieren lassen“, sagt ein Sprecher gegenüber Gründerszene. Dabei ist der Anfang noch recht zaghaft: Eine Handvoll Mitarbeiter habe die neue Venture-Tochter zunächst, ist aus dem Unternehmensumfeld zu hören. Immerhin: Mit dem bisherigen T-Venture Geschäftsführer Patrick Meisberger und Stefan Tirtey von Doughty Hanson Technology Ventures sitzen zwei Manager an der Spitze, die sich in der Szene auskennen.

Wie viel Geld man pro Jahr investieren möchte und wofür genau, verrät die Commerzbank nicht. Nur so viel: In „marktreife“ Unternehmen mit einem vorzeigbaren Produkt wolle sie investieren, dem Vernehmen nach zwischen zwei und fünf Millionen Euro pro Engagement. Damit macht CommerzVentures dort weiter, wo der gruppeneigene Inkubator aufhört – sicher auch, weil das schnellere Ergebnisse liefert.

Bis die Commerzbank – und mit ihr hoffentlich irgendwann die gesamte Kreditwirtschaft – wirklich im „Digitalzeitalter“ angekommen ist, wird sicherlich noch ein Weilchen vergehen. Das schafft Chancen für die Startup-Szene. Weil ihr die Banken durch das eigene Verschlafen eine ideale Vorlage für verschiedenste Geschäftsmodelle liefern. Weil die Institute offenbar Willens sind, Geld zu investieren. Weil sie in der Zusammenarbeit Zugang zu einer großen Zahl an Kunden gewähren können – ein Bankkonto hat schließlich jeder. Und weil sich, wer weiß, vielleicht sogar ein lukrativer Exit-Kanal eröffnet. In jedem Fall ist es gut, dass nun ein Anfang gemacht scheint. Besser noch wäre es, wenn die Commerzbank schnell Nachahmer findet.

Bild: Commerzbank AG