Bernhard_Schulz

Jura-Student Bernhard Schulz

Erst vor wenigen Tagen meldete sich der ehemalige Kreditech-Chef Sebastian Diemer mit neuen Startups aus der Auszeit zurück. Eines davon: Wirkaufendeinenflug. Das Startup zahlt bei verspäteten oder annullierten Flügen Teile der Entschädigungssumme sofort an die Passagiere aus. Bis zu 400 Euro verspricht das Unternehmen unzufriedenen Fluggästen. Innerhalb von 48 Stunden soll das Geld da sein. Eine offene Beta-Version gab es seit Mitte Januar, Anfang dieser Woche ging es richtig los.

Nach demselben Prinzip arbeitet Compensation2go, das seit Ende Januar online ist. Der Gründer ist Bernhard Schulz, Jura-Student, 20 Jahre alt aus Hamburg. Auch er kauft Fluggästen ihre Ansprüche ab und zahlt bis zu 400 Euro sofort aus. Und das sogar innerhalb von 24 Stunden. Von der Differenz – die Airlines erstatten bis zu 600 Euro – finanziert er sein Startup. Konkurrenten wie Flightright zahlen das Geld erst, wenn der Fall durchgefochten ist. Das kann im schlimmsten Fall Monate oder sogar Jahre dauern, denn die Airlines zahlen nur widerwillig.

Gründer Schulz sagt, es sei Zufall, dass innerhalb von so kurzer Zeit gleich zwei sehr ähnliche Hamburger Flugrecht-Startups losgelegt haben. Wirkaufendeinenflug-Mitgründer Konstantin Loebner bestätigt das. Der Markt habe schließlich danach geschrien, sagt Loebner auf Nachfrage von Gründerszene.

Ein Algorithmus prüft die Ansprüche

Die Idee zu dem Dienst sei Schulz Anfang des Jahres gekommen, innerhalb von 25 Tagen habe er Webseite und Algorithmus aufgebaut. Denn auch in IT-Sachen kennt sich Schulz nach eigener Angaben aus: Zusammen mit Patrick Häde, einem Kommilitonen, ist er der Geschäftsführer einer Web-Agentur. Bei Compensation2go übernimmt Häde das Marketing. Nun sei geplant, weitere Mitarbeiter einzustellen.

Der Algorithmus des Startups prüft die Ansprüche automatisch. Die Eingaben der Fluggäste werden etwa mit dem Wetter oder Presseartikeln abgeglichen, denn bei Unwetter oder Streik besteht kein Anspruch auf Entschädigung. Das System spricht dann eine Empfehlung aus und zeigt an, wie wahrscheinlich die Durchsetzung der Forderung ist. Zu diesen Empfehlungen muss Schulz eingereichte Unterlagen wie Boardingpässe oder Buchungsbestätigungen händisch prüfen.

Fünf Niederlagen bei 100 Fällen

Gibt es keine Ungereimtheiten, generiert das System automatisch eine Mahnung und schickt diese an die Airline. Wenn das Unternehmen nicht reagiert – was die Regel ist –, geht die Akte an eine Kanzlei in Berlin. „Die außergerichtliche und gerichtliche Durchsetzung führen wir selbst nicht durch. Im Falle eines Prozesses müssen wir aber die damit verbundenen Kosten vorfinanzieren“, erklärt Schulz. Eine Niederlage müsse das Startup nach Branchen-Zahlen in fünf von 100 Fällen einstecken. Dann bleibt es auf den Kosten sitzen. Wie viele Forderungen Compensation2go bislang entgegen genommen hat, will Schulz nicht verraten.

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Das überschaubare Ausfallrisiko komme Compensation2go bei der Finanzierung zugute: Bei den derzeitigen Zinssätzen falle es nicht schwer, Interessenten für das Projekt zu finden, sagt der Gründer. Einige Business Angels seien demnach bereits an Bord. Doch: „Das Modell ist sehr kapitalhungrig. Wenn man 1.000 Forderungen kaufen möchte, muss man mindestens 250.000 Euro aufwenden.“ Die benötigte Finanzierungssumme für ein Jahr dürfte also sehr hoch ausfallen. „Unser Vorteil ist, dass wir klein anfangen und das Kapital jetzt sukzessive aufbauen können. Das funktioniert nach derzeitiger Erfahrung schon ganz gut.“

Bild: Bernhard Schulz