Acht der zwölf Conject-Gründer im Jahr 2005

Viele Branchen in Deutschland hinken bei der Digitalisierung hinterher – mit am schlechtesten steht es aber um die Baubranche. Dabei kommt einer der Marktführer die Digitalisierung von Bauprojekten aus München: Conject, vor 16 Jahren gegründet, vor zwei Wochen verkauft – für 65 Millionen Euro.

Mit der Conject-Plattform lassen sich Bauprojekte organisieren. Man kann das mit der digitalen Patientenakte vergleichen. An einem Ort werden sämtliche Informationen zu einem Projekt gespeichert: welche Firma welche Materialien geliefert hat, was wo von wem verbaut wurde, wo Änderungen vorgenommen wurden. So kann der Bauprozess effizient nachvollzogen und gesteuert werden. Aber auch Jahre nach der Fertigstellung kann die digitale Akte helfen: Steht ein Umbau an, stehen alle Informationen zum Gebäude an einem Ort in der Cloud zur Verfügung. Böse Überraschungen, weil zum Beispiel nicht alle verlegten Stromleitungen sauber dokumentiert wurden, können so vermieden werden.

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Auch wenn das alles einleuchtend klingt – im Frühjahr 2000 schienen die Erfolgschancen für Conject äußerst gering: Kurz nach der Gründung platzte die Dotcom-Blase. Welcher Bauherr würde jetzt zusätzlich Geld in die Hand nehmen, um mit digitalen Technologien aufzurüsten? Und dennoch, für Conject war es der Beginn einer bemerkenswerten Erfolgsgeschichte.

Eine der ersten Entscheidungen, die das Conject-Kernteam aus dem Mathematiker Martin Reents und Physiker Gernot Overbeck trifft, ist eine ungewöhnliche – und richtige. Sie suchen sich ein Gründerteam von sage und schreibe zwölf Leuten zusammen, deutlich mehr als die in Deutschland üblichen zwei bis drei Gründer.

Die zusätzlichen Gründer, sieben Männer und drei Frauen, suchen sich Reents und Overbeck im Freundes- und Bekanntenkreis zusammen. So bekommen sie das Know-how zusammen, das ihnen noch fehlt: IT, Immobilien- und Bauwesen, kaufmännisches Wissen und Beratung. Alle sind etwa Anfang 30, alle geben ihre gut bezahlten, festen Jobs auf.

Philip von Ditfurth ist damals Finanzvorstand. Vier Jahre nach der Gründung blickte er in einem Interview mit der Welt zurück: „Wir konnten bewusst typische Fehler eines Startups vermeiden. Wir konzentrierten uns nicht auf aufwändige Marketing-Aktionen, sondern auf die Produktentwicklung und den Aufbau eines kleinen aber effizienten Vertriebsteams.“

Schon im Juni 2000 investiert der VC Earlybird und mehrere Business Angels, sie sichern Conject nicht nur finanziell ab. „Das half uns auch enorm in der Außenwahrnehmung“, erzählt der jetzige CFO Cesar Flores, ebenfalls Gründungsmitglied, im Gespräch mit Gründerszene.

Cesar Flores war von Anfang an dabei

Mit dem Investor im Rücken arbeitet das Team intensiv daran, den Kontakt zur Bauindustrie herzustellen. In München wird eine Wohnung angemietet, die als Büro und Matratzenlager dient, während das Team sieben Tage die Woche von einem Networking-Event zum nächsten tingelt. Daneben arbeiten sie am Produkt, im September 2000 ist es marktreif.

Und das Networking zahlt sich aus. Das erste große Leuchtturmprojekt, das mit dem Tool von Conject gemanagt wird, ist das BMW-Werk in Leipzig; der erste große Kunde ist die Planungsgesellschaft Obermeyer.

Zwei Jahre nach Gründung arbeitet Conject nach eigenen Angaben schon profitabel. Gleichzeitig wird investiert, zwei Software-Unternehmen werden übernommen. Dadurch kann Conject auch Software für das Kosten- und Facility-Management anbieten. Das Basisprodukt wird gleichzeitig ständig weiter entwickelt. In den ersten Jahren bringt das Team alle drei Monate eine neue Version heraus, auch, um Kunden langfristig zu binden. Wer einmal mit der Plattform gearbeitet hat, soll dabei bleiben. Das scheint zu funktionieren.

2008 kommt ein zweiter VC als Investor hinzu: Seventure Partners. Jetzt geht es um die Internationalisierung. Dafür wird der größte britische Konkurrent BIW im Jahr 2010 übernommen. Conject ist jetzt Marktführer für Immobilien-Lebenszyklus-Management in Europa. Zu diesem Zeitpunkt liegt der Umsatz bei bei zwölf Millionen Euro, an den Standorten Wien, Dubai, Sankt Petersburg, Duisburg, Dresden und München werden fast 90 Mitarbeiter beschäftigt.

Heute werden Bauprojekte in 50 Ländern mithilfe der Plattform durchgeführt. Deshalb ist sie in zwanzig Sprachen erhältlich, darunter Arabisch, Chinesisch und Russisch-Kyrillisch.

Mit Aconex übernimmt nun ein Wettbewerber das Münchner Unternehmen, das inzwischen 210 Mitarbeiter beschäftigt. Die Australier haben in Europa noch keinen Fuß fassen können, die Akquisition sichere Aconex die europäische und weltweite Marktführung, wie Leigh Jasper, CEO von Aconex, mitteilen lässt.

„Es ist davon auszugehen, dass durch die Übernahme wachstumsorientierte Veränderungen stattfinden werden“, sagt Cesar Flores, der CFO. Wie diese aussehen werden, darüber könne man so kurz nach Vertragsschluss nur spekulieren. Mit der Akquisition sei er zufrieden, sagt er. Welchen neuen Posten er erhalten werde, sei allerdings noch nicht klar. Das Interview mit Gründerszene musste er sich von der neuen Chefriege genehmigen lassen.

Für Flores war es aber schon bis hierhin eine lange und erfolgreiche Reise: Zusammen mit Frank Weiß ist er einer der beiden einzigen der zwölf Gründer, die bis heute an Bord geblieben sind.

Bild: Conject