Copycat, Innovation, 6Wunderkinder, Lukasz Gadowski

Normalerweise verfasse ich Artikel bei Gründerszene stets in der dritten Person und vermeide es, Meinungen oder Geschmacksurteile zu veröffentlichen. Faktenbasierte Bewertungen sind der Maßstab, an dem Gründerszene sich stets messen will, doch ein Artikel im Blog von Lukasz Gadowski veranlasst mich heute, auch einmal ein paar Gedanken zu teilen, die mehr auf Erfahrungen und dem Austausch mit Gründern und Investoren basieren und die ich schon länger in der Szene teilen wollte.

Innovation vs. Copycats

Über eine “Assoziale Hetzkampagne von 6Wunderkinder in der Berliner Startup-Szene” beklagt sich Lukasz in seinem Post und spricht dabei über Schmähungen, die er aus dem Umfeld des To-Do-Listenherstellers 6Wunderkinder (www.6wunderkinder.com) auszuhalten hat. Ich weiß nicht, was dort genau vorgefallen ist, aber da Lukasz auch nicht auf den Mund gefallen ist, wird er es sicher verstehen, sich zu wehren. Auch ich habe einiges an Negativstimmungen aus dem Lager verschiedener angesagter Startups vernommen, möchte mich aber nicht auf diese Streiteren beziehen, sondern vor allem zum Thema Copycat vs. Innovation etwas schreiben.

Zumal Lukasz über Team Europe (www.teameurope.net) nicht nur Investor von Gründerszene ist, sondern auch zu meinen Freunden zählt, können wir aufgrund der stets vermuteten Abhängigkeit bei den Reaktionen selten mehr als einen Blumentopf gewinnen, wenn wir ihm beipflichten oder über eines seiner Startups berichten. Doch das soll mich an dieser Stelle nicht abhalten, ihm beizupflichten. In seiner offenen und unverblümten Art hat er ein paar Punkte adressiert, die mich auch schon seit längerem begleiten und die ich immer schon mal am Rande eines Posts unterbringen wollte.

Hetze gegen Copycats ist plumpe Propaganda

Auch mir ist der 6Wunderkinder-Blogpost mit dem bescheidenen Titel “Founders STAND UP! The anti-copycat revolution starts now” (ich verlinke diesen bewusst nicht, weil ich solche unfundierte Propaganda nicht mit einem Link unterstützen möchte) in gewisser Weise aufgestoßen. Einerseits finde ich Titel und Inhalt gleichermaßen populistisch und anmaßend. Mal abgesehen davon, dass es dem Ganzen an einer gewissen Demut fehlt, sind sowohl die Autoren als auch viele der dort Gelisteten Copycats par excellence. Andererseits mag ich dafür den Gedanken, durch die Anregung zu mehr Innovation, die deutsche Szene als Ganzes voranzutreiben.

Was ich hingegen nicht mag, ist die Hetze und der negative Vibe, die mit der Schaffung des dort entstehenden Feindbilds (Copycats) einhergehen. Jochen Krisch hat in einem Artikel zur Onlinestrategie von MediaMarkt einen Satz verfasst, der sich auf diese Situation exzellent übertragen lässt: “[…] wer sich nicht mehr für, sondern nur noch gegen etwas positionieren kann, der hat eigentlich schon verloren.” Gegen Copycats zu hetzen ist eben allzu einfach.

Mal jenseits des negativen Anstrichs und der populistischen Unschärfe der Anti-Copycat-Argumentation, die meiner Meinung nach dringend einer differenzierteren Betrachtung bedarf, verstehe ich den darauf erfolgten Post von Lukasz daher auch als einen Aufruf, sich FÜR Innovation und nicht GEGEN Copycats auszusprechen. Denn die in der Szene verbreitete Meinung von Copycats als deutsches Übel ist ein Bild, das gleichermaßen schief, wie in diesem Kontext auch populistisch ist. Ich möchte dazu meine Gedanken gerne teilen, denn auch ich bin früher wesentlich copycat-kritischer durch die Welt gegangen, habe meine Meinung aber in mancherlei Hinsicht geändert.

Kopieren ist nicht gleich Kopieren

Um etwas Klarheit zu schaffen: Für mich ist Kopieren nicht gleich Kopieren. Von Rocket Internet (www.rocket-internet.de) wurde mir immer als eine Art Rechtfertigung für Copycats entgegen gebracht, dass der Italiener um die Ecke dann wohl auch ein Copycat des ersten Restaurants sein müsse. Und ich glaube es war Ehssan Dariani, der einmal meinte, dass BMW dann jedes Jahr auch Tausende von Copycats baut. Und zugegeben: Derjenige von euch, der sich im Baumarkt mal einen Schlagbohrer gekauft und anschließend naserümpfend gedacht hat, was das doch für ein dreistes Copycat der ursprünglich 1895 gemachten Erfindung sei, möge sich melden.

Es soll nun nicht darum gehen, das Kopieren von Ideen in irgendeiner Form moralisch zu rechtfertigen, der Kern dieser Argumente hier ist zum einen, dass es Ideen gibt, die so generisch sind, dass es absurd ist, sie bei mehrfachem Auftreten als Kopien zu bezeichnen. Zum anderen deutet sich daraus aber auch an, dass es am Ende des Tages auf die Umsetzung (die “Execution”) ankommt.

Meiner Meinung nach, gibt es auch so etwas wie gute Copycats und schlechte Copycats. Wenn Rocket Internet mit Zalando (www.zalando.de) weltweit ein E-Commerce-Schlachtschiff aufbaut, ist es absurd, dieses als Copycat von Zappos (www.zappos.com) abzustempeln (auch wenn mir mehrfach zugetragen wurde, dass sich bei Zalando anfangs intensiv am US-Vorbild orientiert wurde). Dabei handelt es sich vielmehr um operational Excellence in zahlreichen Bereichen wie Logistik, Online-Marketing oder IT-Skalierung. Mit dem von den Team-Europe-Machern gegründeten Spreadshirt (www.spreadshirt.net) liegt wohl ein ähnlicher Fall vor: Auch hier gab es mit Cafépress (www.cafepress.com) mehr oder minder ein US-Vorbild, wenn ich mich nicht täusche, doch die Umsetzung von Spreadshirt krempelte den gesamten deutschen Markt um und schuf einen Mass-Customization-Trend, aus dem innovative Unternehmen wie MyMuesli (www.mymuesli.com) hervorgegangen sind.

Kopiert der Samwer-Inkubator hingegen mit DealStreet (www.dealstreet.de) quasi eins zu eins den Münchner Anbieter Swoopo (www.swoopo.de), würde ich das ein schlechtes Copycat nennen, obwohl sogar hier einiges an Anpassungen erfolgt ist, bis hin zum konsequenten Offlinegang bei Nichterfolg. Team-Europe-Kritiker können meinethalben auch StudiVZ (www.studivz.net) als Beispiel heranziehen, wenn es ihnen beliebt.

Kopieren und Innovation schließen sich nicht aus

Die wenigsten mögen es gerne hören, doch aus unternehmerischer Perspektive haben Gründer wie die Samwers das richtige Vorgehen gefunden: Sie scouten Modelle, suchen gute Teams und konzentrieren sich dann vollständig auf exzellente Operations. Dass sie mit ihrer Art dabei wohl keinen Karma-Preis gewinnen und einiges womöglich auch nicht nachhaltig sein mag – ich erinnere etwa an die Entlassungswelle bei CityDeal nach dessen Exit an Groupon – steht freilich auf einem anderen Blatt.

Vor allem darf an dieser Stelle auch mal gesagt werden, dass während sich Unternehmen wie 6Wunderkinder oder Amen (www.amenhq.com) dieser Tage von Interview zu Interview hangeln, aber keinen Cent Geld verdienen, die Samwers in Sachen Pressearbeit gar nichts unternehmen. Sie scheffeln dafür aber Millionen von Euros. Es seien jedem Startup seine 15 Minuten Ruhm von Herzen gegönnt, aber das richtige Geld verdient am Ende eben jener, der sich auf die wirkliche Innovation konzentriert: Operations im Tagesgeschäft statt lautes Getrommel.

Überhaupt leisten Company-Builder (so nennen sich Inkubatoren jetzt lieber) und Copycats einen wichtigen Beitrag für das Internet-Ökosystem. Rocket Internet, Holtzbrinck Ventures (www.holtzbrinck-ventures.com) oder Team Europe – perspektivisch sind hier vielleicht auch Springstar (www.springstar.com), Hanse Ventures (www.hanse-ventures.de), HackFwd (www.hackfwd.com), Found Fair Ventures (www.foundfair.de) und andere zu nennen – haben tausende von Jobs geschaffen, lassen fundiertes Knowhow in die Szene diffundieren, ziehen Investitionssummen sowie Human-Capital an und stärken das Ökosystem als Ganzes.

Was die meisten nicht vergessen sollten: Das deutsche Ökosystem trägt Ideen ohne Vorbild auch kaum. Aufgrund geringerer Finanzierungssummen sowie weniger erfahrener Gründer und Investoren ist der Spielraum für Experimente wesentlich kleiner. Dennoch meine ich, ein deutliches Entwicklungspotenzial im europäischen Raum zu erkennen. Gerade Deutschland sieht mehr innovative Modelle dieser Tage, doch das richtige Geld wird nach wie vor mit Unternehmen verdient, die ein Vorbild haben, aber eben kreativ und exzellent umgesetzt werden.

Aber okay, zurück zum eigentlichen Punkt, den Lukasz angestoßen hat und den ich teile. Dass jemand ein Modell kopiert, heißt nicht, dass er deswegen keine Innovationen bereitet. It’s all about execution, darum zählen auch Teams und Ideen sind praktisch nichts wert. Wir stehen wohl alle mehr auf die Twitters und Spotifys dieser Welt, wenn wir gefragt werden – aber dass etwas komplett neu gedacht wird, ist eher die Ausnahme, denn die Regel. Und das ist aber auch überhaupt nicht schlimm, weil Innovation auch und vor allem in der Umsetzung erfolgt, nicht bloß in der Ideenfindung. Und mal so am Rande: Thomas Edison, der als einer der größten Erfinder des letzten Jahrhunderts gilt, hat meines Wissens nach auch fleißig Ideen (unter anderem von Nikola Tesla) aufgegriffen und mit einem ganzen Team umgesetzt. Vielleicht hat Edison so ja einen der ersten Inkubatoren geschaffen.

Dies soll kein Freibrief für Kopisten sein, wohl aber der Hinweis, dass die tägliche Praxis zeigt, dass in der Ideenumsetzung meist das größte Innovationspotenzial steckt – und dies gilt übrigens für kopierte wie originäre Ideen gleichermaßen. Eine originäre Idee ist etwas schönes, das stolz machen sollte, aber es steckt mindestens genauso viel Innovation in der Umsetzung – wenn nicht sogar mehr.

Mir geht es bei der ganzen Thematik nicht um eine Lagerbildung oder die unsachliche Kritik an einem der Beteiligten (ich hoffe jeder der Thematisierten hier versteht dies als eine konstruktive Anregung zur Diskussion), sondern darum, ein Umdenken anzuregen, wenn wir Copycats und Innovationen diskutieren. Ganz so schwarz-weiß ist das Ganze am Ende des Tages ja dann doch nicht. Die Orientierung an Vorbildern setzt ebenfalls Innovation frei und schafft bei guter Umsetzung einiges an Mehrwert für das Ökosystem als Ganzes. Wenn Idee UND Umsetzung innovativ sind, umso besser.

Neben einer Anregung an euch alle, in den Kommentaren auch eure Eindrücke und Gedanken zum Thema zu teilen, möchte ich mit den Worten von Marco Börries schließen, der unter Lukasz’ Post kommentiert hat und dem praktisch nichts mehr hinzuzufügen ist:

Guys, can we all stop this extremely unproductive discussion and focus on what really matters: building great products and businesses and make users really happy!

Bildmaterial: Zaubervogel  / Pixelio.de
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