Bonaverde-Gründer und CEO Hans Stier

Es soll die erste Maschine werden, die frische Kaffeebohnen rösten, mahlen und brühen kann. Seit vier Jahren arbeitet Hans Stier an der Vision, auch durch eine Insolvenz ist er bereits gegangen. Bis heute ist keine Maschine am Markt. „Frustrierend“, sagt Stier. Aber aufgeben will er nicht. Denn er hat noch ein größeres Ziel: Kaffeebauern aus Entwicklungsländern sollen ihre Bohnen über einen Online-Marktplatz an den Endkunden verkaufen können. Das soll ihnen mehr Geld als der normale Handel bringen.

Vor zwei Jahren – nach der Insolvenz seines ersten Startups Kaffee Toro – beschloss der Gründer, die Idee per Crowdfunding zu finanzieren und mit seinem neuen Startup Bonaverde zu verwirklichen. Die besondere Kaffeemaschine kam gut an: Ende 2013 gaben Unterstützer auf Indiegogo und Kickstarter über 800.000 US-Dollar. Auf Seedmatch sammelte das Startup dann im Januar 2015 bei der größten Kampagne noch einmal 1,3 Millionen Dollar ein.

Doch mittlerweile bekommt Stier auch Gegenwind von seinen Geldgebern. Die Kaffeemaschine sollte ursprünglich im Oktober 2014 ausgeliefert werden; das Design ist heute völlig unterschiedlich von dem, das im Kickstarter-Video präsentiert wurde. Das sorgt auf der Plattform für Aggressionen: Finanziers fordern ihr Geld zurück, bezeichnen das Projekt als Zeitverschwendung, das hässliche Wort Betrug fällt.

„Brutale Fehler“

Hans Stier selbst findet, dass seine Kommunikation momentan nicht gut genug ist. „Wir haben tausende Geldgeber und Interessierte auf der Warteliste. Um all die Anfragen zu managen, sind wir einfach zu klein.“ Er sagt: „Natürlich weiß ich, dass das Mist ist. Deswegen schreibe ich jetzt auch wöchentliche E-Mails an alle Supporter.“ Im Februar kürzte der Gründer sein Team von zwölf auf vier Mitarbeiter, weil das Geld knapper wurde. Durch die erste Insolvenz sei er ein gebranntes Kind. „Doch zum Glück gibt es viele, die an uns glauben und uns weiter unterstützen.“ Dazu zählt auch der frühere StudiVZ-CEO Michael Brehm, der Aufsichtsratsvorsitzender bei Bonaverde ist.

Dass Fehler passiert sind, weiß Stier. „Brutale Fehler.“ Aber: Mittlerweile sei eine voll funktionstüchtige Maschine fertiggestellt. Ein Problem hat der Gründer allerdings noch: das Mahlwerk. Es geht zu schnell kaputt, deswegen schafft das Gerät nicht so viele Durchläufe, wie er sich wünscht. „Im Moment sind wir bei etwa 500“, erklärt Stier. „Bei einem Gerät für knapp 400 Dollar müssen das aber deutlich mehr werden. Unser Ziel sind mindestens 3.500.“ Schließlich wolle er keine Kaffeemaschine an die Kunden schicken, bei der er die Rücksendungen bereits absehen könne.

Für Hardcore-Kaffeetrinker oder Büros ist die Maschine damit noch nicht empfehlenswert. Würden in einer kleinen Firma zum Beispiel 20 Kaffee am Tag geröstet, gemahlen und gebrüht, hielte die Maschine etwa ein halbes Jahr.

Das erste (links) und das aktuelle Design der Maschine

Ein Problem, das die Produktion deutlich verzögert hat, war das erste Design der Bonaverde-Maschine. Das hat Stier crowdsourcen lassen – doch die Architekten waren keine Industriedesigner. So stellte sich heraus, dass das Design unfunktional war. Heute sagt Stier, dass er sich mehr Zeit hätte nehmen müssen, um den Entwurf zu prüfen. Er kann verstehen, dass die Kickstarter-Unterstützer sauer sind, dass die Kaffeemaschine heute anders aussieht.

Dann, der Klassiker: Probleme mit dem Zulieferer aus Fernost. Der Partner sei vertragsbrüchig geworden, so Stier. Das hätte das Projekt weitere vier Monate zurückgeworfen. Einerseits habe er das Risiko natürlich gekannt. Andererseits sei kein Geld da gewesen, um in Europa oder den USA produzieren zu lassen. „Das hätte ein Vielfaches gekostet“, so der Gründer. „Hardware entwickeln ist eben verdammt schwierig.“ Auch scheint das Startup zunächst unterschätzt zu haben, wie kompliziert das Rösten einer Kaffeebohne ist. Stier erklärt, jede Sorte brauche unterschiedliche Zeiten und Temperaturen. Ein Gerät zu entwickeln, bei dem der Kunde die Metriken leicht einstellen kann, sei nicht einfach gewesen.

Crowdfunding als Marketing

Ist es überhaupt ratsam für Startups, Hardware-Entwicklung durch Crowdfunding finanzieren zu wollen? Die Liste der Gescheiterten ist lang. Kosten geraten schnell außer Kontrolle, da häufig die Expertise in der Prototyp-Entwicklung fehlt, auf die beispielsweise Konzerne leicht zugreifen können. Schon ein Planungsfehler, ein Rückschlag, kann bedeuten, dass die finanziellen Mittel ausgeschöpft sind.

Abschreckende Beispiele wie das Ende des Münchner Hardware-Startups Vibewrite bringen Crowdfunding gar in Verruf. So nutzen einige Gründer mittlerweile die Kampagnen lieber für ihr Marketing. Sie starten das Funding, wenn ihr Produkt nahezu fertig ist – und sie Aufmerksamkeit erregen wollen. So auch das Münchner Unternehmen Tado, das intelligente Thermostate entwickelt. Für das zweite Produkt des Startups, eine Klimaanlagen-Steuerung, launchte Tado eine Kickstarter-Kampagne, um international bekannter zu werden. Das große Geld für die Entwicklung wirbt es aber lieber bei Investoren an – seit dem Start 2011 etwa 30 Millionen Euro.

Die Finanzierung über Investoren hatte bei Hans Stier nicht funktioniert. Das erste Startup Kaffee Toro sei gescheitert, weil der Geldgeber abgesprungen sei, sagt der Gründer. Nun muss er hoffen, dass das Geld diesmal reicht, um die Qualität seiner Maschine zu erhöhen. Die Zertifizierung muss außerdem abgeschlossen werden, die Beta-Phase steht noch aus. Er gebe sich alle Mühe, transparent zu sein, sagt Stier. Auf seine Webseite hat er einen detaillierten Zeitplan gestellt. Demnach wird die Kaffeemaschine Mitte 2016 fertig produziert sein.

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Wie realistisch die Vorhaben sind, kann nur Bonaverde einschätzen. Stier möchte keinesfalls zu den Crowd-Gescheiterten zählen, denn von der Dynamik der Gemeinschaft ist er begeistert. „Das ist die Zukunft!“, glaubt er. Das Wissen, das er von den Unterstützern erhalte, sei unbezahlbar. Vor kurzem habe beispielsweise einer der Crowdfunder, der selbst im Kaffeegeschäft tätig sei, für Stier eine Verpackung in Singapur abgenommen. Der Unterstützer lebt dort, Stier konnte sich die Reise sparen.

Der Gründer hofft, bald zu den Erfolgsgeschichten des Crowdfundings zählen zu können. Aber die Verzögerung bedeutet für Bonaverde nicht nur, sich mit verärgerten Geldgebern auseinandersetzen zu müssen, sondern auch mit stärker werdender Konkurrenz. Das Londoner Startup Ikawa etwa – 2010 gegründet und ebenfalls über Kickstarter finanziert – arbeitet an einem Kaffeeröster für die eigene Küche. Die Unternehmer wollen es so wie Bonaverde den Kaffeefarmern ermöglichen, direkt an Endkunden zu verkaufen. Und ihr Produkt ist weniger komplex als die Bonaverde-Maschine. Das Rennen gegen die Zeit läuft.

Bild: Bonaverde