Eine gute Idee umzusetzen, ist heute um einiges leichter als noch zu Zeiten vor der verbreiteten Nutzung des Internets, auch wenn die Ansprüche der Kunden steigen. Sie wollen Vielfalt bei möglichst allen Produkten und diese individuell auf sie zugeschnitten. Das Internet macht es möglich. Der Autor des Buches „The Long Tail“, Chris Anderson, vergleicht Onlineverkaufsplätze mit traditionellen Märkten und kommt zu einem überraschenden Ergebnis. Während eine Wal-Mart-Filiale über zirka 55.000 Musiktitel im Angebot hat, kann der Kunde von Rhapsody (Onlinemusikanbieter) unter 1,5 Millionen Musiktiteln auswählen. Amazon verfügt über zirka 3,7 Millionen Buchtitel, während der Kunde in einer herkömmlichen Buchhandlung, wie zum Beispiel Borders, unter 100.000 Titeln auswählen kann. Ein weiteres Demonstrationsbeispiel stellt die Onlinevideothek Netflix dar. Sie verfügt über mehr als 55.000 Titel, während eine Blockbuster-Filiale etwa 3.000 DVDs für den Kunden zur Auswahl bereithält. Beeindruckende Zahlen, die sich jeden Tag aktualisieren lassen, da sie kontinuierlich steigen. Jeder Kunde kann seinen persönlichen Geschmack ausleben, ohne vom Mainstream abhängig zu sein. Und die Unternehmen profitieren davon – was das Geschäftsmodell interessant werden lässt. Viele Anbieter haben die Chance, die der Markt bietet, erkannt und weiter ausgebaut.
Die nächste Stufe, die im „Markt der individuellen Kundenwünsche“ erreicht werden kann: Das Prinzip der „kundenindividuellen Produktion“ zielt auf die Erstellung individueller Produkte und Leistungen mit der Effizienz einer vergleichbaren Massenproduktion ab. Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren ist der intensive Austausch mit dem Kunden und die effiziente und stetige Umsetzung seiner Bedürfnisse. Der Kunde kann sich nicht nur vom Massengeschmack ablösen, sondern als erweiterte Stufe seine nachgefragten Produkte individuell branden. Auch dem Unternehmer bietet dieses Prinzip ein lukratives Geschäftsmodell, da die Kosten annähernd denen einer Massenproduktion entsprechen. Die Kostenvorteile können an den Kunden weitergegeben werden und bieten somit ein zusätzliches Verkaufsargument. Zusätzlich verrät der Kunde bei der Individualisierung etwas über seinen Geschmack. Hieraus lassen sich bei intensiver Beobachtung ein Trend und die damit verbundene zukünftige Nachfrage vorhersagen.
Die Kombination aus massenhafter und individueller Fertigung ist schon weit verbreitet und durchaus erfolgreich. Dem Kunden ist die Individualisierung seines Produktes wichtig und einige Unternehmen, wie zum Beispiel NIKEiD., mymuesli.com, geburtstagsgeschenk-online.de oder AktionsLicht.de haben dies bereits erkannt und erfolgreich umgesetzt.
Fallbeispiel 1: NIKEiD. – Zusammenstellung eines individuellen Schuhs
Auf der Homepage des bekannten Sportartikelherstellers Nike kann ein Schuh zum Beispiel nach Materialien, Farben der einzelnen Bestandteile, weiten und engen Größen oder sogar für rechts und links unterschiedliche Größen erstellt werden. Zusätzlich kann der Kunde eine individuelle ID auf den Schuh aufbringen lassen. Der Kunde muss zirka vier Wochen auf das Produkt warten, was er anscheinend gerne in Kauf nimmt.

Fallbeispiel 2: mymuesli.com – Zusammenstellung eines individuellen Müslis
Der Kunde kann bei mymuesli.com sein eigenes Müsli zusammenstellen und dem Mix auch einen eigenen Namen geben. Dank einer so genannten Mix-ID kann jedes Müsli jederzeit nachbestellt werden. Jeder Kunde hat die Möglichkeit, seine eigene Kreation auch auf seiner Seite oder seinem Blog einzubinden oder die Mischung weiterzuempfehlen. Ein Bekannter gibt dann die entsprechende Mix-ID an und bekommt die empfohlene Mischung nach Hause geliefert. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, dass der Kunde neue Zutaten vorschlagen kann.

Fallbeispiel 3: geburtstagsgeschenk-online.de – Branding von Geschenk-Produkten
Der Geschenkartikel-Anbieter aus Leinefelde bietet unter der Kategorie „personalisiert“ die Möglichkeit, persönliche Geschenke mit Gravur, Geschenke mit Bestickung, Geschenke mit persönlichem Druck, personalisierte Zollstöcke oder auch personalisierte Stempel zu bestellen.

Fallbeispiel 4: AktionsLicht.de – Erstellung eines individuellen Pergamentlichts
Der Kunde des Hamburger StartUps wählt entweder ein Motiv aus einer stetig wachsenden Motivbank oder lädt eine eigene, persönliche Vorlage hoch, die aus seinem Pergamentlicht ein Unikat macht. Dabei können zusätzlich individuelle Text- und Farbwünsche angegeben werden. Einige Künstler aus der Street Art-Szene nutzen diese Art der Projektion und bieten ihre Kunst auf der Seite an. Produziert werden die Aktionslichter regional, in Zusammenarbeit mit den Werkstätten für behinderte Menschen.

Realisierung des Geschäftsmodells der individuellen Produktion
Die vorangegangen Beispiele zeigen, wie essentiell das E-Business für das erfolgreiche Geschäftsmodell der „kundenindividuellen Produktion“ ist. Bei der Umsetzung des Geschäftsmodells sollte zunächst eine intensive Analyse der Wünsche der Zielgruppe (Marktanalyse mit Nutzung des Kundenwissens) durchgeführt werden. Zusätzlich sollten dem Kunden die Möglichkeiten für Erweiterungsvarianten, wie zum Beispiel bei mymuesli.com oder AktionsLicht.de gegeben werden. Hiermit können zukünftige Trends erkannt und frühzeitig umgesetzt werden. Der Onlinehandel mymuesli.com setzt den Multiplikatoreffekt „Weiterempfehlung durch den Kunden“ gelungen ein und erspart sich hiermit einen Teil der Marketingausgaben.
Um die Vielzahl der Möglichkeiten für den Kunden optisch transparent darstellen zu können, wird als Informationsschnittstelle zum Endkunden ein Design-Werkzeug benötigt. Der Kunde kann damit sein gewünschtes Produkt auswählen und es zusätzlich nach seinen Wünschen individualisieren. NIKEiD. bietet zum. B.eispiel eine 3D-Simulation an, die es dem Kunden vereinfacht, sein individuelles Modell zusammenzustellen. Enterprise Resource Planning-Systeme (ERP) helfen, die vorhandenen Ressourcen möglichst effizient einzusetzen. Nicht außer Acht zu lassen sind die Customer Relationship Management-Systeme (CRM). Sie sichern die Dokumentation und Verwaltung von Kundenbeziehungen. So können die Wünsche der Zielgruppe analysiert und integriert werden und als Multiplikator auf den Unternehmenserfolg wirken. (Weiterführende Informationen sind zu finden bei Dörflinger und Marxt: “Mass Customization –neue Potenziale durch kundenindividuelle Massenproduktion”.)
Die „kundenindividuelle Produktion“ tritt immer stärker in das Blickfeld des Kunden. Sowohl innovative StartUps als auch etablierte Unternehmen haben den Trend erkannt und ihn erfolgreich umgesetzt.
Über die Autorin:
Frederike Lueg ist seit 2006 Geschäftsführerin bei der Fritzsche & Lueg GbR, die auf ihrer Onlineplatform aktionslicht.de individuell bedruckbare Pergamentlichter anbietet. Anfänglich nur für Catering und Gastro gedacht, wurde die Zielgruppe schnell um den privaten Markt (vor allem Künstler und Designer) erweitert.
Frederike promoviert zurzeit in dem Bereich „Entrepreneurship & Entrepreneurial Finance“ an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie war bereits an mehreren StartUps beteiligt.

Ich sehe in der kundenindividuellen Massenfertigung auch ein sehr großes Potential und bearbeite diese Thematik in bezug auf meine Diplomarbeit und für meine Gründungsvorbereitung.
Eine gute Einführung gibt es auch noch von Frank Piller: “Mass Customization”.
Der Zukunftsforscher Alvin Toffler hat diese Art der Interaktiven Wertschöpfung übrigens schon 1980 vorausgesagt.
Individualisierung oder Personalisierung durch Bedrucken, Besticken und ähnlichem ist eine Möglichkeit. Wir bei Fluid Forms gehen aber schon den nächsten Schritt und ermöglichen Kunden nicht nur die Oberfläche, sondern die Produktform ansich selbst zu gestalten. Schlüssel dazu ist immer ein leicht verständliches, einfach zu bedienendes Design-Tool. Die Grenzen des Möglichen werden davor natürlich von Designern definiert, damit stets ästhetische Produktformen beim Co-Gestalten durch die Kunden herauskommen.
Sehr schöner Artikel zum Thema Mass Customization! Und Hannes Walter hat bereits einen weiteren spannenden Punkt aufgegriffen. Noch interessanter wird es nämlich an dem Punkt, an dem die Kunden auch an der Entwicklung der Produkte beteiligt werden (können). Momentan wird den Kunden ja meist nur die Möglichkeit gegeben, bestehende Produkte individuell zu gestalten.
Eigenwerbung als Artikel getarnt, soviel zu freier Journalismus.
@ Dirk: Herr Piller ist in gewisser Weise ja Europas Godfather of Mr. Mass Customization. Bin schon gespannt auf dein Gründungsvorhaben.
@ Matthias: Open Innovation, Crowd Sourcing & Co-Creation sind wohl nicht umsonst sie neuen Lieblingsthemen von Herrn Piller.
@ duke: wie du weisst, werden die Kommentare nicht direkt gepostet sondern von der Redaktion geprüft und freigeschalten. Dein Beitrag ist für die Diskussion also wohl auch wertvoll ;-)
@ Hannes: Ja, ich hab Herrn Piller mal auf einer Konferenz kennen gelernt und war begeistert von seinem Vortrag, auch von der Art und Weise wie er die Thematik rübergebracht hat.
Mein Gründungsvorhaben werde ich auf meiner Seite begleiten, jetzt steht erstmal die Antragsstellung für Förderung auf dem Plan.
Das Beispiel Nummer 1 ist jedoch nicht ganz richtig, wenn es um erfolgreiche Geschaeftsmodelle geht:
Nike und andere Firmen legen bei der kundenindividuellen Massenfertigung von Schuhen derzeit noch brutal drauf und machen dies nur aus Imagegruenden.
Rest des Artikels ist gut!
Hallo
internetworld business hat neulich eine Umfrage zum Thema Mass Customization: Trend oder Nischenmarkt? gestartet. Wie ist eure Meinung darüber?
http://www.internetworld.de/Menschen-Meinungen/Umfragen/Mass-Customization-Trend-oder-Nischenmarkt
Auf die Customization Frage bezogen, habe ich einen Artikel über den “Konsumenten” derartiger Angebote verfasst. Ich sehe einen starken Wandel im Kundenverständnis und versuche es mit dem Begriff “Prosumer” auf den Punkt zu bringen:
http://www.denk-selbst.com/2009/08/19/prosument-2-0//
[...] Das Prosumenten-Prinzip: Lass dem Kunden die Möglichkeit, das Produkt zu gestalten (MyMuesli, MyPerfuem etc.) [...]