bewertungen-rueckgang-stagnierend-finanzierung

Zu hoch hinaus? Das kann zum Absturz führen

Vor gut einem Jahr musste man fast glauben, weltweite Startup-Bewertungen kennen keine Grenze nach oben. Ein Unicorn zu sein – das erschien fast nicht mehr als eine Auszeichnung. Allzu regelmäßig kamen neue Mitglieder in diesen einst exklusiven Club. „13 neue Einhörner für Europa“ titelten wir im Sommer 2015 – es war die Bilanz der britischen Investmentbank GP Bullhound allein für die Szene diesseits des Atlantik.

Anfang des Jahres sagte dann ein bekannter deutscher Gründer hinter vorgehaltener Hand im Taxi vom Münchener Flughafen in die Stadt: „Wir haben gerade wieder eine Finanzierungsrunde gemacht, weil wir davon ausgehen, dass wir später in 2016 kein Geld bekommen werden. Zumindest nicht bei einer guten Bewertung. Das wird vielen so gehen.“ Und auch wenn das damals wie eine gewagte Aussage klang – er dürfte damit wohl Recht gehabt haben.

Zumindest für die USA bestätigt der vierteljährliche Cooley-Report nun jenen Eindruck stagnierender oder sogar sinkender Startup-Bewertungen. Die in der US-Tech-Szene bekannte Rechtsanwaltsfirma hat Zugriff auf einen großen Schatz an Startup-Daten. Und sie hat sich 143 Deals im Wert von zusammen 1,7 Milliarden US-Dollar angesehen. Für den Tech-Sektor zeigt sich deutlich: Der explosionsartige Anstieg der Unternehmenswerte ist vorbei.

Anzeige
Zuletzt hatte das der Valley-Hit Postmates des Gründers Bastian Lehmann zu spüren bekommen. Der Deutsche konnte gerade zwar 140 Millionen US-Dollar an Wachstumskapital für sein Liefer-Startup einsammeln. Allerdings zur gleichen Bewertung wie zur letzten Finanzierungsrunde vor knapp eineinhalb Jahren. Damals war Postmates ein halbes Unicorn, und daran hat sich nichts geändert.

Hierzulande hat zum Beispiel die Musikplattform Soundcloud seine Bewertung bei der letzten Finanzierungsrunde nicht steigern können, bei Rocket-Startups wie Home24 und Westwing gab es mitunter deutliche Korrekturen nach unten und die börsengelisteten Unternehmen wie Rocket selbst oder Windeln.de verloren deutlich an Marktwert. Geplante Börsengänge wie etwa der von Hellofresh wurden bereits abgesagt, weil die erträumten Milliardenbewertungen nicht hätten erreicht werden können.

Das hat der Cooley-Report für den US-Tech-Sektor festgestellt:

  • In den vergangenen zwei Quartalen beobachtete Cooley mehr „flat rounds“ als in den zwei Jahren zuvor. Etwa ein Viertel der Startups wurde bei Finanzierungen gleich wie oder geringer als bei vorherigen Runden bewertet.
  • Im Rahmen von Serie-A-Finanzierungen konnten die („pre-money“-) Bewertungen im laufenden Jahr zwar leicht auf durchschnittlich 15 Millionen Dollar zulegen. Das liegt allerdings unter dem Wert von 20 Millionen Dollar im Jahr 2014.
  • Bei der Serie B verringerten sich die Bewertungen von durchschnittlich 60 Millionen Euro Ende 2015 auf 40 Millionen Dollar im vergangenen Quartal.
  • Von 150 Millionen auf knapp 100 Millionen Dollar nahmen die Bewertungen bei Serie-C-Runden ab. Fast die Hälfte waren dabei „flat“ oder „down“.
  • Aufwärts ging es nur in späteren Phasen: Durchschnittlich 718 Millionen Dollar waren laut Cooley Unternehmen bei Serie-D-Runden wert – mehr als je zuvor, seit Cooley Daten sammelt.

War es das also schon wieder mit der schönen Tech-Startup-Welt? Eigentlich nicht. Denn auch wenn die Bewertungen korrigiert werden – oder zumindest nicht weiter steigen –, so liegen sie mit Blick auf historische Daten dennoch hoch. Und: Die Korrekturen bei Startup-Bewertungen sind bislang nicht annähernd so heftig ausgefallen, wie von einigen Szene-Beobachtern erwartet. Es gibt noch Geld – nur geben es die Investoren nicht mehr so leichtfertig aus der Hand. Das ist auch ein Zeichen des Erwachsenwerdens der Tech-Szene. Der Hype lässt nach – nicht jeder Markt lässt sich so einfach disrupten, wie man es zuvor zu glauben schien.

Die Geldgeber gehen deutlich umsichtiger mit dem Kapital um: Gerade in den Phasen, in denen die Jungunternehmen ihr Geschäftsmodell beweisen müssen, sind die Geldgeber vorsichtiger geworden. In frühen Phasen ist den Cooley-Zahlen zufolge weiterhin gutes Kapital zu bekommen, insbesondere weil sich hier immer mehr neue Geldgeber tummeln – die bei Investment-Erfolg irgendwann auch Geld für spätere Phasen zur Verfügung stellen können.

Auch wenn sich das Geschäftsmodell bewiesen hat und ein klarer Weg in die unternehmerische Zukunft gezeichnet ist, also in den späten Phasen ab Runde D, sind die Investoren weiter „bullish“, sehen also optimistisch in die Zukunft. Aber sie haben erkannt, dass nicht aus jedem Startup in wenigen Jahren ein Unicorn werden muss. Die ganz klare Herausforderung der Szene für die nächsten Jahre ist es also, die Anschlussfinanzierungen nach der Frühphase rechtzeitig zu sichern. Für viele Unternehmen heißt das: Sich bewusst zu machen, dass die Milliardenbewertung weiter weg ist, als vielleicht gedacht.

Bild: Gettyimages/Alberto Ruggieri