Datapath

Angefangen haben Sebastian Spies (31, links) und Sascha Coldewey (36) mit Datapath.io im Mainzer Industriegebiet.

Auf der Rheinstraße in Mainz ist viel los. Der Verkehr ist dicht, die Autos brettern in einer endlosen Schlange über den Asphalt, regelmäßig kreischt ein Martinshorn. Hier, in dem Haus neben einem Tattoo-Studio, sitzt das Team von Datapath.io im vierten Stock und arbeitet an der Zukunft des Internets. Für Sascha Coldewey und Sebastian Spies ist die vor allem eins: schnell.

Denn ihre Technologie soll die Internetverbindung von Cloud-Anbietern beschleunigen. Möglich ist das bislang für Anbieter, die bei Amazon Web Services (AWS) hosten. Auf die IT-Infrastruktur des Versandriesen greifen Content-Seiten wie Netflix oder Pinterest zurück.

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Alle 20 bis 30 Minuten misst Datapath.io dazu den Datenverkehr vom Anbieter zum Endabnehmer, der weltweit über Internet-Knoten läuft. Diese Messung kann das Startup in Frankfurt, London und im US-amerikanischen Ashburn vornehmen, wo Datapath.io in den Amazon-Rechenzentren mit eigener Hard- und Software vertreten ist. Die Messergebnisse zeigen, welche Daten-Strecken gerade voll sind. Auf die „Verkehrslage“ reagiert die Software, indem sie im weltweiten Streckennetz der Internet-Knoten die schnellste Route ausfindig macht und die Daten des Content-Anbieters dorthin umleitet. Denn die Strecken, die das Routingprotokoll BGP nach kürzester Entfernung auswählt, sind nicht zwangsläufig schnell.

Mitgründer Sascha Coldewey vergleicht das System mit einer Autobahn: „Ein Autofahrer versucht, den kürzesten Weg zu wählen. Wenn es auf der Strecke aber einen Stau gibt, fährt er ab. Er nimmt einen größeren Umweg in Kauf, fährt übers Land, kommt am Ende aber schneller an.“ Wie ein Navi erkennt Datapath.io Störungen und legt eine Netzwerkweiche am sogenannten Switch im Rechenzentrum um. So wird der Verkehr umgeleitet.

Bis zu 60 Prozent schneller

Dieser muss nicht zwangsläufig über die schnellsten Pfade laufen. Der Datapath.io-Kunde kann bevorzugte Strecken festlegen: Etwa „die mit den breitesten Straßen oder ohne Zoll“, erklärt Sascha – und meint damit die Bandbreite oder die Kosten einer Route.

Dem Anbieter werden pro Gigabyte mindestens sieben Cent berechnet. Dieses Geld hätten sie ohnehin für die AWS-Infrastruktur gezahlt, jetzt bekommt es Datapath.io. Unternehmen, die nicht in der Cloud sind, können die Datapath.io-Lösung als Lizenz erwerben.

Obwohl sich das Startup mit seinem Service an Content-Anbieter wendet, profitiert letztlich der Endabnehmer. Bis zu 60 Prozent schneller sollen die Seiten durch die Daten-Umleitung werden, heißt es. Es geht dabei um Millisekunden. Das wiederum könnte zum Beispiel auch für Adtech-Anbieter interessant sein.

Ihre Zielgruppe sehen Sascha und Sebastian vor allem an der Schnittstelle zwischen IT und Entwicklung, bei den sogenannten DevOps. Doch auch Marketer sollen das System dank Administrationsoberfläche bedienen können. Gestartet ist Datapath.io im Februar, zwischen fünf und zehn Kunden sind nach Angaben der Gründer derzeit live. Etliche weitere will man in den nächsten Monaten von sich überzeugen.

Tiefpunkte im Industriegebiet

Im Rahmen des Techstars-Programms im vergangenen Sommer gab es für die Gründer erstmals eine größere Finanzierung. Eine weitere Runde folgte im Dezember. Damals gab es knapp eine Million Euro – unter anderem von Target Partners und Speedinvest.

Nicht immer lief es für die gebürtigen Mainzer so gut. 2013 war Sebastian, studierter Informatiker, mit der Idee, das Internet schneller zu machen, auf Sascha zugekommen. Der hatte vorher seinen Kolibrishop an Dress-for-less verkauft und kümmerte sich nun um das Online-Outlet Aikme. Sebastian hatte einige Zeit in den USA gearbeitet, wo er sich für eine Regierungsorganisation mit Internet-Sicherheit beschäftigte. „Von da kommt das Wissen, das wir jetzt einsetzen“, sagt er.

Erste gemeinsame Schritte machten die Gründer im Lager von Aikme im Industriegebiet von Mainz Mombach, wo meistens eine Mischung aus Kläranlage und Nestlé-Produktion in der Luft liegt. „Wir haben in diesem dreckigen Lager hinter einem Einkaufscenter gehockt, nicht die schönste Ecke zum Arbeiten“, erinnert sich Sebastian – und spricht auch Tiefpunkte an: „Sascha und ich haben über Jahre nichts verdient. Obwohl wir weltweit mit potenziellen Investoren, Kunden und Partnern gesprochen haben, ist daraus nichts geworden.“

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Erst mit einem neuen Pitch-Deck Anfang letzten Jahres ging es bergauf, ein Business Angel half mit einer ersten kleinen Finanzierung aus. „Höhen und Tiefen hat jedes Startup“, meint Sascha. „Bei uns war das eine Zeit lang aber nur tief, tief, tief. Das war hart. Ab einem gewissen Punkt konnten wir aber auch nicht mehr aufgeben. Am Ende ist alles gut gegangen. Aber es war eine knappe Nummer.“

Probleme mit der Rekrutierung von guten Entwicklern haben die Gründer nicht, sagen sie. Der Zugang im Rhein-Main-Gebiet sei durch die Deutsche Bank oder SAP gut, aber eben auch teuer. Deswegen planen Sascha und Sebastian schon ein Büro in Berlin. Wann es soweit sein wird? „Wenn wir nur noch skalieren und alle Kinderkrankheiten überstanden haben“, erklärt Sascha. Am liebsten noch in den nächsten zwölf Monaten. Ab jetzt soll alles ein bisschen schneller gehen.

Bild: Sprachperlen/PR