Eine Bar in San Francisco, das erste Date läuft gut. Glaubt Christian zumindest. Und staunt nicht schlecht, als seine Verabredung sagt, dass sie jetzt leider weg müsse – um acht Uhr habe sie noch ein anderes Date. Dazu habe sie zwar gerade keine Lust, weil es so nett mit Christian sei – aber absagen wolle sie so kurzfristig auch nicht. „Möchtest Du vielleicht um zehn nochmal was trinken gehen?“

Christian hat die letzten Monate in Kalifornien verbracht, die Frauen dort, erzählt er, ticken anders als in Berlin. „Sie schreiben nicht so lange hin und her“, sagt er. „Da geht es viel schneller ans Treffen.“ Und es wird durchgetaktet. Erst fand er das ziemlich seltsam. Andererseits: „An sich nicht doof. Wenn man weiß, dass es erst mal darum geht, zu schauen, ob Interessen und Aussehen passen – dann ist das nur fair und produktiv.“

Die Apps, die Christian in San Francisco benutzt hat, sind andere als in Deutschland. Bumble ist da gerade angesagt, und Coffee and Bagel. Apps, die hierzulande noch fast niemand nutzt.

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Das App-Analytics-Unternehmen Applause hat jetzt ausgewertet, wie die Nutzer in den USA und in Deutschland die verschiedenen Dating-Apps finden. Dafür hat Applause die Kommentare im Apple- und Google-Play-Store per Algorithmus analysiert und die fast 100 Dating-Apps berücksichtigt, die mindestens 2.000 Bewertungen erhalten haben. Ein Wert zwischen null und 100 soll die Stimmung unter den Nutzern widerspiegeln. Das Ergebnis: Obwohl wie wild online gedated wird, schneiden die Apps überhaupt nicht gut ab.

Es fällt auf, dass die Nutzer mit Dating-Apps deutlich unzufriedener zu sein scheinen als mit Apps anderer Arten. In den USA erreichen Dating-Apps auf der Skala von null bis 100 nur einen Schnitt von 44. Im Gegensatz dazu liegt die durchschnittliche Note für 30 Millionen andere, weltweit ausgewertete Apps bei 67. In Deutschland sieht das Bild ähnlich aus.

Tinder schneidet besonders schlecht ab

Tinder, die wohl bekannteste Dating-App, schneidet bei der Analyse besonders schlecht ab. In Deutschland schafft es Tinder nur auf 29,5 Punkte, in den USA auf 39,5. Das bereits 2008 gestartete Tinder-Vorbild Grindr für Homosexuelle kommt noch schlechter weg: In Deutschland liegt der Wert nur bei etwa 20 von 100 Punkten.

Selbst die Apps, die deutsche Nutzer am besten finden, erreichen nicht sonderlich hohe Werte. Jaumo (70) schafft es auf Platz eins, es folgen OkCupid (60,5), Skout (52), Badoo (49,5) und Lovoo (47). In den USA landete die französische App Happn auf Platz drei mit einem Wert von 57. Außerdem landen Scruff und Moco unter den Top Fünf. Hierbei hat Applause mindestens 10.000 Nutzer-Bewertungen als Grenze gesetzt.

Doch warum ist die Stimmung unter den Nutzern der Dating-Apps so negativ? Laut Applause sei ihnen Datenschutz und -sicherheit sehr wichtig. Liest man sich durch die Kommentare in den App-Stores, bemängeln viele beispielsweise bei Tinder, dass man sich nur mit Facebook anmelden kann und es Pflicht ist, das GPS zu aktivieren. Bei Tinder und Lovoo schreiben einige Genervte außerdem, es gebe zu viele Fake-Profile. Von Zeit zu Zeit scheinen Nutzer auch den Frust über das andere Geschlecht in den Bewertungen abzulassen – das hat dann nicht so viel mit den Applikationen zu tun.

Christian jedenfalls hat das Dating in den Staaten nicht frustriert. „Es war lockerer, unkomplizierter“, sagt er. „Und weniger Zeitverschwendung. Da bin ich sehr deutsch.“ Allerdings, räumt er ein, komme es drauf an, was das Ziel eines Dates sei. „Meines war es, mit Leuten in Kontakt zu kommen. Dafür war das Modell optimal. Aber die Romantik habe ich schon vermisst.“

Dies ist die gesamte Auswertung für die USA (klicken zum vergrößern):

Titelbild: Gettyimages/Martin Barraud; Grafik: Applause Analytics