20 Euro note folded into paper airplane

Passend zum Herbstwetter: Die Stimmung in Startup-Europa verdüstert sich gerade. Im dritten Quartal dieses Jahres sind weniger Deals zustandegekommen und es wurde deutlich weniger investiert. Verantwortlich dafür dürfte die Brexit-Entscheidung Ende Juni sein, gleichzeitig folgt Europa damit aber auch einem globalen Trend: Investoren sind vorsichtiger geworden.

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VC-Investments und Deals in europäischen Tech-Unternehmen werden höchst unterschiedlich gemessen – eine offizielle Statistik gibt es nicht. Die Schätzungen und Analysen von CB Insights/KPMG, Dow Jones VentureSource, Tech.eu/Dealroom.co und PitchBook/Merill Corp ergeben aber einen gemeinsamen Trend: Das dritte Quartal war schwach gegenüber dem vorangegangenen Quartal, und es war besonders schwach im Vergleich zum Vorjahresquartal.

Drei der vier Analysen verzeichnen weniger Deals in Q3 als in Q2 2016, die Funding-Summe fällt zwischen 17 und 32 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Quartal. Im Vergleich zum dritten Quartal 2015 fällt der Unterschied noch mehr auf: Zwar liegt die Zahl der Deals in drei von vier Fällen sogar leicht über dem Vorjahresniveau, doch die investierte Summe sinkt drastisch (die Schätzungen rangieren zwischen 17 und 39 Prozent).

Wer oder was ist dafür verantwortlich? VC-Geldgeber reagieren wie andere Investoren auch auf die ökonomische Großwetterlage. Und hier herrscht grundsätzliche Unsicherheit – die mal mit der zähen wirtschaftlichen Entwicklung in Europa oder den USA zu tun hat, mal mit der Ende des Jahres erwarteten Zinserhöhung durch die US-Notenbank, fast immer aber mit der Entscheidung Großbritanniens, die Europäische Union verlassen zu wollen.

„Die beispiellose Entscheidung Großbritanniens, die EU zu verlassen, hat sicherlich einen Schatten der Unsicherheit über Europas VC- und Startup-Ökosystem geworfen“, glaubt Adam Pang von Merril Corp. Während der Brexit für einen Großteil der Startups kurzfristig keine Folgen habe, würden die meisten VCs die Auswirkungen des bevorstehenden Austritts schon jetzt bei jedem neuen Investment genau untersuchen.

Laut Tech.eu/Dealroom.co ist der britische Markt auch vor allem für das schwache dritte Quartal in Europa verantwortlich: Auf der Insel sank die Zahl der Deals am deutlichsten. Auch in Deutschland gingen die Investments zurück – hier dürfte eine neue Zurückhaltung der kriselnden Firmenfabrik Rocket Internet verantwortlich sein.

Bei CB Insights/KPMG geben sich die Experten überzeugt, dass die Brexit-Folgen noch längst nicht eingepreist seien. „Die volle Bedeutung des Brexits für die Wirtschaft und den VC-Markt Großbritanniens dürften erst über die nächsten zwei, drei Jahre klarer werden, wenn die Bedingungen für den Ausstieg mit der EU verhandelt werden“, schreiben die Autoren. Klar sei aber: London werde als Startup-Standort jetzt noch mehr Konkurrenz aus Berlin, Dublin, Barcelona oder Paris bekommen.

Gerade gestern hat die estnische P2P-Kreditplattform Bondora angekündigt, ihre neue Europazentrale nicht nach London zu verlegen. „Es herrscht einfach zu viel Unsicherheit. Großbritannien hat seine Attraktivität als Fintech-Hub verloren“, verkündete Gründer Pärtel Tomberg. Für den neuen Standort stünden nun Berlin, Frankfurt und München in der engeren Auswahl, so das 2008 gegründete Unternehmen.

Bild: Getty Images / Chris Ryan