Abwarten und zukaufen scheint die Strategie deutscher Banken zu sein, um doch noch innovativ zu werden. Aber sie wird nicht aufgehen: Mit Befremden schauen die großen Institute hierzulande noch immer auf Fintech-Startups. Zögerlich entwickeln sich Kooperationen, nur langsam ergreifen die Banken selbst die Initiative. So beispielsweise die Innovationszentren der Deutschen Bank, die ab Herbst dieses Jahres über 500 Startup-Ideen jährlich testen sollen. Das kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich in Deutschland bereits vielversprechende Fintech-Unternehmen etablieren.

Ganz abgesehen von den innovativen Startups des Sektors im Rest der Welt: Eine aktuelle Analyse von Barkow Consulting hat weltweit 42 Fintech-Firmen gefunden, die über eine Milliarde Dollar wert sind. Die Liste wird vom Bezahldienstleister Paypal mit einer Marktkapitalisierung von beinahe 50 Milliarden US-Dollar angeführt.

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Größere Übernahmen dürften sich da schwierig gestalten, das können sich deutsche Banken gar nicht mehr leisten. Und auch ihren Wissensrückstand können die Institute nicht so schnell überbrücken. Dafür sind die Strukturen im deutschen – und europäischen – Bankwesen zu lange zu starr geblieben. Das hat die Konzerne schwerfällig gemacht bei einer potenziellen Kursänderung.

Wie wenig sich europäische Institute mit ihren digitalen Herausforderern auseinandersetzen, offenbart zum Beispiel eine Umfrage unter 110 leitenden Managern britischer Banken: The Financial Brand fragte die Executives nach globalen Fintech-Startups. 57 Prozent gaben an, noch nie von Square gehört zu haben; 27 Prozent sei der Name zwar schon begegnet, sie allerdings nicht, womit sich das Startup beschäftigt. Square ist sechs Milliarden US-Dollar wert. Ähnliche Ergebnisse zeigen sich bei den Fragen nach Transferwise und LendingClub, lediglich PayPal ist fast allen ein Begriff. Ob das in Deutschland besser aussieht? Man darf Zweifel haben.

Dabei sind auch britische Banken nicht tatenlos geblieben und versuchen mit Acceleratoren und anderen Startup-Initiativen ihr Glück: Barclays hat einen eigenen Accelerator, ebenso RBS gemeinsam mit NatWest, Lloyds kooperiert mit dem Londoner Startupbootcamp und HSBC hat angekündigt, 200 Millionen Dollar weltweit in Startups zu investieren, die die Finanztechnologie verbessern wollen. In London wie in Frankfurt sucht man also an den gleichen Stellen nach Inspiration.

Was auf beiden Seiten des Ärmelkanals fehlt, sind durchschlagende Erfolge. Die fünf größten Fintech-Einhörner in der Welt sind bereits wertvoller als die fünf größten börsennotierten deutschen Banken – die Deutsche Bank, die Commerzbank, Aareal, die Pfandbriefbank und Comdirect. Während die Fintechs zusammen über 78 Milliarden Dollar wert sind, erreichen die deutschen Banken laut der Barkow-Studie demgegenüber nur 67 Milliarden an Wert.

Was bleibt den deutschen Instituten also noch übrig? Vielleicht kleinere Unternehmen zu kaufen in der Hoffnung, diese entwickelten sich noch. Fraglich ist allerdings, ob ein vielversprechendes Startup in einem Konzern noch seine innovative Kraft entfalten kann. Die Banken könnten stattdessen von Innovatoren abschauen und endlich selbst transparentere und flexiblere Angebote oder auch praktische Apps anbieten. Sie sollten sich allerdings beeilen – denn all das ist bereits auf dem Markt.

Unter die Top 10 der weltweit wertvollsten Fintech-Unternehmen hat es immerhin eine deutsche Firma geschafft:

  1. Paypal, Palo Alto – Wert: 49 Milliarden US-Dollar
    Das Bezahl-Unternehmen wurde bereits 1998 in Kalifornien gegründet, unter anderem von dem Deutschen Peter Thiel. Paypal gehörte fast 13 Jahre lang zu Ebay, nach der Abspaltung im Juli ist die Firma nun deutlich mehr wert als ihre frühere Mutter. Paypal ist im Nasdaq gelistet.
  2. Lufax, Shanghai – Wert: 9,6 Milliarden Dollar
    Das chinesische Startup wurde im September 2011 gegründet und verdient sein Geld mit Peer2Peer-Lending. Vor kurzem sagte Lufax-Chef Gregory Gibb gegenüber Bloomberg, die Firma sei nicht profitabel, da man sich gerade auf die Expansion konzentriere: Man wolle ein „offener Marktplatz für Vermögensverwaltung“ sein. Lufax gehört zu 49 Prozent der chinesischen Ping Insurance Group. Anfang des Jahres sammelte das Startup über eine Privatplatzierung seiner Aktien 480 Millionen US-Dollar ein.
  3. Zhong An, Shanghai – Wert: 8 Milliarden Dollar
    Das chinesische Versicherungsstartup launchte im November 2013 – E-Commerce-Riese Alibaba ist der größte Anteilseigner mit knapp 20 Prozent. Auch die Ping Insurance Group ist an Zhong An, das sich auf Online-Sachversicherungen spezialisiert hat, beteiligt. Mitte Juni erhielt das Startup in einer Finanzierungsrunde, an der unter anderem Morgan Stanley beteiligt war, über 930 Millionen US-Dollar.
  4. Square, San Francisco – Wert: 6 Milliarden Dollar
    Das Mobile-Payment-Unternehmen wurde 2009 von Twitter-Erfinder Jack Dorsey und  Jim McKelvey gegründet. Investiert sind Star-VCs wie Sequoia Capital, Kleiner Perkins, Citi Ventures und seit der Series E auch die Investmentbank Goldman Sachs.
  5. LendingClub, San Francisco – Wert: 5,6 Milliarden Dollar
    Der Online-Marktplatz von Gründer und CEO Renaud Laplanche vermittelt private und geschäftliche Kredite. Nach eigenen Angaben hat das 2007 gegründete Unternehmen bislang über 11 Milliarden US-Dollar Kredit vergeben. Im Dezember ging LendingClub an die Börse, investiert sind unter anderem BlackRock, Google Capital und auch Starinvestorin Mary Meeker investierte mit Kleiner Perkins.
  6. Wirecard, München – Wert: 5,1 Milliarden Dollar
    Das Unternehmen bietet Zahlungs und- Risikomanagement-Lösungen an und beschäftigte 2014 über 1.700 Mitarbeiter. Die Tochter Wirecard Bank AG verfügt über eine Banklizenz und arbeitet beispielsweise mit dem deutschen Hype-Startup Number26 zusammen, in das Peter Thiel in diesem Jahr investierte. Wirecard ist im TecDax gelistet.
  7. Stripe, San Francisco – Wert: 5 Milliarden
    Das 2010 von Patrick und John Collison gegründete Startup bietet seinen Kunden Tools und API-Schnittstellen, mit welchen sie Online-Bezahlungen ermöglichen und managen können. Insgesamt sind 190 Millionen Dollar Funding in die Firma geflossen, investiert haben unter anderem American Express, Visa, Sequoia, Kleiner Perkins und Peter Thiel.
  8. Zillow, Seattle – Wert: 4,8 Milliarden
    Rich Barton und Lloyd Frink haben den Online-Real-Estate-Marktplatz bereits 2005 gegründet. Insgesamt hat das Unternehmen neun andere Firmen geschluckt und ist seit 2011 an der Börse notiert.
  9. Zenefits, San Francisco – Wert: 4,5 Milliarden
    Das 2013 gegründete Startup will Kunden helfen, ihre HR zu managen, also Lohnabrechnungen, Boni, und so weiter zu überblicken. Die Gründer Laks Srini und Parker Conrad bekamen in ihrer Serie C diesen Mai 500 Millionen US-Dollar von verschiedenen Investoren wie Jared Leto, Epic Ventures, Insight Venture Partners und dem Founders Fund.
  10. Credit Karma, San Francisco – Wert: 3,5 Milliarden
    2007 hat Kenneth Lin Credit Karma gegründet – eine Plattform, die es den über 40 Millionen Mitgliedern ermöglicht, ihre Kreditwürdigkeits-Bewertung einzusehen und die einzelnen Komponenten zu analysieren. Das soll den Kunden beispielsweise helfen zu verstehen, welchen Kredit sie bekommen könnten und so Aufwand ersparen. Ende Juni bekam das Unternehmen in der Serie D 175 Millionen US-Dollar von Altinvestor Tiger Global Management und den Neuinvestoren Valinor Management und Viking Global Investors.
Titelbild: woraput / Getty Images; Grafik: Barkow Consulting