startup valley germany

Ein Beitrag von Philipp Berner, Mitgründer und CTO von KeepSafe.

Software kann man auf der ganzen Welt entwickeln. Software-Firmen können jedoch deutlich besser im Silicon Valley aufgebaut werden, wie ein Blick auf Software-Firmen, die in den letzten 20 Jahren richtig erfolgreich waren, zeigt. Damit schließe ich bewusst jeden anderen Markt auf der Welt aus, ausgenommen China.

Und wie immer gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel. SAP ist eine große Software-Firma aus Deutschland, es ist aber auch eine der wenigen, wenn nicht die einzige. Google, Facebook, Paypal, Twitter, Pinterest, WhatsApp und Oculus Rift kommen alle aus dem bedeutendsten Standort für IT und High Tech. Andere erfolgreiche Firmen wie Zendesk wurden in Kopenhagen gegründet, sind dann jedoch, um die Firma aufzubauen, nach San Francisco umgezogen.

Mit diesem Artikel möchte ich meine Erfahrung über die Unterschiede gerne teilen, in der Hoffnung, dass wir in Deutschland und Europa die Bedingungen für Neugründungen verbessern können. Es geht dabei nicht darum Silicon Valley zu kopieren, sondern viel mehr, um zu lernen. Meine Erfahrung –  auf der dieser Vergleich aufbaut –  basiert auf der Softwarefirma ViCommerce in München und KeepSafe im Silicon Valley.

1. Groß denken

Der größte Unterschied ist die Denkweise der Leute. Im Valley ist es erlaubt und jeder wird dazu motiviert, groß zu denken. Die Ambition  –  bildlich gesprochen –  auf den Mond zu fliegen, zieht sich durch die ganze Landschaft.

Ideen, die die Welt verändern, sind erlaubt. Oft erlebe ich nach einem Gespräch, dass ich gerade angeleitet wurde, etwas größer zu denken und zu handeln. Das ist ein Phänomen, das ich in Deutschland so nie erlebt habe. Meine Erfahrung in Deutschland war, dass sich Leute auf lokale Probleme stürzen oder auf Nischen, die so klein sind, dass es schwierig ist, auf dieser Grundlage ein großes Unternehmen zu bauen.

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2. Zugang zu Wissen

Wissensaustausch findet im Silicon Valley auf eine Art und Weise statt, die ich von keinem anderen Ort auf der Welt kenne. Dieser basiert auf dem Grundgedanken, dass jeder Einzelne beim Austausch von Informationen und Erfahrungen mehr gewinnt als er abgibt. Dies bedeutet aber nicht, dass ich bei jedem Informationsaustausch, bei dem ich meine Erfahrungen teile, mehr Erfahrungen gewinne. Vielmehr ist es ein System, dass im Gesamten funktioniert  –  durch die Teilnahme aller Beteiligten. Befeuert wird der Informationsaustausch durch die Dichte an Personen, die seit Jahren in der gleichen Industrie sind und Erfahrung haben, große und erfolgreiche Firmen aufzubauen.

Des Weiteren wird der Informationsaustausch auch viel institutionalisiert. Dies existiert in Form von Meetups, um über ein bestimmtes Thema zu sprechen oder kleineren Runden wie Abendessen oder Stammtischen von Leuten in gleichen Positionen, wie beispielsweise im Business Development.

3. Talent und Erfahrung

Einer der größten Nachteile, aber auch zugleich einer der größten Vorteile, ist der Zugang zu talentierten Menschen mit einzigartigen Erfahrungen. Das wurde  ausgelöst durch die extrem hohe Dichte an erfolgreichen Software- und Technologie-Firmen: Erfahrungen, um hoch skalierbare Server-Systeme zu bauen, Erfahrungen, einfach zu bedienende Apps zu designen, spezielle Hardware-Entwicklungen, Online-Marketing und vieles mehr. Dies bedeutet nicht, dass es keine fähigen Menschen in anderen Orten der Welt gibt. Es bedeutet lediglich, dass die Dichte an Personen mit relevanter Erfahrung extrem viel höher ist.

Ein Beispiel: Wenn ich eine neue Art von Kamera entwickeln möchte, habe ich die Möglichkeit, jemanden zu finden, der dies schon einmal gemacht hat. Oder auch: Einer unserer technischen Berater hat bei Sun Microsystems den ersten Java Compiler geschrieben.

Die Herausforderung besteht darin, das vorhandene Talent davon zu überzeugen, dass die eigene Firma oder das eigene Projekt es wert ist, Zeit darauf zu verbringen. Bestehende, erfolgreiche Firmen bieten extremen Wettbewerb durch interessante Probleme, ein Arbeitsumfeld, das keine Wünsche offen lässt, gute Bezahlung, Shuttles ins Büro und vieles mehr.

4. Finanzierung

Investoren im Valley spielen in einer anderen Liga, einer, die ich bislang an keinem anderen Ort kennengelernt habe. Gute Investoren sind auf der Suche nach der großen Wette, auf der Suche nach Firmen, die die Welt nachhaltig verändern und die Chance haben, eine der nächsten großen Unternehmen zu werden. Das Ziel einer unserer Investoren ist es, mit 80 Jahren auf seiner Terrasse zu sitzen und sich die Landschaft der bestehenden Internet- und Software-Firmen anzusehen und sagen zu können: „Und an diesen Grundsteinen der Industrie habe ich teilgehabt.“ Ich bin der Meinung, dass er mit Investments wie Twitter auf einem guten Weg ist.

Diese Art zu denken bringt eine völlig andere Herrangehensweise zum Thema Finanzierung mit sich. In Deutschland habe ich noch einen 30-Seiten-Businessplan geschrieben. Mit meiner heutigen Erfahrung kann ich sagen, dass dies für die meisten Firmen eine der größten Zeitverschwendungen ist. Die meisten Geschäfte sind einfach in ihrer grundlegenden Mechanik –  eine einfache Kalkulation der Stückkosten zusammen mit einer Hochrechnung über „wie viel davon verkauft werden muss“ und was die Kosten der Herstellung sind, reicht in den meisten Fällen völlig aus. In der Software-Welt ist die Herstellung das Personal und die Stückkosten sind die Betriebskosten von Servern.

Wir haben unsere letzte Finanzierung über 3,5 Millionen Dollar auf zehn Slides und einer Seite Excel-Spreadsheet aufgenommen  –  nicht, dass sich jemand das Spreadsheet wirklich angesehen hätte. Unsere Gespräche gingen viel mehr um die grundlegende Motivation, warum die Leute KeepSafe benutzen, wie sich dieses Verhalten über die nächsten zehn Jahre weiter entwickelt, unser aktuelles Wachstum und erste Experimente mit einem bezahlten Service. Es ist relativ offensichtlich, dass das Geld ausgegeben wird, um Leute einzustellen und Server zu bezahlen.

5. Speed

Die Geschwindigkeit, mit der Dinge hier passieren, ist ungeheuerlich. Jeder der im Valley ankommt und arbeitet oder Geschäfte machen möchte, wird sich erst einmal daran gewöhnen müssen. In München war ich noch eine Welt gewohnt, in der es völlig normal war, einen Termin in sechs Wochen zu vereinbaren. Wenn hier nicht gerade jemand in einem vierwöchigen Urlaub ist, ist ein Termin in sechs Wochen völlig inakzeptabel.

Wenn ich einen Termin Anfang der Woche vereinbaren möchte, ist dieser zu 80 Prozent innerhalb der selben Woche. Egal, wer und egal, wie wichtig die andere Person ist.

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Das gleiche gilt auch für Mitarbeiter und Kündigungsfristen. Die Standard-Kündigungsfirst beträgt zwei Wochen –  im Vergleich zu den drei Monaten, die ich noch aus Deutschland kenne.

Wenn mir ein Mitarbeiter kündigt, dann ist dieser in der Regel in zwei Wochen nicht mehr da. Wenn ich jemanden finde, den ich gerne einstellen möchte, kann dieser auch in den nächsten zwei Wochen bei mir anfangen. Bei einem unserer Interviews bei KeepSafe saßen wir Freitagabend mit einem potenziellen Mitarbeiter zusammen und stellten die Frage: „Wann kannst du bei uns anfangen?“ Seine Antwort war: „Mittwoch!“ Für den Arbeitnehmer bedeutet das, etwas mehr Bargeld auf der hohen Kante –  rein zur Sicherheit –  liegen zu haben.

6. Probleme existieren in einem dichten Ökosystem früher

Durch die extreme Dichte an Firmen und den einzelnen Erfolgen, die auf einer Größenordnung operieren, die es sonst auf dieser Welt nicht gibt, entsteht ein interessantes Phänomen: Es treten neue Probleme und Herausforderungen auf, die auschließlich im Silicon Valley zu finden sind. Die Lösung dieser Probleme schafft oft eine neue Sub-Industrie, die häufig von denjenigen gestartet wird, die als erstes damit zu tun hatten.

Um dem ganzen ein Beispiel zu geben: Big Data ist eine Sub-Industrie, die sich mit dem Problem der schnellen Datenverarbeitung von extrem großen Datensätzen beschäftigt. Big Data ist aus den internen Problemen von Google, Twitter, Facebook und anderen entstanden, die auffrund ihres Erfolges Daten in einer Größenordung generieren, die es bis dahin nicht gab. Um aus diesen Datenmengen jetzt Fragen zu beantworten, mussten in absehbarer Zeit neue Tools entwickelt werden. Aufbauend auf diesen Tools haben dann neue Startups weitere Software gebaut, um diese beispielsweise einfacher zu bedienen.

Aus diesem Grund werden im Valley oft Probleme gelöst, die der Rest der Welt noch nicht hat. Ein paar Jahre später verwendet der Rest der Welt dann diese Lösungen.

Bild: Philipp Berner